Hohenschönhausen: die Tage der Geisterstadt sind gezählt

Ulrich Schindler (HOWOGE-Geschäftsführer), Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke), Stadtentwicklungsstadtrat Kevon Hönicke (SPD) und Belle Epoque-Geschäftsführer Torsten Nehls mit dem Modell des neuen Stadtquartiers. Foto: Marcel Gäding
Ulrich Schindler (HOWOGE-Geschäftsführer), Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke), Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD) und Belle Epoque-Geschäftsführer Torsten Nehls mit dem Modell des neuen Stadtquartiers. Foto: Marcel Gäding

Die frühere DDR-Vertragsarbeitersiedlung weicht einem neuen Stadtquartier: Am Mittwoch stellten die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE und das private Projektentwicklungsunternehmen „Belle Époque“ ihre Pläne für das ehrgeizige Projekt vor. Bis zu 300 Millionen Euro soll das Vorhaben kosten, in dessen Rahmen 2.200 neue Wohnungen entstehen. Nach jetzigen Plänen sollen die Arbeiten im Jahr 2022 beginnen. Von Marcel Gäding.

Die Kulisse ist perfekt für einen Krimi: Verlassen stehen neun Gebäude auf einem 6,8 Hektar großen Areal. Fenster und Türen gibt es schon lange nicht mehr. An den Fassaden haben sich unterschiedliche Graffiti-Künstler probiert, während der Wind durch die verlassenen Flure weht. Im sozialen Netzwerk Instagram kann man Fotos finden, die unter dem Stichwort „lost places“ hochgeladen wurden – Aufnahmen eines scheinbar längst vergessenen Ortes mitten in Berlin. Doch die Geisterstadt an der Ecke Wollenberger Straße, Hauptstraße und Gehrenseestraße wird es in dieser Form nicht mehr lange geben. Wenn alles klappt, weichen die leerstehenden Plattenbauten von 2022 an einem neuen Stadtquartier.

Wer in der Nachbarschaft des Areals wohnt, verfolgt derartige Ankündigungen mit großer Skepsis. Immer wieder gab es Pläne für das Gelände. Mehrmals wechselten die Eigentümer. Passiert ist bislang aber wenig. 17 Jahre schon verschandeln die früheren DDR-Gastarbeiterunterkünfte die Gegend. Mehrfach wurde die Polizei dorthin wegen mehrerer Todesfälle gerufen (wir berichteten). Die Plattenbauten boten vor allem Obdachlosen vorübergehend ein Dach über dem Kopf. Einige von ihnen starben an den Folgen einer Kohlenmonoxidvergiftung – weil sie an kalten Wintertagen Feuer auf den Etagen entfachten und die Wirkung der toxischen Rauchgase außer Acht ließen.

Fünf Hochhäuser und viel Grün

Sie meinen es ernst, beteuerten am Mittwoch Vertreter der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE und des privaten Projektentwicklungsunternehmens „Belle Époque“ im Rathaus Lichtenberg. Dort stellten sie im Beisein von Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke), Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD) und Umweltstadtrat Martin Schaefer (CDU) die Pläne für das ambitionierte Bauvorhaben vor, das zunächst den Arbeitstitel „Gehrenseehöfe“ trägt. Vorgesehen ist eine bunte Mischung aus fünf Hochhäusern, zahlreichen Mehrfamilienhäusern sowie Gewerbeflächen, die Platz für Geschäfte, Arztpraxen oder Gesundheitsdienstleistungen bieten. In der Mitte soll es Park- und Grünflächen geben. Parallel wollen die Investoren Kitas und eine neue Grundschule bauen. Erste Arbeiten wurden bereits erledigt, wie bei einer anschließenden Besichtigung der Immobilie zu sehen war: Das Areal ist von Müll befreit worden, bis auf ältere Bäume wurde der Wildwuchs der vergangenen Jahre beseitigt. Die Ruinen sind allesamt besenrein und so gesichert, dass sie (theoretisch) niemand betreten kann.

