Umstrittene Pläne für die Trabrennbahn Karlshorst

Der Trabrennsport ist schon lange kein Zugpferd mehr auf der Trabrennbahn. Bisher fehlte es jedoch an realistischen Ideen für das Gesamtgelände. Foto: Marcel Gäding
Der Trabrennsport ist schon lange kein Zugpferd mehr auf der Trabrennbahn. Bisher fehlte es jedoch an realistischen Ideen für das Gesamtgelände. Foto: Marcel Gäding

Bezirk und Eigentümer wollen das Areal der Trabrennbahn Karlshorst nun gemeinsam entwickeln. Die Rede ist von neuen Wohnungen, Sportflächen und Gewerbe. Viele Anwohner sehen die Pläne aber skeptisch.

Der Rost hat dem Geländer rund um das Geläuf bereits gut zugesetzt – da hilft auch keine Farbe mehr. Die weiße Schicht bröckelt – deutlicher könnte das Signal nicht ausfallen, dass auf dem Gelände der traditionsreichen Trabrennbahn Karlshorst etwas passieren muss. Zwar hat sich erst im Oktober 2019 ein inklusives Reit- und Therapiezentrum angesiedelt. Doch das weitläufige Areal an der Grenze zum Bezirk Treptow-Köpenick vermittelt einen Eindruck, der Mitleid erzeugt und Fragen aufwirft: Warum gelingt es nicht, diesen innerstädtischen Standort zu entwickeln? Hat der Pferdesport eine Perspektive? Oder wäre es bei Bodenrichtwerten von 530 Euro pro Quadratmeter nicht einfacher, das 37 Hektar große Gelände für rund 196 Millionen Euro zu versilbern?

Nun, ganz so einfach ist das alles nicht. Denn um Antworten auf die Fragen zu finden, ist ein Blick in die Vergangenheit nötig.

Seit 1884 werden in Karlshorst Pferderennen ausgetragen. 1945 erließ der sowjetische Stadtkommandant Nikolai E. Bersarin die Order, das Areal zu einer Trabrennbahn umzubauen. Sie sollte bis zum Mauerfall die einzige Sportanlage dieser Art in der DDR bleiben. Nach der Wende wurde die Anlage zeitweise vom Trabrennverein Mariendorf, der in Berliner Trabrenn-Verein (BTV) umbenannt wurde, betrieben. Und das Geschäft mit dem Pferdesport lief auch eine Zeit lang gut: Mehr als 100 Renntage wies der Veranstaltungskalender auf, von der Tribüne aus wurde gefiebert und gewettet. 2001 schließlich drohte erstmals das Aus für die Trabrennbahn, weil sich der BTV stärker auf Mariendorf konzentrieren wollte. Ein Grund war auch, dass das Interesse am Pferdesport deutlich zurückging – und damit auch wichtige Einnahmen aus Wetten fehlten. Schließlich entschied sich die Treuhand (ihr gehörte das Gelände), eine Hälfte zu verkaufen und die andere Hälfte an den Berliner Rennverein zu übertragen. Dieser schmiss jedoch zwei Jahre später hin – und so kam der junge Verein „Pferdesportpark Berlin-Karlshorst“ zum Zuge. Dieser betreibt mit einer eigens gegründeten GmbH in erster Linie Sportveranstaltungen. Doch bis heute befindet sich die Trabrennbahn Karlshorst in einer schwierigen Situation. Für dieses Jahr sind gerade einmal 14 Renntermine angesetzt. Große Veranstaltungen, die Geld in die Kasse brachten, können momentan wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Mit anderen Worten: Allein mit Pferden lässt sich kein Geld (mehr) verdienen. Also müssen neue Konzepte her.

Schon 2014 berichtete das Bezirks-Journal darüber, dass mit Hilfe von Fördermitteln Perspektiven erarbeitet werden sollen. Immerhin, einiges wurde umgesetzt. Dazu gehört das inklusive Reit- und Therapiezentrum. Außerdem war Karlshorst zweimal Austragungsort der Island-Pferde-WM. Man kann sagen, dass der rührige Betreiberverein vieles versucht hat. Der große Durchbruch allerdings blieb aus.

