Tatra-Straßenbahnen in Berlin: Abschied auf Raten

Auf der Linie M17 verkehren noch vereinzelt Tatra-Straßenbahnen. Demnächst ist damit Schluss. Foto: Marcel Gäding
Auf der Linie M17 verkehren noch vereinzelt Tatra-Straßenbahnen. Demnächst ist damit Schluss. Foto: Marcel Gäding

Fast 45 Jahre prägten Straßenbahnen aus der Tschechoslowakei das Bild von Ostberlin. Inzwischen sind nur noch 20 von einst 764 Wagen unterwegs. Doch deren Tage sind gezählt. Demnächst werden sie aus dem regulären Linienbetrieb verschwinden. Das Ende einer Ära. Von Marcel Gäding.

Es kommt in diesen Tagen oft vor, dass Carsten Nohr fotografiert wird. Das Interesse der Knipser gilt aber weniger dem Familienvater, sondern mehr dem Schienengefährt, das er durch Hohenschönhausen, Lichtenberg und Treptow-Köpenick steuert. Denn die beiden Tatra-Wagen, genauer gesagt zwei sogenannte „KT4D mod“, gehören zu den Restbeständen im Straßenbahnfuhrpark der BVG. 20 Stück befinden sich derzeit noch im Dienst und werden auf der Straßenbahnlinie M17 eingesetzt. Seit in einschlägigen Internetforen aber die Rede davon ist, dass die letzten Ost-Straßenbahnen ausgemustert werden sollen, ist die Szene ganz aufgeregt. „Pufferküsser“ (so werden hartgesottene Eisenbahn- und Straßenbahnfans liebevoll genannt) nehmen mit ihren Kameras vornehmlich an den Wendeschleifen Aufstellung, um einen Schnappschuss der gelben Tatras zu machen. Noch weiß niemand, wann die wirklich letzte Fahrt im Liniendienst ist. Doch die Fans gehen auf Nummer sicher. Schon morgen könnten die vor allem bei Nahverkehrsfans so beliebten Schienenfahrzeuge bereits auf dem Abstellgleis stehen. Allerdings ist es gut möglich, dass die letzten Tatras noch als Verstärkerzüge gebraucht werden.

Bis zur Wende 764 Tatra-Straßenbahnen in Berlin

Carsten Nohr ist seit 1988 Straßenbahnfahrer und gehört heute zu den wenigen Mitarbeitern der Berliner Verkehrsbetriebe, die noch eine Tatra-Straßenbahn fahren können. Es mag Zufall sein, dass er an jenem Tag Anfang Februar ausgerechnet an der Spitze den Wagen 6172 und dahinter Wagen 6046 durch den Osten bewegt. Der 6172 ging im Juli 1986 in Betrieb – just in jenem Jahr, in dem der Straßenbahnfahrer aus Marzahn seine Ausbildung bei den Berliner Verkehrsbetrieben begann. „Eigentlich wollte ich zum Bus“, sagt Nohr. Weil aber keine Stelle frei war, ging er zur Straßenbahn. Damals gehörten die vom tschechoslowakischen Straßenbahnhersteller ČKD Tatra hergestellten Fahrzeuge zu den modernsten im Ostblock. Vor allem die DDR-Hauptstadt hatte großen Bedarf, kaufte bis kurz nach der Wende insgesamt 764 Wagen. Am 11. September 1976 kam die erste Tatra-Straßenbahn auf der Linie 75 zwischen dem S-Bahnhof Marx-Engels-Platz (heute Hackescher Markt) und dem Betriebshof Weißensee zum Einsatz – lackiert in Elfenbeinfarben und Rot, später im typischen Ostberliner Orange, ausgestattet unter anderem mit Plastik-Hartschalensitzen und elektrisch betriebenen Türen.

