Kiezgeschichte: Karlshorster erzählen aus ihrem Leben

Traude Schulz wohnt seit 70 Jahren in der Hentigstraße in Karlshorst. Geschichten aus ihrem Stadtteil gibt es viele zu erzählen – und aufzuschreiben. Foto: Steffi Bey
Traude Schulz wohnt seit 70 Jahren in der Hentigstraße in Karlshorst. Geschichten aus ihrem Stadtteil gibt es viele zu erzählen – und aufzuschreiben. Foto: Steffi Bey

Den „Karlshorster Erzählkreis“ gibt es seit 27 Jahren – Traude Schulz gehört zu den aktiven Autoren. Das jüngste Werk heißt „Damals ist noch gar nicht so lange her“. Es ist eine Reise in die Vergangenheit von Karlshorst, dargestellt in ganz persönlichen Geschichten. Von Steffi Bey.

Zum Glück wurde Traude Schulz Mitte der 1990er-Jahre Rentnerin: Denn sonst hätte sie sich ganz gewiss nicht nach einer neuen Aufgabe umgeschaut. „Ich wollte etwas finden, bei dem ich auch geistig fit bleibe“, sagt die Seniorin. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Während der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen von Karlshorst entdeckte sie 1995 einen Stand vom „Karlshorster Erzählkreis“. Eine Handvoll älterer Damen und Herren präsentierte dort sein erstes gemeinsames Werk „Auf den Spuren der Vergangenheit“.

„Ich kaufte mir das Buch und las es sehr schnell aus“, erinnert sich die inzwischen 90-Jährige. Schon kurze Zeit später ging sie regelmäßig zu den Treffen der Geschichtsinteressierten. Erst ein Jahr zuvor hatte sich die Gruppe auf Initiative des Lichtenberger Sozialamtes gegründet. „Mir gefielen die kreative Atmosphäre und die Idee, die vielen Lebensgeschichten mit der Historie unseres Stadtteils zu verbinden“, sagt Traude Schulz.

Sie selbst lebt seit 70 Jahren im Kiez: in einer kleinen Drei-Raum-Wohnung in der Hentigstraße. Wie sie damals zu dieser Bleibe kam, wie beschwerlich es war, den Ort überhaupt beziehbar zu machen und welche kleinen und großen Dinge sie erlebte, verarbeitete die Karlshorsterin in einigen Geschichten.

Das Verrückte daran ist: Früher hat sich Traude Schulz überhaupt nichts aus

Schreiben gemacht. „Im Gegenteil – ich hasste es, Aufsätze auf Papier zu bringen“, berichtet die alte Dame sichtlich amüsiert. Der Spaß dafür sei erst mit der Zeit gekommen. Etliche Artikel und auch Gedichte schrieb sie inzwischen. Sie studierte die Texte von anderen Erzählkreis-Mitgliedern, korrigierte wo es notwendig war und lud zusammen mit Gleichgesinnten zu Lesungen ein.

Themenbezogen fanden solche beliebten Veranstaltungen statt. Geplaudert wurde dabei beispielsweise über die Schulgeschichte des Ortsteils, über den Gründer und Förderer der Villenkolonie Karlshorst oder über das Gestern-Heute-Morgen des Kulturhauses.

„Coronabedingt fällt seit Monaten alles aus, genau wie unsere Treffen“, bedauert die Seniorin. Aber trotzdem kramen die Aktiven in Erinnerungen, sichten Material und schreiben weiter. „Wir hoffen, dass wir im Mai endlich wieder ins Kulturhaus einladen können“, betont Traude Schulz.

Ende vergangenen Jahres wurde ihr die Lichtenberger Bürgermedaille verliehen. Sie freut sich über diese Auszeichnung. Und sie ist froh, dass sie gemeinsam mit den wenigen noch verbliebenen Mitgliedern 2018 die richtige Entscheidung traf. Denn durch den Tod der langjährigen Vorsitzenden Eva Badel war zunächst unklar, ob der Erzählkreis überhaupt weiter besteht. „Wir entschieden uns dafür. Vor allem, weil es noch so viel Unveröffentlichtes gibt, was wir den Karlshorstern nahebringen möchten“, erklärt die kreative Rentnerin. Auch wenn es ihr selbst gesundheitlich oft nicht so gut geht – die erlebte Geschichte, das eigene Erzählen und Schreiben und die wertvollen sozialen Kontakte tun ihr gut.

Besonders stolz ist sie auf das dritte Buch „Damals ist noch gar nicht so lange her“, das im Dezember 2020 vom Erzählkreis herausgebracht wurde. Eigentlich sollte das bereits im Mai geschehen – aber durch die Pandemie verzögerte es sich.

Viel Herzblut und Mühe steckte das kleine Team in das 142-seitige Werk. Unterstützung kam vom Amt für Weiterbildung und Kultur. Auch Traude Schulz griff wieder zu Stift und Papier und steuerte unter anderem ein paar persönliche Geschichten bei. „Opa, komm, Eisenbahn gucken“ oder „Die warme Stube“ gehören dazu.

Und sie ist sich sicher: „Es gibt noch viel mehr über unseren Stadtteil zu berichten, deshalb wäre es schön, wenn sich Interessierte melden und bei uns mitmachen“, hofft die Seniorin.

Wenn es wieder erlaubt wird, finden einmal monatlich in der kommunalen Begegnungsstätte, Hönower Straße 30a die Treffen statt. Interessierte können sich unter der Telefonnummer: 030-5098108 oder per E-Mail: karlshorster_erzaehlkreis@web.de erkundigen.

Die neueste Publikation „Damals ist noch gar nicht so lange her“ kann in den Buchhandlungen Petras, Treskowallee 110, Am Tierpark, Erich-Kurz-Straße 9, und Paul + Paula, Pfarrstraße 121, sowie im BYSTRO, Zwieseler Straße 44, und in der Kommunalen Begegnungsstätte, Hönower Straße 30a, erworben werden.