Rainer Bosse: Der Chefdiplomat von Lichtenberg geht

Rainer Bosse auf dem Balkon seiner Wohnung im Fennpfuhl. Ab November hat der langjährige Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung von Lichtenberg wieder Zeit, seine Umgebung zu fotografieren. Foto: Marcel Gäding
Rainer Bosse auf dem Balkon seiner Wohnung im Fennpfuhl. Ab November hat der langjährige Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung von Lichtenberg wieder Zeit, seine Umgebung zu fotografieren. Foto: Marcel Gäding

29 Jahre war Rainer Bosse Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg und damit der Dienstälteste seiner Zunft. Jetzt zieht sich der 71-jährige Linkspolitiker zurück. An Ruhestand ist aber keineswegs zu denken. Von Marcel Gäding.

Rainer Bosse gehört zu den Menschen, die sich gerne vorbereiten und nach Möglichkeit nichts dem Zufall überlassen. Und doch kann er noch so einen guten Plan haben – irgendjemand durchkreuzt ihn immer. So war das auch bei der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am 16. September 2021. 191 Seiten umfasste die Aktenmappe. Mehr als 100 Tagesordnungspunkte galt es zehn Tage vor der BVV-Wahl abzuarbeiten. Es sollte die letzte Zusammenkunft in der alten Konstellation sein, bevor am 4. November die neugewählte BVV zusammentritt. Gut anderthalb Stunden nach Sitzungsbeginn verlief alles nach Plan, bis Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ans Mikrofon trat und anschließend das Wort an Bosses Stellvertreterin Jutta Feige (SPD) übergab. Diese würdigte ihren Kollegen dafür, dass er die BVV stets verantwortungsvoll und umsichtig führte, honorierte seine ruhige und sachliche Art und informierte darüber, dass der Bezirk ihm für seine Verdienste nunmehr die Ehrenmedaille verleihen werde. Es folgten Reden auf Rainer Bosse, es gab Geschenke und jede Menge Schnappschüsse mit ihm. Am Ende ergriff der Geehrte dann noch selbst das Wort: „Das hat eine halbe Stunde nicht geplante Sitzungszeit gekostet. Jetzt machen wir wieder BVV.“

29 Jahre war Rainer Bosse Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung, leitete fast jede der mehr als 350 Sitzungen und kann heute noch zu wichtigen Themen die Nummern der Drucksachen auswendig. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister kamen und gingen, doch Bosse blieb. „Sie waren für den Bezirk eine Konstante“, resümierte seine Stellvertreterin am 16. September – in der Annahme, es wäre die letzte Sitzung dieser BVV gewesen. Weil aber viele Themen nicht abgearbeitet werden konnten, wird es noch einmal eine Online-Tagung geben, um dann wirklich alle offenen Anträge, Beschlüsse und „Vorlagen zur Kenntnisnahme“ abzuarbeiten.

Eine Bezirksverordnetenversammlung wird gerne als Bezirksparlament bezeichnet, wobei das so formal nicht stimmt. Denn die 55 Verordneten in jedem Berliner Bezirk haben gar keine Befugnis, wie ein Parlament zu agieren und beispielsweise Gesetze auf den Weg zu bringen. Und doch ist der Begriff „Bezirksparlament“ schon etwas eindeutiger als die Bezeichnung „Bezirksverordnetenversammlung“, die vermutlich nur wenige Berlinerinnen und Berliner kennen. Dabei findet genau dort, in der BVV, die Fleißarbeit statt, sammeln Spitzenpolitiker von morgen ihre ersten Erfahrungen. Nach dem Bezirksverwaltungsgesetz sind die Bezirksverordnetenversammlungen und die Bezirksämter Organe der Bezirke. Diese nehmen ihre Aufgaben wahr, in dem sie ehrenamtlich tätige Bürger – in diesem Fall Bezirksverordnete und Bürgerdeputierte – beteiligen. In den BVVen wird gestritten, gerungen, debattiert. Hier werden Bebauungspläne auf den Weg gebracht und entschieden, wie viel Geld ein Bezirk wofür ausgeben kann.

