Schloss Friedrichsfelde: Kommerz statt Ehrenamt

Das Schloss Friedrichsfelde befindet sich seit den 1950er-Jahren im Tierpark Berlin. Der Garten wurde nach den Plänen von Lenné gestaltet. Foto: Marcel Gäding
Das Schloss Friedrichsfelde befindet sich seit den 1950er-Jahren im Tierpark Berlin. Der Garten wurde nach den Plänen von Lenné gestaltet. Foto: Marcel Gäding

Jahrelang betrieb der gemeinnützige Förderverein des Tierparks das Schloss Friedrichsfelde. Fast unbemerkt hat ein kommerzieller Pächter das denkmalgeschützte Gebäude übernommen. Fördermitglieder und Bezirk üben Kritik. Ihre Enttäuschung ist groß. Von Marcel Gäding.

Christa Rudolph mag klassische Konzerte, vor allem vor ihrer Haustür. Als die ersten Corona-Bestimmungen gelockert wurden, recherchierte sie im Internet, wann wieder Veranstaltungen im Schloss Friedrichsfelde stattfinden. „An keinem anderem Ort im Osten Berlins gibt es die Möglichkeit, preiswert Konzerte zu besuchen, die noch dazu von hohem Niveau sind“, sagt die Friedrichsfelderin. Doch ihre Suche im Netz führte sie nicht auf die Seite der Gemeinschaft der Förderer von Tierpark Berlin und Zoologischem Garten Berlin e.V., sondern auf die Internetpräsenz eines kommerziellen Anbieters. Der wirbt seit Kurzem unter dem Motto „Klassische Genüsse in barocker Eleganz“ für sein neues Café, das er im Schloss eröffnet hat, während die Fördergemeinschaft auf der eigens von ihr eingerichteten Seite www.schloss-friedrichsfelde.de nur einen Hinweis veröffentlicht: „Derzeit finden keine Termine statt.“ Christa Rudolph hat einen Verdacht, der sich nach unzähligen Telefonaten bestätigt: Die gemeinnützige Fördergemeinschaft ist raus aus dem Schloss. Wie Stücke aus einem Puzzle fügen sich im Laufe weniger Tage die Informationen zusammen – und die Beteiligten reagieren erst auf Nachfrage vom Bezirks-Journal. Demnach musste der Verein bereits zum Jahreswechsel die Schlüssel zu dem barocken Gebäude abgeben. Ein langjähriger Pachtvertrag zwischen der Tierpark Berlin GmbH und der rund 4.000 Mitglieder starken Organisation wurde nicht verlängert. Stattdessen ist nun die BMB-Gruppe Pächterin.

Schloss Friedrichsfelde gehört zu den Wahrzeichen von Lichtenberg: 1685 wurde es erbaut, seit den 1950er-Jahren ist es Teil des Berliner Tierparks. 2009 übernahm die Gemeinschaft der Förderer von Tierpark Berlin und Zoologischem Garten Berlin e.V. das Schloss per Pachtvertrag von der Tierpark Berlin GmbH, organisierte dort eigenen Angaben zufolge pro Jahr bis zu 45 Konzerte und Veranstaltungen, darüber hinaus Barock- und Kostümfeste. Parallel konnten Firmen und Privatleute das Gebäude für Feiern oder Hochzeiten buchen oder sich Filmfirmen einmieten. An die 400.000 Euro erwirtschaftete der Verein mit dem Schloss. Das Geld floss in die weitere Instandsetzung oder in den Kauf historischer Ausstattung wie Bilder, Möbel oder Vasen. Innerhalb von zehn Jahren versechsfachte die Gemeinschaft die Zahl der Schlossbesucher. Sämtliche eigene Veranstaltungen wurden von ehrenamtlich tätigen Mitgliedern betreut.

Zu ihnen gehörte auch Christa Rudolph, die eine Zeit lang bei jeder Veranstaltung dabei war: Mal stand sie an der Garderobe, mal kümmerte sie sich um die Bewirtung, mal organisierte sie den Einlass. „Ich bin mit dem Tierpark von Kindesbeinen an verbunden“, sagt sie. Das war auch der Grund, warum sie vor etlichen Jahren zwei Stuhlpatenschaften übernahm: Sie spendete 500 Euro für die Stühle, die fortan ihren Namen trugen.

Es lief gut für die Gemeinschaft der Förderer von Tierpark Berlin und Zoologischem Garten Berlin e.V. Und niemand im Verein oder im Bezirk hätte gedacht, dass das ehrenamtliche Engagement für das Barockschloss mal ein solches Ende nehmen wird.

