Theater Karlshorst: von der „Russenoper“ zum Multifunktions-Ort

Lukas Staudinger und Stiftungsvorständin Pirkko Husemann im inzwischen geräumten Saal des Theaters Karlshorst. Gut zu sehen im Rang oben sind noch die alten Stühle mit Samtbezug. Foto: Marcel Gäding
Lukas Staudinger und Stiftungsvorständin Pirkko Husemann im inzwischen geräumten Saal des Theaters Karlshorst. Gut zu sehen im Rang oben sind noch die alten Stühle mit Samtbezug. Foto: Marcel Gäding

Das leerstehende Theater Karlshorst wird ab 2022 schrittweise saniert und soll als „KAHO. Raum für Kultur.“ in eine neue Zukunft starten. Schon vor dem Umbau steht das einstige „Haus der Offiziere“ im Mittelpunkt etlicher Kulturveranstaltungen.

Im Foyer des Theaters Karlshorst scheint die Zeit stehen geblieben: An den Wänden hängen Leuchtkästen mit vergilbten Stadtansichten aus Moskau oder aus dem pulsierenden Ostberlin der 1980er-Jahre. Auch Werbung für längst vergangene Auftritte vom legendären „Traumzauberbaum“ ist zu sehen. Der hölzerne Parkett-Fußboden ist staubig. Das warmgelbe Licht kommt von den unzähligen Lampen aus Glaskristall, wie es sie zu DDR-Zeiten in jeder besseren Wohnstube gab. Nur ein kleiner Spender mit Desinfektionsmittel sowie die vielen neuzeitlichen Stromkabel an der Decke weisen im Eingangsbereich darauf hin, dass nach gut zwölf Jahren Leerstand langsam wieder Leben in das ehrwürdige Haus am Johannes-Fest-Platz einzukehren scheint. Klar ist jedenfalls: Das denkmalgeschützte Theater Karlshorst hat eine Zukunft. Einen Namen gibt es dafür bereits: „KAHO. Raum für Kultur.“

Dass es sich um den Gebäudekomplex am S-Bahnhof Karlshorst um ein Theater handelt, wissen die meisten Ostberliner und Ur-Karlshorster natürlich. Hinzugezogene aber vermuten nicht, dass sich hinter den unscheinbaren Mauern ein Haus mit Geschichte befindet. Es wurde 1949 als „Dramatisches Theater Karlshorst“ eröffnet und trug bis 1963 den Namen „Haus der Offiziere“ – ein Kulturpalast, der zunächst den in der Nachbarschaft arbeitenden und wohnenden sowjetischen Militärangehörigen sowie Zivilangestellten vorbehalten war. Danach wurde das Haus für die gesamte Bevölkerung geöffnet. Im 600 Plätze umfassenden Saal wurden Theater gespielt und Filme gezeigt, Jugendweihen und Betriebsjubiläen gefeiert. 1994 übernahm die Wohnungsbaugesellschaft Lichtenberg, die später mit der landeseigenen HOWOGE fusionierte, die bereits sanierungsbedürftige Immobilie. Bis 2007 sollte das Theater Karlshorst, das auch liebevoll Russenoper genannt wurde, noch einmal als Operettenbühne für Schlagzeilen sorgen. Allerdings stand das Haus nach der letzten Aufführung leer. Erst 2018 wurde es von der HOWOGE an die von ihr initiierte „Stiftung Stadtkultur“ übertragen. Ein großes Glück ist es, dass seit dem letzten Vorhang einige Gebäudeteile saniert wurden. Der bauliche Verfall war damit gestoppt.

Pirkko Husemann ist seit August vergangenen Jahres Stiftungs-Vorständin und gehört zu den Berliner*innen, die das Theater Karlshorst nicht kannten. „Ich arbeite seit 22 Jahren in der Theaterszene, wusste aber von der Existenz des Hauses nichts“, sagt die promovierte Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. „Ich war überrascht, dass es ein so großes Haus gibt, das sich in einem verhältnismäßig guten Zustand befindet.“ Als sie im Mai vergangenen Jahres erstmals durch eine der Türen in den Saal trat, musste sie sofort an große Berliner Theaterhäuser wie das Hebbel oder die Volksbühne denken: „Das Theater Karlshorst liegt irgendwo dazwischen.“

