Schüler sprühen Graffiti – ganz legal!

Die Schüler der Klasse 6c an der Obersee-Grundschule präsentieren stolz Fotos von ihrer Stromkasten-Stylingaktion. Das Foto entstand vor dem Lockdown. Foto: Marcel Gäding
Die Schüler der Klasse 6c an der Obersee-Grundschule präsentieren stolz Fotos von ihrer Stromkasten-Stylingaktion. Das Foto entstand vor dem Lockdown. Foto: Marcel Gäding

Sechstklässler der Obersee-Grundschule verschönerten im Rahmen einer Projektwoche die Stromkästen im Kiez. Von Marcel Gäding.

Von Bohdan stammt die Katze, Jolina ist die Schöpferin des Drachenauges und Lina verewigte Delfine: Stolz sitzen die Schülerinnen und Schüler der 6c in ihrem Klassenraum der Obersee-Grundschule und berichten von einer außergewöhnlichen Aktion. An der Tafel hängen Fotos von kreativ verzierten Stromkästen, die seit einigen Wochen die aufmerksamen Blicke von Passanten im Kiez rund um die Konrad-Wolf-Straße auf sich ziehen. Nur die wenigsten von ihnen dürften ahnen, dass diese Kunst auf das Konto von Künstlern geht, die gerade einmal elf oder zwölf Jahre alt sind.

Stromkastenstyling nennt sich das Projekt von Stromnetz Berlin. Das Tochterunternehmen des Energieversorgers Vattenfall ruft seit elf Jahren gemeinsam mit den Vereinen meredo und Helliwood media & education Grundschüler in ganz Berlin auf, die grauen Verteilerkästen künstlerisch zu verzieren. Immerhin gibt es 16.000 dieser kleinen Schränke, die unauffällig am Straßenrand stehen und dafür sorgen, dass der Strom von den Hauptleitungen in die Häuser gelangt.

Kerstin Hampeis ist Konrektorin der Obersee-Grundschule in der Roedernstraße und auch die Klassenlehrerin der dortigen 6c. Als sie von dem Wettbewerb erfuhr, bewarb sie sich mit ihrer Klasse beim Stromnetz Berlin. Mitte September schließlich startete eine Projektwoche, die von richtigen Graffiti-Profis unterstützt wurden. Die gaben ihnen viele Tipps. „Die Motive suchten sich die Kinder im Internet heraus“, berichtet Kerstin Hampeis. Mit Hilfe eines Beamers wurden die Bilder schließlich an eine weiße Wand projiziert, um anschließend Schablonen herzustellen. Das stellte sich als besonders knifflig heraus, weil die Motive mit einem Skalpell ausgeschnitten wurden.

Gelungene Gemeinschaftsarbeit: Mit Hilfe von Schablonen brachten die Grundschüler die Figuren auf die Stromkästen. Foto: Obersee-Grundschule
Gelungene Gemeinschaftsarbeit: Mit Hilfe von Schablonen brachten die Grundschüler die Figuren auf die Stromkästen. Foto: Obersee-Grundschule

An drei Tagen wurden dann die kleinen Kunstwerke auf die Stromkästen gesprüht. Und die sind so vielfältig wie die Schülerinnen und Schüler selbst: Fabian, Luis und Paul entschieden sich für einen Volleyballer, der gerade einen Ball aufschlägt. Nele verewigte einen Kaugummiautomaten, wie er heute noch oft an Hausfassaden zu finden ist. Und Laura setzte ihren beiden Kaninchen ein kleines Denkmal, „um sie zu verewigen“. Simon ging sogar soweit, ein Schiff zu kreieren, auf dem Bäume wachsen, „wegen der Umwelt und dem Klimawandel“.

Jeder der nun mehr als 20 verzierten Stromkästen hat eine Geschichte zu erzählen. Aber auch die Projektwoche ist mit so mancher Anekdote verbunden. „Einige Passanten dachten, dass wir was Illegales machen“, erinnert sich Paul. Doch im Gespräch klärten die Grundschüler die Leute aus dem Kiez auf. Einige fanden die Aktion sogar so gut, dass sie dafür Geld spendeten. Von den 50 Euro, die am Ende zusammenkamen, war für jeden ein kleines Eis drin.

Fünf Jahre soll die Farbe mindestens halten, haben die Kinder in Erfahrung gebracht. Die meisten von ihnen gehen dann längst auf die Oberschule oder beginnen eine Berufsausbildung. „Es ist schon ein tolles Gefühl, jeden Tag an den Stromkästen vorbeizugehen“, sagt Jolina. Ein wenig getrübt wird die Freude von Schmierereien, die nur wenige Tage nach der Fertigstellung entdeckt wurden. „Das ist doof“, sagen die Sechstklässler unisono.

Mit ein wenig Glück können die Jungen und Mädchen nun auch noch ihre Klassenkasse auffüllen. Denn eine Jury kürt Anfang nächsten Jahres berlinweit die schönsten Stromkasten-Kunstwerke, die 2020 entstanden sind.