Therapiehund Henry: Vier Pfoten für ein Lächeln

Unschwer zu erkennen: Henry ist derzeit noch Azubis in der Ergotherapie. Für einen „Berufsanfänger“ schlägt sich der pubertierende Vierbeiner aber schon recht gut. Foto: Marcel Gäding
Unschwer zu erkennen: Henry ist derzeit noch Azubi in der Ergotherapie. Für einen „Berufsanfänger“ schlägt sich der pubertierende Vierbeiner aber schon recht gut. Foto: Marcel Gäding

Der Therapiehund Henry ist einmal pro Woche zu Gast im Senioren-Wohnpark Lichtenberg. Der Hund hilft Ergotherapeutin Anja Schnelle bei ihrer Arbeit. Mit Erfolg. Von Marcel Gäding.

Henry hat erst einmal auf der Decke Platz genommen. Aufmerksam beobachtet er, wie nach und nach elf Bewohnerinnen und Bewohner des „Senioren-Wohnpark Lichtenberg“ in den Garten gebracht werden und dort mit ihren Therapeuten einen Kreis bilden. Henry muss sich aber etwas gedulden und wartet am Rand mit seiner Besitzerin. Denn zunächst gibt es für die neun Frauen und zwei Männer ein paar kleine sportliche Aktivierungen. Die Physiotherapeutin Hanna fordert alle auf, ihre Füße in Richtung von Henry zu strecken oder ihre Arme an der Brust über Kreuz zu legen. Fünf Minuten geht das so, bis die Ergotherapeutin Anja Schnelle jeden Klienten einen Gegenstand aus ‚Henrys Koffer‘ aussuchen lässt, mit dem sie später mit Henry in Interaktion treten können. Darunter sind quietschende Plüschhasen und Wurfbälle, aber auch eine Bürste und ein Zugspielzeug für den Vierbeiner. Während jeder kurz überlegen soll, was er dort in der Hand hält, wird Henry zunehmend nervös. Der Vierbeiner ist in Spiellaune. Gleich darf jeder der Reihe nach mit seinem gezogenen Gegenstand mit Henry Kontakt aufnehmen. Einige werfen einen Ball in den Garten oder lassen Henry daran schnuppern. Andere bürsten ihn oder geben ihm ein Leckerlie aus dem Futterbeutel. Eine Bewohnerin mit einer fortgeschrittenen Demenz legt ihm sogar gemeinsam mit der Ergotherapeutin sein Halsband an. Es ist ein fröhlicher Vormittag, an dem viel gelacht wird und alle Sorgen plötzlich ganz weit weg sind. Henry ist der kleine Star, der den pflegebedürftigen Bewohnern ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

„Henry ist ein wahrer Stimmungsaufheller, ein kleiner Motivator“, sagt Anja Schnelle. Die Ergotherapeutin ist gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen Isabelle (Logopädin) und Hanna (Physiotherapeutin) für ihren Arbeitgeber „TherieFit“ Dauergast im Senioren-Wohnpark. „Schon in meinem Studium war mir klar, dass ich später tiergestützt arbeiten möchte“, sagt die 25-jährige Hohenschönhausenerin. Schließlich kam der im April 2021 geborene Australian-Shepherd-Labrador-Mix ins Leben der jungen Frau, die sich den Traum vom eigenen Hund erst als Erwachsene erfüllen konnte. Seitdem verbringen die beiden viel Zeit, meist nimmt sie ihn auch mit zu ihrem Pferd.

Anja Schnelle und ihr vierbeiniger Begleiter Henry sind ein unschlagbares Team – privat und in der Ergotherapie. Foto: Marcel Gäding
Anja Schnelle und ihr vierbeiniger Begleiter Henry sind ein unschlagbares Team – privat und in der Ergotherapie. Foto: Marcel Gäding

Seit November letzten Jahres ist Henry Anja Schnelles Begleiter, ein „Therapiemittel auf vier Pfoten“. Dabei hatte sie anfangs etwas Bammel, ob die Idee mit dem Therapiebegleithund gut bei ihrem Chef und bei der Leiterin des Senioren-Wohnparks Lichtenberg ankommen würde. „Beide waren aber sofort Feuer und Flamme“, erinnert sich Anja Schnelle. Das Haus in der Nähe des Lichtenberger Stadtparks ist ohnehin sehr tierfreundlich: Einrichtungsleiterin Daniela Schulze ist selbst Hundebesitzerin.

Seit Jahren ist erwiesen, dass Tiere insbesondere bei Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen kleine Wunder bewirken können. Und Henry ist dafür der beste Beweis: Sobald er die Aufmerksamkeit sucht, bewegen die Bewohner vom Senioren-Wohnpark Lichtenberg ihre Arme, beugen sich zu ihm herunter oder gönnen ihm ein paar Streicheleinheiten. „Viele sind oft antriebsarm“, weiß Anja Schnelle zu berichten. „Soll aber mal ein Ball geworfen werden, gehen plötzlich die Arme hoch.“

Henry ist jedoch nicht nur bei den Therapiestunden im Einsatz, sondern auch auf den Stationen. Heiligabend überbrachten er und seine Besitzerin Weihnachtsgeschenke an einige Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung an der Möllendorffstraße. Wer sich nicht mehr eigenständig bewegen kann, erhält Besuch von Henry auf dem Zimmer.

Stolz ist die Ergotherapeutin darauf, dass Henry schon so gut mitmacht. Seine Ausbildung zum Therapiebegleithund steht ihm noch bevor. Zwölf Monate dauert es, um Henry für die Arbeit mit pflegebedürftigen Menschen zu qualifizieren. Die Kosten in Höhe eines vierstelligen Betrages übernimmt Anja Schnelles Arbeitgeber, denn die Sozialversicherungsträger beteiligen sich nicht daran. Ihr sei es wichtig, Henry tiergerecht auszubilden. Dazu zähle auch, seine Körpersprache noch besser lesen zu können, zu erkennen, wann er eine Pause braucht. „Im Garten vom Senioren-Wohnpark gibt es beste Bedingungen“, berichtet Anja Schnelle. Dort kann sich der Vierbeiner auch mal für einige Augenblicke zurückziehen, wenn er erschöpft ist.

Stichwort Ergotherapie

Ergotherapie unterstützt und begleitet nach Darstellung des Deutschen Verbandes Ergotherapie e.V. Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung für sie bedeutungsvoller Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken. Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung dazu, dem Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen.