Tödlicher Unfall auf der Landsberger Allee: Politiker wollen Tempo 60 abschaffen

Eine weiße Figur, davor Kerzen und Blumen: Mit der Aktion wird an den schrecklichen Unfalltod eines elfjährigen Kindes an der Landsberger Allee in Marzahn erinnert. Foto: Marcel Gäding
Eine weiße Figur, davor Kerzen und Blumen: Mit der Aktion wird an den schrecklichen Unfalltod eines elfjährigen Kindes an der Landsberger Allee in Marzahn erinnert. Foto: Marcel Gäding

Nach dem Unfalltod einer Elfjährigen auf der Landsberger Allee in Marzahn fordern Bezirksverordnete mehr Sicherheit auf den Straßen von Marzahn-Hellersdorf. Immer wieder enden Unfälle auf der Landsberger Allee tödlich. Von Marcel Gäding.

Eine kleine weiße Figur, umringt von Blumen und mahnenden Worten, steht seit Kurzem am Fußgängerüberweg, der vom Freizeitzentrum „Le Prom“ hinüber zum Spielplatz an der Bruno-Baum-Straße führt. Vor gut vier Wochen kam es an der Stelle zu einem tragischen Unfall, als ein elfjähriges Mädchen die sechsspurige Landsberger Allee queren wollte. Im Polizeibericht heißt es dazu nüchtern: „Nach ersten Erkenntnissen fuhr ein 59-Jähriger gegen 17 Uhr mit einem Audi in der Landsberger Allee in Richtung Märkische Allee. Kurz vor der Auffahrt zur Märkischen Allee erfasste der Audi das 11-jährige Kind, das die Fahrbahn im Bereich der Fußgängerfurt betrat. Gemäß ersten Zeugenaussagen besteht der Verdacht, die Ampel habe für den Fahrzeugverkehr rotes Licht abgestrahlt.“ Vier Tage nach dem Zusammenstoß folgt die traurige Gewissheit: Die Elfjährige ist im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erlegen.

Während die Eltern den Verlust ihres Kindes verkraften müssen, ist (mal wieder) eine Diskussion um die Landsberger Allee entbrannt. „FUSS e.V.“ bezeichnet die sechsspurige Straße als „Berlins schlimmstes Beispiel einer menschenfeindlichen Straße“. Roland Stimpel vom Fußgängerverein hat herausgefunden, dass seit Ende 2019 auf der Landsberger Allee acht Menschen starben, „fünf davon waren zu Fuß unterwegs“. Das sei kein Zufall, denn die Straße sei breit, gerade und zum Schnellfahren gebaut. Galt früher auf weiten Teilen der Landsberger Allee Tempo 60, wurde das Tempolimit 2020 an einigen Stellen auf Tempo 50 reduziert. Nach dem Unfall wurden die Abschnitte mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen bereits erweitert, wie provisorische Schulder belegen.

Offenbar haben aber alle Appelle der Vergangenheit wenig gebracht, alle 60er-Schilder zu demontieren. Und daher starten Linke, SPD und Grüne in der Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf nun einen neuen Vorstoß: In einem kürzlich beschlossenen Antrag fordern sie, auf allen Straßen des Bezirks kein Tempo 60 mehr zuzulassen. Kurz- und langfristig müssten zudem „verkehrssichernde Maßnahmen“ auf der Landsberger Allee ergriffen werden. Dazu gehöre eine ganztägig funktionierende Bedarfsampel sowie zusätzliche Geschwindigkeitskontrollen.

„Die Landsberger Allee mutet an wie eine kleine Autobahn“, sagt die Bezirksverordnete Stephanie Inka Jehne (SPD), selbst Mutter. „Das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Dass im gesamten Bezirk Tempo 60 abgeschafft werden sollte, fordert der Grünen-Verordnete Pascal Grothe. „Die durch Tempo 60 gewonnene Fahrzeit ist marginal.“ Eher gehe es jetzt darum, ein Signal an die Familien zu senden. „Tote im Straßenverkehr nehmen wir als Kollateralschaden nicht hin.“ Bjoern Tielebein, Fraktionsvorsitzender der Linken, bekräftigt dies: „Es darf nicht erst zu tödlichen Unfällen wie der an der Landsberger Allee kommen, damit solche Gefahrenpunkte ernsthaft angegangen werden.“ Er sagt aber auch: „Die Vorschläge für eine deutliche Verbesserung der Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden liegen auf dem Tisch.“

Dass die Landsberger Allee „eine große Gefahrenquelle für Fußgänger und Radfahrer darstellt“, steht für Marzahns-Hellersdorfs Bezirksbürgermeister Gordon Lemm (SPD) außer Frage. Allerdings liege die Zuständigkeit für diese Straße beim Land Berlin, „und daher muss die zuständige Senatsverwaltung sofort reagieren“. Im Juli habe Berlins Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Bündnis 90/ Die Grünen) einen Besuch im Bezirk angekündigt. „In dessen Rahmen werden wir das Thema noch einmal ansprechen“, sagt Lemm. Zuvor werde sich der Bezirk schriftlich an die Senatsverwaltung wenden, und „neue, zeitnahe Regelungen“ einfordern.