Trockenheit: Die Stadtreinigung soll künftig Bäume gießen

Beschnittener Baum in einer Parkanlage an der Rudolf-Reusch-Straße in Lichtenberg: Ohne die Pflegemaßnahmen könnte der Baum umstürzen. Foto: Marcel Gäding
Beschnittener Baum in einer Parkanlage an der Rudolf-Reusch-Straße in Lichtenberg: Ohne die Pflegemaßnahmen könnte der Baum umstürzen. Foto: Marcel Gäding

Der Zustand der rund 74.000 Bäume an Straßen und in Grünanlagen des Bezirks Lichtenberg hat sich dramatisch verschlechtert. Nicht nur die anhaltende Trockenheit macht den Gewächsen zu schaffen. Auch Schädlingsbefall, die zunehmende Bebauung und die von Gebäuden ausgehende Wärmestrahlung zieht die Bäume in Mitleidenschaft. Das zuständige Straßen- und Grünflächenamt reagiert nun mit einer Reihe von Maßnahmen. Von Marcel Gäding.

Von seinem Büro aus hat Martin Schaefer einen wunderbaren Blick auf den Rathauspark. Gerade wurde die Grünfläche an der Möllendorffstraße saniert: neue Sitz- und Spielgelegenheiten sind entstanden, Wege wurden erneuert, Blumenbeete angelegt. Geblieben sind die vielen alten Bäume. Einige von ihnen dürften schon 40 Jahre und älter sein. Wer jedoch genau hinschaut, entdeckt Gewächse, an denen schon weit vor dem Herbst kaum noch Blätter hängen oder deren Blätter bereits vertrocknet sind. Der Klimawandel macht sich zweifelsohne bemerkbar.

Schaefer ist Bezirksstadtrat für Schule, Sport, öffentliche Ordnung, Umwelt und Verkehr. Mit Sorge schaut der Kommunalpolitiker von der CDU auf den Zustand der Bäume im Bezirk: Rund 74.000 davon gibt es an Straßen, in Grünanlagen und Parks. Sie alle spenden Schatten, bieten einen Lebensraum für Tiere und sind gut fürs Stadtklima. Doch ihr Zustand ist erschreckend. Und das hat mehrere Gründe.

„Die Wärmestrahlung der Gebäude, mangelndes Wasser und zubetonierte Flächen machen den Bäumen zu schaffen“, sagt Diplom-Biologin Beate Kitzmann, Geschäftsführerin des Vereins Naturschutz Berlin-Malchow. Sie berichtet von Statistiken, wonach bundesweit 80 Prozent des Bestandes an Bäumen geschädigt ist. „Ähnlich dürfte sich das in Lichtenberg verhalten.“ Weil die Bäume unter anderem nicht mehr ihre Wurzeln ausreichend bilden können, verlieren sie schnell an Standsicherheit. Ein weiteres Problem: Anfallendes Regenwasser wird in Berlin gesammelt und gelangt in die Kanalisation. Dabei wäre es bestens geeignet, um den Wasserbedarf der Bäume zu decken. Zwei Hitzesommer und zu wenige Niederschläge machen die Bäume zudem anfällig für Schädlinge, beeinträchtigen ihre Abwehrkräfte. „Besonders schlimm hat es dieses Jahr die Birken getroffen“, berichtet Beate Kitzmann.

Wie ernst das Thema ist, darauf machten Experten und Bürger Ende August im Rahmen eines ersten Lichtenberger Baumgipfels aufmerksam. Mit rund 40 Teilnehmern kamen doppelt so viele wie ursprünglich erwartet. „Der Zustand der Bäume bliebt ein wichtiges Anliegen“, sagt Umweltstadtrat Martin Schaefer. „Wir verfügen über einen immensen Baumbestand.“ Und selbstkritisch sagt er mit Blick auf den schlechten Allgemeinzustand der Bäume: „Wir müssen ganz konsequent unsere Hausaufgaben machen.“

Die Liste dieser Aufgaben ist lang. Dazu gehört unter anderem, neue Bäume zu pflanzen. In diesem Herbst werden es in ganz Lichtenberg 200 sein, insgesamt hat der Bezirk dann 2020 in 420 Bäume investiert. Für die Jahre 2020 und 2021 stehen rund 450.000 Euro für Baumpflanzungen zur Verfügung. Allerdings erhöht sich mit jedem neuen Baum auch der Pflegeaufwand: Genügte es früher, einen Jungbaum drei Jahre regelmäßig zu gießen, damit sich die Wurzeln ausbilden können, werden nun mindestens acht Jahre veranschlagt. „Hält die Trockenheit an, müssen wir die Bewässerung auf zehn Jahre erweitern“, sagt Martin Schaefer.

Noch ist nicht abschließend geklärt, ob künftig verstärkt Baumarten zum Einsatz kommen, die resistenter gegen Hitze und Dürre sind. Als verzweifelt bezeichnet Biologin Beate Kitzmann die Suche nach dem klimagerechten Baum, in deren Fokus immer häufiger Gewächse aus fernen Regionen geraten. Sie setzt eher darauf, den heimischen Bäumen mehr Platz zu geben. Dafür könnten die sogenannten Baumscheiben erweitert werden: Das ist jener Platz, der nicht gepflastert oder betoniert wird, damit Wasser ins Erdreich gelangen kann. Ein Umdenken müsse es auch beim „Regenwassermanagement“ geben. Heimische Arten wie die Linde hätten im Laufe der Evolution zudem durchaus bewiesen, dass sie mit extremer Kälte oder Hitze klarkommen, wenn die Voraussetzungen stimmten. Da trifft es sich gut, dass Martin Schaefer als Bezirksstadtrat auch für die Schulneubauten im Bezirk Verantwortung trägt. „Das dort anfallende Regenwasser soll auf dem eigenen Grundstück versickern“, kündigt er an. Zudem gebe es Gespräche mit landeseigenen Wohnungsunternehmen wie der HOWOGE, diesem Beispiel beim Wohnungsbau zu folgen. Und dann könnte auch noch die Berliner Stadtreinigung (BSR) als neue Partnerin gewonnen werden, die Bäume zu gießen. In vier Parkanlagen des Bezirks hat die BSR bereits die Müllentsorgung übernommen, um das Personal des bezirklichen Straßen- und Grünflächenamtes zu entlasten. In jedem Fall werde man mehr Geld in die Baumpflege investieren müssen, sagt Martin Schaefer. Daher werde er dieses Ziel auch mit in die laufenden Haushaltsberatungen des Bezirks nehmen. Immerhin benötigt ein junger Baum pro Woche 60 Liter Wasser, ein ausgewachsener Baum sogar 100 Liter.