Hochhäuser setzen Akzente in dem neuen Stadtquartier an der Ecke Wartenberger Straße, Hauptstraße und Gehrenseestraße. Simulation: Belle Epoque
Hochhäuser setzen Akzente in dem neuen Stadtquartier an der Ecke Wollenberger Straße, Hauptstraße und Gehrenseestraße. Simulation: Belle Epoque

„Wir wollen etwas Besonderes gestalten“, kündigt Torsten Nehls, der Geschäftsführer der „Belle Époque Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung mbH“, an. Ziel sei ein „buntes, urbanes Leuchtturmprojekt“, in dem Menschen aller Bevölkerungsschichten ein neues Zuhause finden. „Gewiss wollen wir keine Highlevel-Architektur zu Höchstpreisen“, sagt Nehls – und schon gar nicht ein langweiliges Neubauquartier. Seinem Unternehmen gehören rund 70 Prozent der Flächen, der Rest ist Eigentum der landeseigenen HOWOGE. Deren Geschäftsführer Ulrich Schindler spricht davon, das neue Quartier „ganzheitlich denken“ zu wollen – wozu seiner Meinung nach auch die umliegende Nachbarschaft sowie die entsprechende verkehrliche Infrastruktur gehören. Erst kürzlich hatten sich die beiden Projektpartner 70 Experten aus Stadtplanung, Architektur und Immobilienwirtschaft eingeladen, um sich innerhalb von zwei Tagen über die Gestaltung des Stadtquartiers zu unterhalten und sich von Projekten in Amsterdam, Mannheim, Kopenhagen und Stockholm inspirieren zu lassen. Es gehe darum, einen „zeitgemäßen Beitrag zur europäischen Baukultur“ leisten zu wollen. Gleichzeitig soll Nachhaltigkeit eine Rolle spielen. So wird daran gedacht, den durch den Abriss der Plattenbauten anfallenden Bauschutt zu recyceln und daraus Beton zu machen. Das Holz für die Fassaden wiederum komme aus heimischen Wäldern in Brandenburg.

Die wohl größte Hürde aber steht den Investoren noch bevor: Bis zum Herbst läuft das Bebauungsplanverfahren, das die Grundlage für das neue Stadtquartier bildet. Erst wenn es von Bezirksamt und Bezirksverordnetenversammlung abgesegnet ist, kann ein Bebauungsplan beschlossen werden. Und offene Fragen gibt es dazu aktuell noch viele. So sorgen sich Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) sowie seine beiden Bezirksamtskollegen Kevin Hönicke (SPD) und Martin Schaefer (CDU) um die Anbindung des Quartiers an den öffentlichen Personennahverkehr. Auch dürfte das bisherige Straßen- und Gehwegenetz nicht ausreichen. „Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen und freue mich auf den ersten Spatenstich“, sagt Michael Grunst. In jedem Fall werde das Quartier angesichts der hohen Nachfrage nach Wohnraum gebraucht. „Allein im ersten Halbjahr 2020 zogen 700 Menschen in unseren Bezirk.“ Immerhin würden von den 2.200 Wohnungen 780 mietpreisgebunden sein. Das bedeutet, dass diese für 6,50 Euro nettokalt pro Quadratmeter und Monat angeboten werden, während die Howoge die übrigen Wohnungen für 10 Euro nettokalt pro Quadratmeter und Monat vermarktet und „Belle Époque“ derzeit mit 650 Euro bruttowarm für eine rund 40 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung kalkuliert.

Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke ist froh, dass der „städtebauliche Missstand“ beseitigt wird, fordert aber auch, „auf die Nachbarschaft zu schauen“. „In jedem Fall ist es eine spannende Herausforderung, dieses Gebiet zu entwickeln.“ Sein Kollege Martin Schaefer, zuständig unter anderem für Umwelt und Bildung, sagt, „dass man auch die soziale Infrastruktur mitdenken muss“ und schaut erwartungsvoll auf die neue Grundschule, „die sicherlich nicht so ein Schulbau von der Stange ist“.

Im aktuellen Zeitplan gehen die Investoren davon aus, dass die Arbeiten Ende 2022 beginnen und bis 2025 abgeschlossen sein werden. Veranschlagt ist ein Bauvolumen zwischen 250 und 300 Millionen Euro, die neue Grundschule kostet noch einmal 30 bis 40 Millionen Euro extra. „Bei solchen Bauvorhaben wird die meiste Zeit mit der Planung verbracht“, sagt Ulrich Schindler von der HOWOGE. „Wenn wir dann erst einmal bauen, sind wir meist schneller als geplant.“ Ob das Quartier dann jedoch „Gehrenseehöfe“ heißen wird, ist unwahrscheinlich. Denn der fast trockene Pfuhl, der Namensgeber wäre, liegt gut vier Kilometer entfernt im Lichtenberger Ortsteil Falkenberg…

Galerie: Ruinen heute, Leuchttürme morgen

Neues Stadtquartier in Alt-Hohenschönhausen

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Fotos: Marcel Gäding/ Belle Époque