Pächterwechsel mit Ankündigung

Wer sich mit langjährigen Vereinsmitgliedern unterhält, erfährt jedoch, dass es bereits vor einem Jahr Anzeichen gab, dass der Tierpark für das Schloss einen neuen Pächter sucht. Eine Nachfrage vom Bezirks-Journal an die Tierpark Berlin GmbH bringt Gewissheit: „Nachdem unsere Verwaltung Mitte 2019 vom Schloss in das grundsanierte Verwaltungsgebäude gezogen ist, erarbeiteten wir ein neues Nutzungskonzept für das Schloss Friedrichsfelde“, teilt Christiane Reiss, Leiterin Kommunikation und Marketing der Zoologischer Garten Berlin AG, mit, zu der die Tierpark Berlin GmbH gehört. So seien Museumsbetreiber, Konzert- und Hochzeitsveranstalter und Nutzer von Verwaltungsräumen in einem gesucht worden, „die letztlich auch Erfahrungen in der Nutzung und Pflege von sensiblen, denkmalgeschützten Gebäuden haben“. Anfang des Jahres sei der Pachtvertrag mit der BMB-Gruppe abgeschlossen worden, die nach eigener Darstellung gastronomische Einrichtungen in Museen und Galerien betreibt, darunter im Schloss Biesdorf, im Bodemuseum oder im Alten Museum. „Daher kennen wir die besonderen Eigenheiten des Betreibens eines Museumscafés, was die Anforderungen an das Tages- und Abendgeschäft wie auch das differierende Veranstaltungsgeschäft angeht“, erklärt BMB-Geschäftsleiter Timo Schäfer.

Christiane Reiss von der Zoologischer Garten Berlin AG dementiert, dass der Pächterwechsel an der Gemeinschaft der Förderer von Tierpark Berlin und Zoo Berlin e.V. vorbei erfolgte, wie dies von einigen Mitgliedern behauptet wird. „So wurde bereits im Juni 2019 der Schlossvertrag mit dem Förderverein gekündigt und im Rahmen eines persönlichen Gesprächs der Vorstand der Fördergemeinschaft darüber informiert, dass ihnen das Schloss zukünftig nicht mehr im gewohnten Maße zur Verfügung stehen wird.“ Im November vergangenen Jahres stellte sich die BMB-Gruppe Reiss zufolge als neuer Pächter vor. Bis heute würden „regelmäßig Gespräche hinsichtlich einer Einbindung der Ehrenamtlichen der Gemeinschaft in die museale Aufsicht des Schlosses geführt“. Die Frage, warum die Fördergemeinschaft allerdings nicht mehr als Pächterin im Rennen war, ließ Christiane Reiss unbeantwortet. Die BMB-Gruppe teilt mit, „dass uns das Schloss Friedrichsfelde und seine Menschen sehr am Herzen liegen. Wir möchten diesen wundervollen Ort der Kultur und Begegnung zu einem unvergesslichem Aufenthalt gestalten. Viele Ehrenamtliche, die seit Jahren bereits die Museumsaufsicht übernehmen, unterstützen uns hierbei tatkräftig und stehen den Besuchern des Tierparks an vier Tagen der Woche zur Verfügung“.

Blick in einen der repräsentativen Säle von Schloss Friedrichsfelde, in dem auch Trauungen angeboten werden. Die Stühle tragen die Namen von Spendern. Foto: Marcel Gäding
Blick in einen der repräsentativen Säle von Schloss Friedrichsfelde, in dem auch Trauungen angeboten werden. Die Stühle tragen die Namen von Spendern. Foto: Marcel Gäding

