In der Fahrbereitschaft darf wieder Kunst gezeigt werden

Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD, links), Kunstsammler Axel Haubrok (Mitte) und Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) vor der Unterschrift der Absichtserklärung. Foto: Marcel Gäding
Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD, links), Kunstsammler Axel Haubrok (Mitte) und Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) vor der Unterschrift der Absichtserklärung. Foto: Marcel Gäding

Seit zweieinhalb Jahren streiten das Bezirksamt Lichtenberg sowie die beiden Kunstsammler Axel und Barbara Haubrok darum, ob auf dem Gelände der einstigen SED-Fahrbereitschaft Kunst gezeigt werden darf. Nachdem die Fronten lange Zeit verhärtet waren, scheint nun eine Einigung in Sicht. Am Dienstag wurde eine Absichtserklärung – auch Letter of Intent genannt – unterzeichnet. Von Marcel Gäding.

Der Weg in den einstigen Kulturraum ist nicht zu verfehlen. „Immer der Nase nach, hier riecht es nach DDR“, sagt Michael Grunst (Die Linke), Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, während er durch das Treppenhaus in die zweite Etage geht. Drinnen ist fast alles so wie zu Ostzeiten. Die Kantinenstühle, die auffällig blaue Couchgarnitur, die Bar mit ihren kultigen Hockern sowie Deckenleuchten und die mit Sprelacart überzogenen Tische lassen Erinnerungen an alte Zeiten aufkommen. Vorn am Tresen hat es sich Baustadtrat Kevin Hönicke (SPD) auf einem der Hocker gemütlich gemacht, neben ihm stehen Axel Haubrok und nun auch der Bürgermeister. Es ist ein schönes Bild von Eintracht – vor Monaten wäre so etwas undenkbar gewesen.

Axel Haubrok, graues Haar und markante Brille, sammelt zusammen mit seiner Frau Barbara Kunst: Um die 1.000 Werke gehören ihm inzwischen. Darunter sind Bilder und Skulpturen bekannter, aber auch weniger prominenter Künstler. Als die beiden Kunstsammler vor acht Jahren das erste Mal das Gelände der SED-Fahrbereitschaft betraten, waren sie sofort hin und weg. Das mag nicht nur daran liegen, dass viele der großen und kleinen Räume noch in originalem Zustand sind, sondern dass es auf dem Areal an der Herzbergstraße Platz gibt. Haubroks kauften das Grundstück, waren fortan Vermieter von Kfz-Werkstätten und stellten die freien Flächen Künstlern zur Verfügung. Viel spannender aber war das, was nach dem Eigentümerwechsel folgte: Die vom DDR-Mief durchtränkten Bauten waren nahezu perfekt, um sie für Ausstellungen zu nutzen. Jahrelang hat das gut funktioniert, „weil wir eine mündliche Duldung hatten“, wie Haubrok sagt. Als er jedoch im April 2018 eine Mail vom Stadtplanungsamt bekam, verschlug es dem sonst sehr freundlichen und besonnenen Mäzen die Sprache. Darin teilte ihm eine Sachbearbeiterin mit, dass sich das Areal in einem Gewerbegebiet befinde, in dem produziert, gehämmert und geschraubt werden darf. Dort jedoch Kunst auszustellen oder Galerien zu betreiben, sei eine Nutzungsänderung gemäß der Berliner Bauordnung. Und eine Genehmigung dazu liege nicht vor. Schließlich drohte man den Kunstsammlern sogar mit einem Bußgeld von bis zu 500.000 Euro. Haubrok blieb nichts anderes übrig, als erst zu protestieren und dann den Ausstellungsbetrieb einzustellen. Nationale und internationale Feuilletons schrieben sich die Finger wund. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller soll ob dieser imageschädigenden Sache herumtelefoniert haben, denn der Ruf der Hauptstadt als internationaler Kunsthotspot stand auf dem Spiel. Und das Berliner Stadtmagazin Tip sicherte der damals zuständigen Stadtentwicklungsstadträtin Birgit Monteiro (SPD) einen Platz in seiner Liste der 100 peinlichsten Berliner. Eines ist heute gewiss: schlechter konnte das Standortmarketing für Lichtenberg nicht laufen. Bezirksbürgermeister Grunst versuchte die Wogen zu glätten, es gab Runde Tische, ungezählte Telefonate und zahlreiche Mails.

Einigkeit und Sticheleien

Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen – und es sieht so aus, als hätten das Bezirksamt und die Haubroks ihren Streit beigelegt. Vor der versammelten Presse und der Kulisse einer DDR-Clubgaststätte verkünden sie, dass sie nun eine Absichtserklärung unterzeichnen wollen. Bevor das über die Bühne geht, erläutern alle noch einmal sachlich ihre Standpunkte. Nur hin und wieder kann sich Axel Haubrok ein paar Sticheleien nicht verkneifen. Zentraler Punkt des Letter of Intent: Ab sofort dürfen in der Fahrbereitschaft wieder Ausstellungen stattfinden. Planungsrechtlich sollen in den kommenden Monaten von Seiten der Behörden die Voraussetzungen für einen Bebauungsplan erarbeitet werden, damit künftig Gewerbe und Kunst nebenher im Gewerbegebiet Herzbergstraße existieren können. Von einem Gewerbe- und Kreativhof Fahrbereitschaft ist die Rede.

Für Bezirksbürgermeister Michael Grunst ist das ein erster Schritt, aber das Thema ist noch nicht abschließend geklärt. Er weiß, dass eine solche Absichtserklärung rechtlich unverbindlich ist. „Wir brauchen eine Gesamtlösung“, sagt er. Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD) betont, dass die neuerliche Entwicklung nichts mit dem Wechsel an der Spitze seiner Abteilung zu tun hat. „Ich setze nur die bereits begonnene Arbeit fort.“ Es sei kein neuer Kurs entstanden. Und in der Tat hatte seine Behörde seinerzeit schon auf die Möglichkeit von Ausnahmen nach der Berliner Bauordnung hingewiesen, wonach sich Gewerbe durchaus mit Kunst vertragen kann. Allerdings soll keiner der bereits existierenden Betriebe verdrängt werden.

Axel Haubrok ist zwiespältig. Einerseits freut er sich, nach zweieinhalb Jahren endlich wieder Besucher in die drei Ausstellungen zu lassen, die April 2018 für die Öffentlichkeit unzugänglich sind. Andererseits habe er sich von seinen Anwälten sagen lassen, dass eine solche Absichtserklärung kaum rechtlichen Wert besitze. „Ich hätte am liebsten eine Genehmigung.“ Doch Haubrok schaut nach vorn, „denn ich habe die große Hoffnung, dass sich nun alles positiv entwickelt“. Daher gehe er optimistisch in die Zukunft – und schafft gleich Tatsachen: Am Einheitswochenende (2. bis 4. Oktober) will er seine Ausstellungen wieder im Rahmen eines Tages der offenen Tür zugänglich machen. Diese finden am 2. Oktober von 18 bis 21 Uhr, am 3. Oktober von 12 bis 18 Uhr sowie am 4. Oktober von 12 bis 18 Uhr statt. Drei Ausstellungen sind an den Tagen zu sehen mit Werken von Günther Förg, Wade Guyton und Jonathan Monk. Ort: Herzbergstraße 40–43, 10365 Berlin.

 

Fahrbereitschaft Berlin Lichtenberg

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