Manfred Becker: Christenmensch, Staatsfeind und Kiezpolitiker

Manfred Becker in der Bibliothek des Nachbarschaftshauses „Orangerie“ an der Schulze-Boyen-Straße . Foto: Marcel Gäding
Manfred Becker in der Bibliothek des Nachbarschaftshauses „Orangerie“ an der Schulze-Boyen-Straße . Foto: Marcel Gäding

Manfred Becker erhält den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Damit wird nicht nur sein Engagement für Lichtenberg gewürdigt, sondern auch sein Wirken vor und nach der Wende in der DDR. Von Marcel Gäding.

Manfred Becker sitzt am großen Tisch des Nachbarschaftshauses „Orangerie“ des Vereins Kiezspinne FAS an der Schulze-Boysen-Straße. Es ist einer der letzten Arbeitstage, bevor es mit der Frau in den wohlverdienten Urlaub über den großen Teich geht. Noch aber absolviert er vorab eine Reihe von Terminen. Auch soll die Zeitung des sozialen Vereins noch einmal Korrektur gelesen werden. Trotz des Stresses lässt sich Becker nicht aus der Ruhe bringen. Denn Hektik war offenbar noch nie seine Sache. Nicht in der DDR, in der er nach der Flucht aus dem schlesischen Breslau aufwuchs, nicht in den wilden Jahren vor und nach dem Mauerfall und schon gar nicht in diesen Tagen, in denen sich die Räder der Gesellschaft scheinbar rastlos drehen. Wenn auf jemanden die Beschreibung „Die Ruhe in Person“ zutrifft, dann auf Manfred Becker, auf diesen verlässlichen „Fels in der Brandung“. An diesem großen Tisch gönnt er sich nun erst einmal eine gute Tasse Kaffee und zeigt seinem Zuhörer stolz Aufnahmen auf seinem Handy. Fotos vom Bundesverdienstkreuz sind zu sehen, das ihm wenige Tage zuvor im Lichtenberger Rathaus überreicht wurde. Im Text auf der von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterzeichneten Urkunde ist zu lesen, dass er die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik „in Anerkennung der um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste“ bekommt.

„In über 80 Jahren ist ganz schön was zusammengekommen.“

Gute drei Stunden dauert die Reise in die Vergangenheit und Gegenwart von Manfred Becker an diesem Winternachmittag, an dem es um kurz nach 16 Uhr schon stockdunkel ist. Fast schon entschuldigend schickt er voran: „In über 80 Jahren ist ganz schön was zusammengekommen.“

Becker berichtet, wie er 1945 als Kind mit seinen Eltern aus seiner schlesischen Heimatstadt nach Zwickau flüchtete, wie er früh sein Interesse an Politik entdeckte und sich als gläubiger Christ in der Jungen Gemeinde engagierte. Schon als Jugendlicher setzte er sich kritisch mit dem neuen deutschen Staat auseinander. „Ich erinnere mich an eine Diskussion mit meinem Geschichtslehrer, der Jesus Christus als Erfindung beschrieb“, sagt Becker. Dies konnte und wollte er als Christenmensch, wie er sich selbst bezeichnet, nicht unkommentiert stehen lassen. Später, während des Studiums der Pädagogik, Germanistik und Slawistik in Leipzig, beschäftigten ihn bei Besuchen in der evangelischen Studentengemeinde sozialpolitische Fragestellungen. Immer stärker spürte er, wie schwierig es Christenmenschen wie er in der DDR haben. Beckers Wunsch, Oberstufenlehrer zu werden, erfüllte sich nicht. Stattdessen folgte er dem Ruf seines Förderers Theodor Frings an das Institut Deutsche Literatur und Sprache der Akademie der Wissenschaften nach Ost-Berlin – und verbrachte als überzeugter Gläubiger seine Freizeit in der Pfarrkirche am Loeperplatz in Lichtenberg. „Ich bekam das Angebot, im Chor mitzusingen“, erinnert sich Becker. „Aber der Chor war nicht nur Chor. Wir trafen uns mit dem Pfarrer, um seine Predigten vorab zu besprechen.“ Der Germanist engagierte sich immer stärker in der Kirche – erst im Kirchenvorstand, dann in der Kreissynode. 1973 wurde er Präses der Landessynode Berlin-Brandenburg, dem ehrenamtlichen Parlament der Evangelische Kirche. Dort wirkte er bis 1990. Zwischendurch wurde er 1976 bis 1982 sogar Präses aller Evangelischen Kirchen in der DDR. „Dort konnte man ganz gut Demokratie lernen“, sagt Becker. Hatte er mit seinem Ehrenamt schon gut zu tun, kamen in den 1980er-Jahren weitere Herausforderungen auf ihn zu. Denn die Evangelische Kirche wurde immer mehr zum Treffpunkt „systemferner“ Jugendlicher und von Oppositionellen. „Unter dem Dach der Kirche wurde offen über die Militarisierung der Schule, die Verschmutzung der Umwelt und über das Alltagsleben in der DDR diskutiert.“ Manfred Becker nahm am Runden Tisch von Ost-Berlin Platz, fest in der Überzeugung, aus dem in Schieflage geratenen Land doch noch einen vernünftigen demokratischen Staat zu machen. 1990 berief Lothar de Maizière (CDU), Ministerpräsident der einzig frei gewählten DDR-Regierung, Becker zum Staatssekretär für Medienpolitik. „Das war eine absurde Zeit, denn wir waren angetreten, ein Land zu regieren, das bankrott war und dessen Bevölkerung weg wollte.“ Unter anderem hatte er die Aufgabe zu lösen, Fernsehen und Rundfunk in der DDR neu aufzustellen. Nur wenige Monate später war die DDR mit der Wiedervereinigung Geschichte – und Becker kein Staatssekretär mehr. Dann folgten anderthalb Jahre Arbeitslosigkeit, bevor er eine Stelle als Leiter des Referats „Kirche und Religionen“ bei der Senatskulturverwaltung antrat und bis zu seiner Rente im Jahre 2003 bekleidete. Nach der Wende las Manfred Becker in seiner Stasiakte, was man im Osten von ihm wirklich hielt. „Staatsfeind“ steht dort unter anderem.

Über all die Jahre parteilos, zog es Becker schließlich 1990 zu den Sozialdemokraten, für die er fortan aber auf kommunaler Ebene aktiv wurde. 1995 wurde er Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, mit kurzen Unterbrechungen stand er bis 2011 an deren Spitze. Konnten die Debatten im „Bezirksparlament“ noch so hitzig sein, Becker vermochte es stets mit seiner ruhigen, sachlichen und humorvoll-intellektuellen Art, Wogen zu glätten. Bis zu seinem Ausstieg aus der Kommunalpolitik im Jahr 2021 blieb er aktiv für Lichtenberg und machte sich über all die Jahre einen Namen als versierter Haushaltspolitiker und Kämpfer für die Erinnerungskultur unter anderem in der Lichtenberger Gedenktafelkommission. Parallel arbeitete er zudem drei Wahlperioden im Verwaltungsrat des ZDF, „lange Zeit als einziger Ossi“. Auf Augenhöhe traf er dort auf Markus Söder, Edmund Stoiber und Roland Koch. Dort wie auf Bezirksebene hatte er aber immer stets einen Anspruch, „sich nicht zu verfeinden und Kompromisse in der Sache zu finden“. Als 2006 ein Vorstandsvorsitzender für den sozialen Verein Kiezspinne FAS gesucht wurde, zögerte Becker nicht lange. Bis heute steht er dem Verein vor. „Allerdings wird es nun langsam Zeit, die Geschicke in jüngere Hände zu geben.“