Die Art und Weise des Pächterwechsels sorgte jedoch für Irritationen – auch, weil man im Tierpark Berlin nicht geizt, was medienwirksame Termine betrifft, in deren Rahmen neue Projekte vorgestellt werden. Offensichtlich hatten aber die beteiligten Seiten kein Interesse, den Pächterwechsel öffentlich bekanntzugeben. Stattdessen gab es eine Reihe von Gesprächen zwischen dem Tierpark, dem Bezirk und dem Land Berlin. Denn das Schloss, das sich im Besitz des Landes Berlin befand, wurde dem Tierpark im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrages übertragen. Bedingung: Es muss weiter für kulturelle Nutzungen zur Verfügung stehen. Aus dem Büro von Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) heißt es auf Nachfrage, dass der Pächterwechsel geprüft wurde und rechtlich nicht zu beanstanden sei. In einem Schreiben an Tierpark-Direktor Andreas Knieriem bestand die Verwaltung jedoch darauf, dass sie nach einem gewissen Zeitraum einen Bericht erwartet, der Aussagen über die kulturelle Nutzung enthält. In einem Konzeptpapier, das dem Bezirks-Journal von der BMB-Gruppe vorgelegt wurde, heißt es: „Unser Ziel ist es das wundervoll restaurierte Dornröschen-Schloss mit einem Liebhaber-Café, welches unter anderem auch die museale Eröffnung garantieren sowie begleiten wird, zu neuem Leben zu erwecken. Das volle Potential wird durch viele einzigartige und exklusive Veranstaltungen im Schloss ausgeschöpft, da dieser Ort ein Ort der Begegnung für den gesamten Tierpark und die direkte Umgebung sein wird.“ In der digitalen Fassung verrät ein Blick in die „Dateieigenschaften“, dass jenes Papier am 2. September 2020 erstellt wurde – also neun Monate nach dem Pächterwechsel. Unklar ist, ob es sich dabei um das Erstellungsdatum handelt oder eine bereits bestehende Datei nur aktualisiert wurde. Das Café im Schloss Friedrichsfelde führt die BMB-Gruppe als sogenannte „Genussstätte“ unter ihrer Dachmarke „Genusskombinat“. „Unsere Umsatzprognose beträgt 850.000,00 Euro pro Jahr. Durch die rasche Etablierung des Standortes liegt die zu erwartende Wachstumsrate bei 10 bis 20 Prozent“, ist in dem Konzeptpapier zu lesen.

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) sagt auf Nachfrage, dass man schon vor Monaten Unverständnis für den Pächterwechsel geäußert habe, „der ein Schlag in die Magengrube der zahlreichen ehrenamtlichen Vereinsmitglieder ist“. So könne man nicht mit der Fördergemeinschaft umgehen, „ohne die es den Tierpark Berlin nicht geben würde“. Vereinsmitglied Christa Rudolph ist verärgert, weil der Pächterwechsel ihrer Ansicht nach quasi hinter verschlossenen Türen stattfand. Sie fordert nun die von ihr gespendeten 500 Euro für die Stuhlpatenschaften zurück. „Ich sehe nicht ein, dass Fördergelder für private Zwecke verwendet werden“, sagt sie. Thomas Ziolko, der Vorsitzende der Fördergemeinschaft, will sich nicht zu den Details des Pächterwechsels äußern. Auf Nachfrage sagt er lediglich: „Als Förderverein vom Tierpark fühlen wir uns dem historischen Mittelpunkt vom Tierpark Berlin, dem Schloss Friedrichsfelde, nach wie vor verpflichtet. Wir werden weiterhin mit großer Leidenschaft den Tierpark Berlin und auch das Schloss Friedrichsfelde unterstützen.“ Sein Dank gelte den Menschen, „die in den vergangenen Jahren das Schloss mit Leben erfüllt haben, den vielen Ehrenamtlichen, den vielen Besuchern und den vielen Unterstützern“. Und auch von Zoo-Sprecherin Christiane Reiss heißt es versöhnlich: „Jedenfalls freuen wir uns sehr, dass unser Tierpark mit der Fördergemeinschaft und der BMB-Gruppe zwei wichtige Partner an seiner Seite hat und wir werden uns daher auch in Zukunft sehr für eine direkte und reibungslose Kooperation einsetzen.“

Ob das auch praktisch umsetzbar ist, bleibt fraglich. Wie das Bezirks-Journal aus dem Umfeld der Fördergemeinschaft erfuhr, soll das zum Verein gehörende Inventar – immerhin zwei Drittel – eingelagert und womöglich versteigert werden. Eine abschließende Entscheidung hierzu steht noch aus. Ende Oktober ist zunächst ein (weiterer) Termin mit Tierpark-Direktor Andreas Knieriem geplant.

Schloss Friedrichsfelde: bewegte Geschichte

1685 baut der Generaldirektor der kurbrandenburgischen Marine, Benjamin Raule (1634-1707), einen Herrensitz in „Rosenfelde“, das später in Friedrichsfelde umbenannt wurde. Schnell wechselten die Besitzer, zu denen unter anderem Kurfürst Friedrich III., Albrecht Friedrich von Brandenburg-Schwedt, Prinz August Ferdinand von Preußen, Herzog Peter Biron von Kurland, Georg Jacob Decker jr., Prinzessin Katharina von Holstein-Beck, Carl von Treskow und Sigismund von Treskow. Nach Kriegsende wohnten dort Flüchtlinge und Vertriebene. Mit der Eröffnung des Tierparks im Jahr 1954 wurde es nun kurz Verwaltungssitz. Es erfolgte die Restauration. Ab 1981 wurde das Schloss für Vorträge und Kammermusik sowie als Museum genutzt.