Vietnamesen in Lichtenberg: Zuwanderung hält an

Im Lichtenberger Don Xuang-Center an der Herzbergstraße arbeiten viele Vietnamesinnen und Vietnamesen. Auch Neuankömmlinge finden dort oft eine Beschäftigung. Foto: Marcel Gäding
Im Lichtenberger Don Xuang-Center an der Herzbergstraße arbeiten viele Vietnamesinnen und Vietnamesen. Auch Neuankömmlinge finden dort oft eine Beschäftigung. Foto: Marcel Gäding

Die Zahl der in Lichtenberg lebenden Vietnamesen steigt von Jahr zu Jahr. Vor allem junge und oft schwangere Frauen verlassen ihre Heimat, um in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Das stellt Vereine und Behörden vor besondere Herausforderungen.

Lichtenberg ist der Ort in Deutschland, an dem die meisten Vietnamesen außerhalb ihres Heimatlandes leben – und das hat Gründe. Zu DDR-Zeiten siedelten viele von ihnen als sogenannte Gastarbeiter über, um in volkseigenen Betrieben zu arbeiten, sich ausbilden zu lassen oder ein Studium aufzunehmen. Die Lichtenberger Integrationsbeauftragte Bärbel Olhagaray sagt, dass zu DDR-Zeiten 59.000 Vietnamesen auf diese Weise im Osten Deutschlands arbeiteten. Als die Mauer fiel und Betriebe schlossen, blieben viele von ihnen. Sie machten sich selbstständig, gründeten Dienstleistungsunternehmen und investierten in die Bildung ihrer Kinder. Von den derzeit rund 30.000 in Berlin lebenden Vietnamesen haben rund 20.000 ihren Wohnsitz in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Offensichtlich haben die beiden Bezirke in Vietnam einen guten Ruf, sodass der Zuzug dorthin nicht abreißt. „Jedes Jahr wandern rund 300 Vietnamesen aus, die meisten siedeln sich in Lichtenberg an“, sagt Bärbel Olhagaray. „Die Zuwanderung hält an.“

Bei vielen Vietnamesen, die derzeit nach Deutschland kommen, handelt es sich meist um junge Frauen, die oft schwanger sind. „Der Frauenanteil liegt bei 90 Prozent“, sagt Nozomi Spennemann vom Verband für interkulturelle Arbeit (VIA) Berlin/Brandenburg e.V. Der häufigste Grund, das Heimatland zu verlassen, sei Armut. „Ihre Männer und Partner kommen dann meist per Familienzusammenführung nach.“ In der Regel stammten die Migranten aus den ländlichen Räumen Zentralvietnams und erhoffen sich in Deutschland eine bessere Perspektive. Hier angekommen, seien die Frauen zunächst auf sich allein gestellt. „Das Vertrauensverhältnis zu staatlichen Angeboten ist nicht sehr ausgeprägt“, weiß Bärbel Olhagaray. Daher setzen die Neuankömmlinge auf Unterstützung der vietnamesischen Community, für die sie jedoch viel Geld bezahlen müssen.

Der Bezirk hat darauf längst reagiert, unterstützt unter anderem junge vietnamesische Mütter. 2018 wurde außerdem die Arbeitsgruppe „Vietnamesische Asylbewerberinnen“ gegründet: Dort werden von Lichtenberg aus berlinweite Unterstützungsangebote verbunden. Außerdem erarbeitet das Netzwerk Konzepte, um die Frauen gezielt zu unterstützen. 20 Vereine, Projekte und Träger finden sich in dem Zusammenschluss. Unter anderem informiert es auf einem A4-Blatt in Deutsch und Vietnamesisch über Angebote für geflüchtete Vietnamesen.

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) hofft, mit Hilfe des Netzwerkes eine „niedrigschwellige“ Versorgungskette für die zugewanderten Frauen aufzubauen und mit den zahlreichen Angeboten ihre Integrationschancen zu erhöhen. „Einrichtungen sollen Ansprechpartner in den weiterführenden Hilfen haben, an die sie vietnamesische Frauen und Mütter weiterleiten können. Nur so kann Vertrauen in das Hilfesystem aufgebaut und die Hemmschwelle zur Inanspruchnahme von freiwilligen Unterstützungsangeboten abgebaut werden“, sagt Grunst. (gäd.)

Dokumentation über vietnamesisches Leben in Lichtenberg

Im Rahmen der Arbeit des Runden Tischs für politische Bildung Lichtenberg wurde durch die Fach- und Netzwerkstelle Lichtblicke ein Dokumentarfilm über vietnamesisches Leben in Lichtenberg produziert. Der Film ist kostenlos abrufbar unter http://bit.ly/vietnamesen-in-lichtenberg