Als Rainer Bosse 1990 in die damalige Stadtbezirksverordnetenversammlung einzog, hatte er bereits Erfahrungen gesammelt: Ein Jahr zuvor wurde er für die damalige SED in die Lichtenberger Stadtbezirksverordnetenversammlung gewählt – um dort gleich eines seiner Lieblingsthemen einzubringen: die Entwicklung seines Heimatkiezes Fennpfuhl. Als dann die DDR mit dem Fall der Mauer zu Ende ging, überlegte er kurz, aus der Partei auszutreten. Doch die spätere PDS ließ ihn nicht los, sondern bat ihn, weiter in der Kommunalpolitik zu bleiben. 1992 wurde er schließlich erstmals zum Vorsteher der neuen Lichtenberger BVV gewählt, danach noch sieben weitere Male – zuletzt 2016. „Das Ganze bekam eine Eigendynamik“, sagt Bosse. Und stets konnte er, auch wegen seines überparteilichen Umgangs, immer ein gutes Wahlergebnis verbuchen. Wäre ihm die eigene Gesundheit nicht in die Quere gekommen, hätte er vermutlich noch einmal für das wichtigste Amt nach dem Bezirksbürgermeister kandidiert. „Vor zwei Jahren aber stand für mich fest, dass 2021 Schluss ist.“

Schon jetzt ist klar, dass Rainer Bosse eine große Lücke hinterlässt. Denn kaum jemand verfügt im Bezirk über ein derart profundes Wissen, was dessen Entwicklung betrifft. Bosse erinnert sich daran, wie man erfolgreich eine Müllverbrennungsanlage in Rummelsburg verhinderte, wie man parteiübergreifend für den Erhalt des Tierpark Berlin kämpfte oder erst in dieser Wahlperiode unter Polizeischutz den umstrittenen Bebauungsplan für den Ostkreuz-Kiez beschloss. Bosse ließ sich in all den Jahren nie aus der Fassung bringen, sondern setzte darauf, die Sitzungen ruhig und besonnen zu leiten. Nur einmal sei es ihm passiert, dass er gegenüber einem Verordneten der AfD lauter werden musste. „Ansonsten galt für mich die Devise: Lass Dich nicht provozieren.“ Wollte er sich in kommunalpolitische Diskussionen einmischen, musste er vorher abwägen, in welcher Situation er als BVV-Vorsteher das Wort ergreift. Stets betonte er dann, dass er nun als Verordneter rede. Was er zu sagen hatte, war dann aber meist von Gewicht. Als Vorsteher legte er immer Wert auf einen fairen Umgang mit allen, auch mit den politischen Gegnern wie den Republikanern, der NPD oder der AfD: „Ich habe mein Amt so verstanden, dass ich Vorsteher für alle bin“, sagt Bosse. Insofern darf man ihn gern als Chefdiplomaten von Lichtenberg bezeichnen.

29 Jahre bestimmte die Bezirkspolitik das Leben von Rainer Bosse, war der Terminkalender fast täglich gefüllt. Er erinnert sich an Sitzungen, die bis tief in die Nacht gingen und schon mal im damaligen Ratskeller parteiübergreifend beim Bier ausgewertet wurden oder an Debatten, die eher in den Bundestag als in die BVV gehörten. Doch mit all dem ist spätestens am 4. November Schluss. Dann soll sich die neue BVV konstituieren. Bis dahin aber gibt es noch unzählige Termine und Besprechungen – denn so eine Sitzung muss ordentlich vorbereitet werden.

Und wie geht es für Rainer Bosse weiter? Ruhig wird es in keinem Fall. Denn er bleibt weiter Vorsitzender des Bürgervereins Fennpfuhl und will sich in dieser Funktion weiter für seinen Kiez stark machen – unter anderem die Feierlichkeiten zum 50. Gründungstag des Ortsteils vorbereiten. Wenn es seine Gesundheit erlaubt, stehen auch noch weitere Reisen mit seiner Frau Kirsten an, unter anderem in sein Sehnsuchtsland Japan oder mit der Transsibirischen Eisenbahn. Und dann wäre da noch sein Faible für imposante Gotteshäuser. Etliche Foto- und Textbände von seinen zahlreichen Dom-Besuchen existieren bereits, weitere sollen in jedem Fall folgen. Wenn ihm dann noch Zeit bleibt, wird weiter an der Modelleisenbahnanlage gebaut. Sicher ist, dass er wieder verstärkt durch seinen geliebten Tierpark ziehen wird, mit der Kamera auf der Suche nach tierischen Motiven.