Radfahrende begeben sich am Ostkreuz in Lebensgefahr

Fahrradfahrer an der Ecke Kynaststraße und Marktstraße. Foto: Marcel Gäding
Fahrradfahrer an der Ecke Kynaststraße und Marktstraße. Foto: Marcel Gäding

Rund um das Ostkreuz fehlt es an gut ausgebauten Radwegen. Radfahrende teilen sich daher die Straße mit Autos und Straßenbahnen. Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen. Schnelle Lösungen müssen her, fordert das Netzwerk „Fahrradfreundliches Lichtenberg“.

Mittwochnachmittag, gegen 15 Uhr, stehen Eckhard Gauterin, Inge Lechner und Hajo Legeler vom Netzwerk „Fahrradfreundliches Lichtenberg“ an der Kreuzung Kynaststraße und Marktstraße. Es ist Berufsverkehr. Auf allen vier Spuren kämpfen sich Autos in beide Richtungen – entweder nach Friedrichshain oder stadtauswärts Richtung Rummelsburger Bucht. Dazwischen bahnen sich Radfahrende ihren Weg. Die Wagemutigen nutzen die Straße, alle anderen den Bürgersteig. Eine grobe Schätzung zeigt: In nicht einmal 20 Minuten sind an dieser viel befahrenen Kreuzung an die 60 Radfahrende unterwegs.

Eckhard Gauterin nutzt das Fahrrad für seine täglichen Wege. Er wohnt nebenan im Kaskelkiez. Für seine Touren ist er gut gerüstet. Dazu gehört die wetterfeste Kleidung ebenso wie der schützende Helm, an dessen Seite er eine Lampe befestigt hat, um besser von Autofahrern gesehen zu werden. Und doch ist es dem Familienvater schon zweimal passiert, dass er auf der Lichtenberger Seite des Ostkreuzes angefahren wurde.

Die Marktstraße am Ostkreuz ist ein Nadelöhr und eine beliebte Ausweichstrecke, wenn es auf der Frankfurter Allee mal wieder zu voll ist. Das Netzwerk „Fahrradfreundliches Lichtenberg“ hat mal ausgerechnet, dass die Straße zwischen dem Lichtenberger Ortsteil Rummelsburg und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg täglich von 8.000 bis 10.000 Fahrzeugen frequentiert wird. Tendenz steigend. Weil jedoch keine gut ausgebauten Radwege existieren, kommt es dort und in den weiterführenden Straßen wie der Karlshorster Straße oder der Boxhagener Straße immer wieder zu Unfällen, bei denen Radfahrende oder Fußgänger verletzt oder gar getötet werden. Offizielle Zahlen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zufolge wurden in den vergangenen drei Jahren fünf Fälle erfasst. „Auf einer Länge von 600 Metern befinden sich fünf Unfallhäufungsstellen“, sagt Eckhard Gauterin. 2014 starb an der Ecke Marktstraße und Schreiberhauer Straße eine Fußgängerin an den Folgen eines Unfalls. 2015 wurde an der Karlshorster Straße eine Radfahrerin von einem Lkw erfasst und getötet.

Die Akteurinnen und Akteure des Netzwerkes „Fahrradfreundliches Lichtenberg“ fordern nun Sofortmaßnahmen – denn zu lange sei zwar das Problem bekannt. „Doch der Senat in seiner Zuständigkeit für die übergeordneten Stellen und der Bezirk schieben die Zuständigkeit hin und her“, sagt Eckhard Gauterin. Mindestens fünf Jahre schon mache man auf die Gefahrensituationen rund ums Ostkreuz aufmerksam, in der Zeit habe er schon drei Stadträte erlebt, berichtet Gauterin. Doch bislang waren alle Initiativen aus der Sicht des Netzwerkes vergebens. „Man bekommt keine Rückmeldung“, berichtet Gauterin frustriert. Der Ärger wird noch dadurch verstärkt, dass bei gerade abgeschlossenen Straßensanierungen Autofahrer offenbar Vorrang hatten. So wurde zwar die Karlshorster Straße instandgesetzt. Doch einen Radweg hat man allem Anschein nach schlichtweg vergessen. Lediglich an der Kreuzung Karlshorster Straße und Hauptstraße gibt es im Ampelbereich eine gut ein Meter lange Markierung für Radfahrende, die aber im Nichts endet. Wo Platz für einen Radweg wäre, setzten die Baufirmen Ampelmasten. „Wir bekommen immer wieder E-Mails von Eltern, die schreiben, dass es nicht sein kann, dass Kinder keinen sicheren Fahrradweg haben und dass man jeden Tag Angst haben muss, dass die Kinder nicht sicher in der Schule ankommen“, berichtet Radaktivist Gauterin.

Das Netzwerk „Fahrradfreundliches Lichtenberg“ fordert von Land und Bezirk, nun umgehend Maßnahmen zu ergreifen. „Die Gehwege sind breit genug, um dort wenigstens den Radverkehr zuzulassen, wenn man eine schnelle Lösung haben will“, sagt Eckhard Gauterin. Außerdem sollte auch darüber nachgedacht werden, an bestimmten Stellen das Abbiegen in die Wohngebiete zu verbieten. Langfristig gäbe es genügend Platz für geschützte Radwege.

Anders als das Netzwerk „Fahrradfreundliches Lichtenberg“ kann die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz keine „Unfallhäufungsstelle“ erkennen. Im Gegenteil: Die Unfallsituation im Bereich Hauptstraße/Karlshorster Straße sei gemeinsam mit der Polizei analysiert worden, sagt Sprecherin Dorothee Winden. „Dabei hat sich herausgestellt, dass keine Unfallhäufungsstelle vorliegt.“ Die Marktstraße/Karlshorster Straße bilde in der Auswertung der Dreijahreskarte z. B. keine Unfallhäufungsstelle, „in der Einjahreskarte belegt sie mit 26 Unfällen den Platz 1.123, liegt also bei stadtweiter Betrachtung an hinterer Stelle“. Die Unfallkommission werde sich jedoch mit der Unfallsituation in Lichtenberg noch befassen. „Ein genauer Termin steht hierfür noch nicht fest.“

Der für Verkehr zuständige Bezirksstadtrat Martin Schaefer (CDU) bedauert, dass man in Fragen der Verkehrssicherheit nicht vorankommen. Weil die Marktstraße in der Verantwortung des Landes Berlin liege, sei der Bezirk außen vor. Er kann verstehen, dass dieses Hin- und Hergeschiebe von Verantwortung nervt. Daher habe er die neuerlichen Forderungen des Netzwerks „Fahrradfreundliches Lichtenberg“ zum Anlass genommen, den zuständigen Staatssekretär anzuschreiben und ihn um einen Vor-Ort-Termin gebeten. „Wir hätten die Möglichkeit, eine Seite für Fußgänger zu sperren und dort den Radweg zu verlagern“, sagt Schaefer. Er will sich für flexible Lösungen einsetzen, die im Kern zwar dem Mobilitätsgesetz widersprechen. „Doch angesichts der Gefahrensituation muss etwas passieren.“ Neben dem Termin mit dem Staatssekretär will Schaefer zudem zu einer Einwohnerversammlung einladen. Wegen der Corona-Pandemie ist der Zeitpunkt jedoch noch offen. (gäd.)