Tatra-Straßenbahnen: modern und zuverlässig

Auch Thomas Flegel begann 1986 bei den Berliner Verkehrsbetrieben – als Fahrzeugingenieur. Man kann sagen, dass die Tatras ihn das ganze Berufsleben begleitet haben. Sein Job bestand darin, die Handwerker zu unterweisen und sie mit der Technik der Straßenbahnen vertraut zu machen – insbesondere mit den Tatras der neuesten elektronisch gesteuerten Generation KT4Dt. „Die Fahrzeuge galten damals als modern und zuverlässig“, erinnert sich der Teamleiter Elektrotechnik. Und doch hatten die Tatras so ihre Macken: Immer wieder waren die statischen Umformer gestört. Fehlerspeicher zur Analyse gab es damals noch keine. Ab 1994 verantwortete Flegel die Modernisierung der elektrischen Ausrüstung der Tatras, die bis dahin nicht älter als zehn Jahre waren. Sie erhielten nicht nur einen optisch neuen Anstrich, sondern unter anderem auch moderne Technik, bequeme Sitze, zeitgemäße Fahrgastanzeigen sowie eine neue Steuerung. „Störungen wurden drastisch gesenkt, die Bremsen funktionierten fortan viel zuverlässiger“, sagt Flegel. Bereits 2017 sollten aber auch die modernisierten Tatras aufs Abstellgleis. Weil sich die Beschaffung neuer Fahrzeuge jedoch hinzog, verwarfen die Berliner Verkehrsbetriebe diesen Plan mehrfach. Allerdings haben die alten Straßenbahnen auch ihren Zenit erreicht. Als hinderlich stellen sich beispielsweise die drei Stufen in die Wagen dar, die es bei den neuen Niederflurbahnen nicht mehr gibt. „Es ist, wie das Leben so ist. Alles kommt, und irgendwann hat alles sein Ende“, sagt Thomas Flegel. „Doch mit den KT4Dt wurde die Ära der elektronisch gesteuerten Straßenbahnfahrzeuge in Berlin eröffnet, welche sich in den nachfolgenden Typen der GT6 und Flexity auf höherem Niveau fortsetzt. Es erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit, dass ich an diesem Start und der weiteren Entwicklung mitwirken durfte.“

Auch der Abschiedsschmerz von Straßenbahnfahrer Carsten Nohr hält sich in Grenzen. Vor allem der Komfort in der Fahrerkabine lässt zu wünschen übrig. Im Gegensatz zur Tatra sitzt es sich in den neuen Flexity-Straßenbahnen deutlich komfortabler. „Wir Fahrer haben mehr Platz und sitzen vorn fast wie in einem Fernsehsessel“, sagt Nohr. Noch weiß er nicht, wann seine allerletzte Fahrt sein wird. Aber eines ist für Nohr klar: „Ich werde dann sicherlich ein paar Selfies machen.“

Galerie: Tatra-Straßenbahnen in Berlin (und anderswo)

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Ein Leben nach Berlin

Von den 764 Tatra-Wagen befinden sich noch 20 bei der BVG. Nach der Wende wurden nicht mehr benötigte Fahrzeuge entweder verschrottet. Die meisten aber wurden nach BVG-Angaben verkauft – unter anderem nach Polen, Schweden, Kasachstan, Russland, Ägypten, Rumänien und in die Ukraine.

Erst im Sommer vergangenen Jahres übernahmen die Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) acht Straßenbahnwagen vom Typ KT4D. Diese wurden inzwischen in den grün-weißen MVB-Farben lackiert, zudem wurde die Technik an die Bedürfnisse der MVB angepasst. Mit den Berliner Fahrzeugen soll die Zeit, bis neue Niederflurstraßenbahnen eintreffen, überbrückt werden.

Unterdessen setzt die BVG die Erneuerung ihrer Straßenbahnflotte fort. Beim Hersteller Bombardier wurden 117 sogenannte Zweirichtungsfahrzeuge bestellt, davon einige mit einer Länge von 50 Meter. Aktuell besteht die Straßenbahnflotte der BVG aus 150 Fahrzeugen vom Typ GT6, beschafft ab 1994, sowie 207 Fahrzeugen vom Typ Flexity, beschafft ab 2008. Die Züge der nun neu bestellten Fahrzeuggeneration ersetzen sukzessive die Fahrzeuge vom Typ GT6 und kommen ab Ende 2022 nach Berlin.

Linktipp: Wissenswertes rund um die Berliner Straßenbahn und über den Verbleib der ausgemusterten Tatra-Fahrzeuge findet sich unter https://www.berlin-straba.de/