Zumindest bis jetzt. Denn nun starten das Bezirksamt Lichtenberg und die Eigentümer der Trabrennbahn Karlshorst einen neuen Anlauf, das Areal zu entwickeln. Wer nun allerdings auf Überraschungen hofft, wird enttäuscht. Zwar kündigt Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPP) im Rahmen einer Onlinepräsentation an, die Nutzungsvielfalt sichern und Synergieeffekte nutzen zu wollen. Doch die bislang vagen Pläne sind eher beliebig: Von 500 neuen Wohnungen ist da die Rede, vom Bau einer Kita mit 70 Plätzen, von Gewerbe auf 41.000 Quadratmetern und Flächen für Freizeitsport. Eine große Vision liefern Bezirk und die von den Eigentümern beauftragten Planer allerdings bislang nicht. Nur ein Aha-Effekt entsteht, wenn man in die im Dezember veröffentlichten Zahlen schaut. Für die Bereiche Pferde, Sport und Freizeit sollen nur noch 19,5 Hektar bereitstehen – gerade einmal ein Viertel der einstigen historischen Trabrennbahnfläche. Geplant ist nach Angaben des Stadtentwicklungsstadtrats ein städtebauliches Konzept. Architektin Anika Wolff vom Büro „ligne architekten“ formuliert die Ziele im besten Planerdeutsch: Sicherung und Ausbau der Zukunft des Pferdesports; Schaffung eines lebendigen und durchmischten Quartiers im Grünen; Aufwertung des Südeingangs als Hauptzugang ist unter anderem in der Onlinepräsentation zu lesen.

Mit der Onlinepräsentation erhoffen sich Bezirksamt und Eigentümer auch Anregungen aus der Nachbarschaft. Allerdings hagelt es von dort reichlich Kritik. „Unglaublich! Denken Sie vielleicht mal an die Tiere? Schon jetzt sind Weideflächen für unsere Pferde, in Berlin rar und tierfreundlich ist es noch lange nicht“, schreibt eine Nutzerin auf „mein.berlin“. Ein anderer Nutzer gibt zu Protokoll: „Das historische Gelände ist für den Pferdesport gedacht, das anschließende Waldgebiet als Erholungsmöglichkeit – die geplanten Wohnhäuser zerstören hier die (in einer Großstadt eh schon rare) Landschaft/Natur.“ Zu den Plänen schreibt ein weiterer Anwohner: „Trabrennbahn und Wuhlheide sollten das bleiben, was sie sind: Ein Erholungsgebiet und eine Möglichkeit, Pferdesport zu betreiben!“ Doch es gibt auch positive Stimmen, wenn allerdings nur spärlich dosiert: „Aus meiner Sicht findet auch eine Aufwertung des Geländes hin zur Treskowallee statt und verbessert hier das Bild dieses Teil von Karlshorst. Zudem wird durch die Kopplung an eine weitere Nutzung die Sanierung der letzten historischen Gebäude auf dem Gebiet der Trabrennbahn gesichert, die sonst dem Verfall preisgegeben würden.“ Allerdings sei die Schulsituation nicht berücksichtigt worden. „Nicht nur Grundschulplätze fehlen, sondern vor allem auch Plätze an weiterführenden Schulen. Diese sind zwingend in die Planung mit einzubeziehen.“

Der Bezirk muss sich wahrscheinlich auf einige Auseinandersetzungen gefasst machen. Der frühere Marzahn-Hellersdorfer Bezirksverordnete Jörg Heinrich (Die Linke) kündigt Protest an. „So werde ich auch auf politischer Seite versuchen die entsprechenden politischen Mehrheiten gegen diesen Plan zu mobilisieren.“ (gäd.)

Mehr zum Thema:
Onlinepräsentation und -diskussion bis zum 14. Februar unter https://mein.berlin.de/projekte/trabrennbahn-karlshorst/

Gedruckte Exemplare der Präsentation hält das Stadtteilzentrum Ikarus (Tel. 030 8962-2552) bereit.