Kunst statt Wohnen in Rummelsburg

Die Häuser der Gaswerksiedlung erinnern an die gotischen Giebelhäuser von Hansestädten. Fotos: Angelika Giorgis
Die Häuser der Gaswerksiedlung erinnern an die gotischen Giebelhäuser von Hansestädten. Fotos: Angelika Giorgis

Grafikdesigner, Handwerker, Programmierer und verschiedene Künstler erwecken die Gaswerksiedlung aus ihrem „Dornröschchenschlaf“. Von Angelika Giorgis.

Im Café Flow machen gerade einige Tischler Pause. „Eigentlich sind es Bühnenbauer“, erzählt Stephan Kunze. Er ist der Geschäftsführer der Gaswerksiedlung GmbH an der Köpenicker Chaussee. Die Bühnenbauer haben jetzt in der Corona-Krise keine Arbeit und nahmen darum Kunzes Angebot, einige Fenster in den Klinkerbauten in Schuss zu halten, gern an. Das dreigeschossige, 250 Meter lange Gebäudeensemble wird Stück für Stück weiter ausgebaut. Es erinnert an gotische Giebelhäuser der Hansestädte und steht unter Denkmalschutz. In den Jahren 1925/26 wurde es von Ernst Engelmann und Emil Fangmeyer für die Beschäftigten des benachbarten Gaswerkes errichtet.

Die 17 Häuser waren seit Mitte der 2000er-Jahre kaum noch vermietet. Das Nachnutzungskonzept sah für diese Gegend Kleingewerbe vor. Damit war dort ein weiteres Wohnen nicht mehr gestattet. Ringsum das Gebäudeensemble ließen sich Handwerker nieder. Die Gaswerksiedlung GmbH öffnete ihre Türen der Kreativwirtschaft. Zunächst kümmerten sich die Verantwortlichen darum, dass die einstigen Wohnungen wieder vermietbar wurden. Jetzt gibt es hier 98 Gewerbeeinheiten und sieben noch belegte Wohnungen, in denen zehn Mieter leben.

Das Gelände pachtete die Gaswerksiedlung GmbH von Vattenfall. Als Kunze und seine Mitstreiter es übernahmen, hatten 98 der 105 Wohnungen keine Heizung und keine Sanitäranlagen. Das waren zunächst die dringlichsten Investitionen. Es wurden auch Räume vergrößert und Einheiten umgebaut. Im Haus Blockdammweg 1, wo sich unter anderem das Café befindet, lebten früher die leitenden Angestellten des Gaswerkes. Heute ist es das Gaswerk Musikhaus mit 30 Musikstudios. 20 weitere wurden in den anderen Häusern privat eingebaut.

95 Prozent der Gewerbefläche ist an die Kreativwirtschaft vermietet. Außer den Bühnenbauern findet man hier unter anderem eine Textilwerkstatt mit Webstuhl, Grafikdesigner, sehr viele Musiker, Filmer, Filmmusiker, Maler, Modedesigner, Programmierer oder Skulpteure. Gerade ist eine Musikkünstlerin aus Japan eingezogen. 60 Prozent der Mieter kommen aus dem Ausland – von Chile bis China. Die meisten sind um die 30 Jahre alt. Pro Quadratmeter zahlen sie acht Euro, plus Nebenkosten und Mehrwertsteuer an Miete.

Kunze erzählt, dass die früheren Wohnungen in leise, halblaute und laute Bereiche eingeteilt wurden. Halblaut heißt schallisoliert, zum Beispiel für Musikstudios. Sie wurden mit Bassfallen ausgestattet. Vier Häuser sind als Bandproberäume reserviert. Hier richten sich die Mieter selbst Bassfallen ein. Alle Einheiten haben einen Glasfaseranschluss und damit Highspeed-Internet. Parkplätze befinden sich direkt vor der Tür. Aber die meisten Gewerbemieter kommen mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn hierher. Sie wohnen hauptsächlich in Friedrichshain oder Neukölln.

Hinter der Häuserzeile liegt eine große Grünfläche. Dort haben sich die jungen Leute eine Bühne, eine Sauna und diverse Rückzugsmöglichkeiten geschaffen. Auch das Tiny House von Isabelle Tellié, einer französisch-deutschen Skulpteurin, die auch optische Illusionsbilder kreiert, steht hier. Für die studierte Modedesignerin war das anfangs ein Experiment, ein Kunstprojekt, das zeigen sollte, wie man autark beziehungsweise alternativ leben kann. Mittlerweile nutzt sie das Haus für Ausstellungen und Sessions, im letzten Sommer allerdings nur in kleinem Rahmen mit zwei Musikern und 40 Gästen.

Weil das hinter dem Garten liegende Gelände, auf dem sich bis 1985 das Gaswerk befand, kontaminiert war, haben die Bewohner aus Vorsicht Hochbeete im Garten errichtet, auf denen sie gärtnern. „Der Garten ist ein gewisser Luxus“, erzählt Kunze. Er nennt den Grünstreifen mit dem Weg, der die Häuser verbindet, „Boulevard de Gaswerk“. „Hier herrscht ein permanenter Kampf gegen das Chaos“, erzählt er. Die Kreativen versuchen auch auf der Grünfläche ihre Träume zu verwirklichen und nutzen sie für Proben, Vorstellungen und Diskussionsrunden. Ein Dreh- und Angelpunkt besonders in Corona-Zeiten, wo man zusammen sein und doch Abstand wahren kann.

Kunze kennt alle Mieter. Der studierte Historiker und Kunsthistoriker spricht fünf Sprachen und findet für jeden den richtigen Ton. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum es so gut wie keine Fluktuation gibt. In einem gewissen Umfang wäre die für neue Ideen vielleicht gar nicht so schlecht, glaubt er. Aber es freut ihn natürlich, dass sich die Mieter hier wohl fühlen.

Die Umgebung rund um die Gaswerksiedlung ist industriell geprägt. Die Gebäude des Heizkraftwerks Klingenberg, des Alten Kraftwerks Rummelsburg und auch das Funkhaus Berlin stehen unter Denkmalschutz. Das Alte Kraftwerk dient als Kulisse für Ausstellungen, Filmdrehs und Konzerte. Das Funkhaus beherbergt den größten zusammenhängenden Studiokomplex der Welt. Rundherum soll ein Büro- und Dienstleistungsstandort mit einem Ufergrünzug entlang der Spree entstehen. Wer dem Fluss Richtung Zentrum folgt, trifft an der Stralauer Allee auf das Quartier Mediaspree, wo zahlreiche Kommunikations- und Medienunternehmen, Eventlocations, Coworking Spaces und prominente Mieter ihren Sitz haben. Diese Nähe kommt den Kreativen der Gaswerksiedlung bestimmt zugute, denn sie müssen vom Verkauf ihrer Kunstwerke und Dienstleistungen leben. Gerade in den jetzigen Zeiten ein schwieriges Unterfangen.