Dass das Theater aber nicht mehr ausschließlich nur für Theater- und Operettenaufführungen taugt, war der Stiftung Stadtkultur schon 2018 nach der Übernahme des Hauses klar. Vertreter*innen aus Kultur, Politik und Architektur waren sich nach mehreren Workshops einig, dass ein neues Konzept hermuss. „Wir wollen das Ganze kleinteiliger denken und flexibler ausgestalten“, sagt Husemann. Das gesamte Haus wird in mehrere Bereiche aufgeteilt, die sich künftig modular und multifunktional nutzen lassen – neben Theateraufführungen können dazu auch Kino, Konzerte, Lesungen, Konferenzen, Tagungen, Workshops und Ausstellungen gehören. Zur künftigen Ausrichtung sagt Vorständin Husemann: „Das KAHO soll zu einem Ort werden, an dem sich Berliner*innen unterschiedlicher Generationen sowie sozialer und kultureller Hintergründe wiederfinden und beteiligen können.“ Dieser Ort soll neue Freiräume für „spartenübergreifende Kunst und Stadtkultur im Kiez bieten“. Aufgabe der Architekt*innen sei es, das Denkmal teilweise wieder in den bauzeitlichen Zustand zurückzuversetzen, das Gebäudeensemble aber auch neu zu gestalten. Mit der Umsetzung wurde das Berliner Architekturbüro dhl-architekten beauftragt. Das ist auch bei der Reaktivierung des Stadtbads Lichtenberg beteiligt und machte sich einen Namen mit der Sanierung vom grünen und roten Salon an der Berliner Volksbühne.

Nächstes Jahr soll die schrittweise Sanierung des Theaters beginnen, deren Kosten im hohen einstelligen Millionenbereich liegen. Parallel beginnen ab dem Spätsommer Veranstaltungen vor und im Haus. 2025 könnte das Theater dann als „KAHO. Raum für Kultur.“ wieder eröffnen.

Erste Vorarbeiten sind bereits erledigt: Der gesamte Saal wurde von seinen samtroten Stühlen „befreit“. „Wenn man hier reinschaut, gibt es dieses leichte Gefälle“, sagt Lukas Staudinger, Soziologe und Architekt. Er ist als Architekturvermittler für die Stiftung Stadtkultur im Einsatz und versteht sich als Bindeglied zwischen der Stiftung auf der einen, den Bauleuten und den künftigen Nutzer*innen auf der anderen Seite. Erste Pläne sehen vor, dass der Boden im Saal begradigt und erhöht wird, dass der Bühnenturm neue gläserne Türen bekommt, damit mehr Tageslicht in den Raum fällt. „Den Saal kann man dann in unterschiedliche Richtungen bespielen“, erklärt Staudinger. Hinzu kommt, dass alles auf den neuesten Stand gebracht wird: Veranstaltungstechnik, Lüftungsanlage, Verkabelungen oder Sanitäreinrichtungen. Kleine Details, die an die Geschichte erinnern, bleiben vermutlich erhalten. Dazu gehören die Scheinwerferanlagen, die einst im Palast der Republik hingen. Auch der alte Flügel, der auf der Bühne die Jahre überstand, soll eine Zukunft haben. „Der muss nur gestimmt werden“, sagt Pirkko Husemann. Sehr komplex dürfte es jedoch werden, die hohen Anforderungen an den vorbeugenden Brandschutz baulich umzusetzen. Weiter auf der Liste der Vorhaben: „Die Terrasse über dem Haupteingang wird wiederhergestellt. Da kann das Publikum dann in der Pause einen Drink nehmen“, kündigt Lukas Staudinger an. Die meisten baulichen Maßnahmen würden den Innenraum betreffen. „Die äußere Hülle des Theaters bleibt erhalten.“

Während der Umbauphase plant die Stiftung Stadtkultur ein Interimsprogramm, dessen erster Teil am 7. August starten soll – mit Musik vor dem Haus, Open-Air-Kino und Tanzunterricht, den die einstigen Betreiber von Clärchens Ballhaus, Lisa und David Reger, geben. (gäd.)

Das Programm der Interimsveranstaltungen ist in den kommenden Wochen abrufbar unter www.kaho-berlin.de