Lichtenberg will verstärkt gegen Kinderarmut vorgehen

Start der Kampagne „100 Stimmen gegen Kinderarmut“ vorm Zelt des Mitmachzirkus „Cabuwazi“, in dem demnächst viele kostenlose Angebote für Kinder und Jugendliche stattfinden. Von links nach rechts: Björn Döring, Michael Grunst, Christian Awe, Mathias Roloff, Dr. Sandra Born, Thorsten Schacht, Moritz van Dülmen, Nicole Trieloff und Sven Felski. Foto Marcel Gäding
Start der Kampagne „100 Stimmen gegen Kinderarmut“ vorm Zelt des Mitmachzirkus „Cabuwazi“, in dem demnächst viele kostenlose Angebote für Kinder und Jugendliche stattfinden. Von links nach rechts: Björn Döring, Michael Grunst, Christian Awe, Mathias Roloff, Dr. Sandra Born, Thorsten Schacht, Moritz van Dülmen, Nicole Trieloff und Sven Felski. Foto Marcel Gäding

Statistisch lebt jedes dritte Lichtenberger Kind in einem Haushalt, in dem Eltern Sozialleistungen beziehen. Das Bezirksamt will aktiv gegen Kinderarmut vorgehen – und holt sich dafür prominente Unterstützung für die Kampagne „100 Stimmen gegen Kinderarmut“. Von Marcel Gäding.

Wenn Nicole Trieloff an ihre Kindheit zurückdenkt, dann ist diese Phase ihres Lebens mit schmerzlichen Erfahrungen und vielen Rückschlägen verbunden. „Ich bin in Armut großgeworden“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin bei der Vorstellung des ersten Lichtenberger Kinderarmutsberichts. Für die junge Frau bedeutete das in erster Linie Verzicht – auf Markenklamotten oder Urlaubsreisen, auf Kinoabende mit Freunden oder Theaterbesuche. „Ich erinnere mich gut, wie ich als Teenager beim Amt einen Zuschuss für eine Klassenfahrt beantragt habe“, blickt Nicole Trieloff zurück. Oft sei sie von Gleichaltrigen gemobbt worden, weil sie irgendwie anders war als die anderen. Und dann gab es da dieses Erlebnis, das sie bis heute schwer und nachhaltig beeindruckt. Eine entfernte Bekannte der Familie nahm sich ihrer an, als sie 14 Jahre alt war. „Sie hat mich quasi unter ihre Fittiche genommen, mich Stück für Stück an Kultur herangeführt, ging mit mir ins Museum“, sagt Nicole Trieloff. Vor allem aber war sie für sie da, half ihr bei Problemen, hörte ihr zu und ermöglichte ihr, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Heute ist Nicole Trieloff Geschäftsführerin des Christlichen Sozialwerk Berlin sowie Sprecherin des Netzwerks Alleinerziehende Lichtenberg. Mit 60 weiteren Akteur*innen aus Verwaltung, Politik und der Vereinswelt engagiert sie sich gegen Kinderarmut im Bezirk – auch, weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie sich das anfühlt, in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen aufzuwachsen. Ihre wichtigste Botschaft: „Jeder von uns ist gefragt.“
Kinderarmut ist nach Auskunft von Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) kein neues Thema. „Schon vor vielen Jahren haben wir festgestellt, dass jedes dritte Kind in Haushalten lebt, in denen die Eltern Transferleistungen beziehen“, sagt Grunst. Konkret bedeutet dies, dass die Elternhäuser vom Jobcenter unterstützt werden, um über die Runden zu kommen – entweder, weil sie selbst keine Arbeit haben oder der Verdienst aus eigener Arbeit hinten und vorne nicht reicht. Grunst weiß, dass Kinder oft unverschuldet in eine ähnliche Situation geraten. Ohne gute Bildung beispielsweise wird der Weg ins Berufsleben schwer, Perspektiven schwinden.

Vor gut zwei Jahren schuf die Verwaltungsspitze im Bezirk Lichtenberg die Voraussetzungen, aktiv gegen Kinderarmut vorzugehen. Koordiniert wird die „Fachliche Steuerung Kinderarmutsprävention“ von Dr. Sandra Born, langjährige Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes und nun direkt im Stab des Bezirksbürgermeisters tätig. Sie hat die aktuellen Fakten zusammengetragen. Im Jahr 2018 waren 28 Prozent der Lichtenberger Kinder von Armut betroffen oder in Zahlen ausgedrückt – 13.444. Sie weiß: „Kinderarmut hat viele Gesichter.“ Und jedes in Armut lebende Kind ist eines zu viel. Besonders betroffen sind Kinder, die bei Alleinerziehenden groß werden.

Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen will der Bezirk nach der Veröffentlichung des ersten Lichtenberger Kinderarmutsberichts das Problem angehen und Kindern eine Chance geben. Dafür wurden Fachleute aus Verwaltung und dem Vereinsleben gewonnen, die sich in vier Arbeitsgruppen engagieren: Armut und Gesundheit; Armut und Bildung; Armut und Existenzielle Versorgung; Armut und Soziale Teilhabe. Gemeinsam wollen sie Kindern und Jugendlichen aus wirtschaftlich prekären Elternhäusern eine Perspektive bieten. Da ist die Rede von Bildungspatenschaften für betroffene Kinder, von vereinfachten Zugängen zu Hilfsangeboten und Zuschüssen wie etwa aus dem Bildungs- und Teilhabepaket oder vom Einsatz sogenannter „Schulgesundheitsfachkräfte“, welche die „Gesundheitskompetenz“ stärken sollen. Betroffene Kinder und Jugendliche müssten zudem fit gemacht werden im Umgang mit Geld, um nicht selbst in die „Schuldenfalle“ zu geraten. Vor allem aber muss nach Ansicht von Thorsten Schacht, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Berlin-Lichtenberg, jedes einzelne Kind gestärkt werden. „Die Herkunft entscheidet sehr stark über die Zukunft“, sagt er. „Dies zu durchbrechen, muss unser Ziel sein.“

Das Engagement gegen Kinderarmut soll sich nicht nur auf Angebote von Bezirks­amt, Jobcenter oder Vereine beschränken. Im Rahmen der Kampagne „100 Stimmen gegen Kinderarmut“ werben engagierte Lichtenberger wie Ex-Eisbärenspieler Sven Felski oder der Künstler Christian Awe in der Bevölkerung dafür, selbst gegen Kinderarmut aktiv zu werden (siehe Text „Fünf Stimmen gegen Kinderarmut“).

Aus der Sicht von Bezirksbürgermeister Michael Grunst ist nun mit der Vorlage des ersten Kinderarmutsberichts ein erster wichtiger Schritt für eine bezirkliche Armutspräventionsstrategie getan: „Wir wollen als Bezirk alle Ressourcen nutzen, die wir als lokaler Akteur haben. Für Berlin bislang einmalig entwickelt Lichtenberg eine eigene Gesamtstrategie zur Kinderarmutsprävention: ressortübergreifend und darauf ausgerichtet, genau dort zu wirken, wo sie gebraucht wird – direkt bei den Kindern und Jugendlichen.“

 

Fünf Stimmen gegen Kinderarmut

In den kommenden Wochen will der Bezirk 100 Menschen aus Lichtenberg finden, die sich gegen Kinderarmut stark machen. Wir stellen fünf bereits aktive Männer vor:

Christian Awe (Streetart-Künstler und Maler): „Ich beschäftige mich ganz oft mit den schönen Dingen des Lebens. Als junger Familienvater liegt mir daran, dass wir als eine der größten Wirtschaftsnationen der Welt nicht mehr über Armut von Kindern reden müssen.“

 

Mathias Roloff (Bildender Künstler, aufgewachsen in Alt-Hohenschönhausen): „Der Wert des Kindes ist ein Wert, den wir als Erwachsene vermitteln. Eine große Rolle spielt dabei, wie wir mit Kindern kommunizieren. Wichtig ist es, Kindern zuzuhören und darauf auch zu reagieren.“

 

Sven Felski (Eishockeytrainer und früherer Spieler bei den Eisbären Berlin): „Wir haben bei den Eisbären Juniors, deren Geschäftsführer ich bin, viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun. Lichtenberg ist ein familiengerechter Bezirk. Wir sind in der Pflicht, alle Möglichkeiten für unsere Kinder auszuschöpfen.“

 

Moritz van Dülmen (Geschäftsführer Kulturprojekte Berlin): „Wenn man diese Zahlen sieht, ist man erschrocken. Kulturelle Bildung darf keine Frage des Geldes sein. Hier müssen alle Kräfte gebündelt werden. Ich hoffe, dass wir viele Mitstreiter*innen finden, um der Kinderarmut ein ganz klares Stopp-Zeichen zu zeigen.“

 

Björn Döring (Kulturmanager sowie Vorsitzender des Fördervereins Obersee & Orankesee e.V.): „Kulturelle Teilhabe ist ein Thema, das mich umtreibt. Ich glaube stark daran, dass die Kampagne 100 Stimmen gegen Kinderarmut einen tiefen Impuls haben kann.“

Fotos: Marcel Gäding

 

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Erster Lichtenberger Kinderarmutsbericht