Güterbahnhof Kaulsdorf wird Gewerbestandort

Der einstige Kohleumschlagplatz des alten Güterbahnhofs Kaulsdorf liegt seit Anfang der 90er-Jahre brach. Foto: Sabine Flatau
Der einstige Kohleumschlagplatz des alten Güterbahnhofs Kaulsdorf liegt seit Anfang der 90er-Jahre brach. Foto: Sabine Flatau

Auf dem einstigen Kohleumschlagplatz sollen zwei Geschäftshäuser mit Läden, Büros und Praxen entstehen. Eine Bürgerinitiative hat jedoch Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt. Von Sabine Flatau.

Noch liegt der einstige Kohleumschlagplatz des alten Güterbahnhofs Kaulsdorf brach. Doch auf dem Gelände haben bereits Rodungen stattgefunden. Bäume und Büsche sind weitgehend verschwunden. Auf der Brache will die Casada GmbH, ein Unternehmen mit Sitz in Schöneberg, zwei Geschäftsgebäude und eine Tiefgarage bauen. Ein Lebensmittelmarkt, Läden, Büros und Praxen sollen einziehen. Außerdem entsteht ein Boardinghaus mit 35 Betten. Im Januar hat das Bezirksamt die Baugenehmigung für das Vorhaben erteilt.

Ursprünglich wollte die Casada GmbH dort Wohnhäuser errichten. Dieser Bauantrag, gestellt 2019, wurde abgelehnt, weil das Vorhaben nicht in Übereinstimmung mit dem Bebauungsplan „Bahnhof Kaulsdorf“ stand.

Eine Bürgerinitiative sieht den neuen Gewerbekomplex am Wilhelmsmühlenweg 3 kritisch. Man habe Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingereicht, sagt Anwohner Hans-Joachim Schröder. Die Initiative sei Mitte April zur Akteneinsicht eingeladen. „Im Anschluss daran werden wir entscheiden, inwieweit ein Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht sinnvoll ist.“ Einer der Gründe für den Widerspruch: Die geplanten Neubauten mit teilweise sechs und sieben Geschossen seien deutlich höher als die Bebauung in der Nachbarschaft, und würden sich städtebaulich nicht in die Umgebung einfügen. Zudem sieht die Initiative die Gefahr, dass es in den neuen Gewerbebauten zu Leerstand kommen könnte. Außerdem, so Diplomingenieur Hans-Joachim Schröder: „Die angrenzende Bebauung und die Infrastruktur und die Verkehrsanlagen sind für die Bautätigkeiten und den Schwerlast- und späteren Anlieferverkehr nicht ausreichend tragfähig ausgeführt.“ Schäden und Lärmbelästigungen würden zunehmen.

Auf dem alten Güterbahnhof Kaulsdorf steht auch das 1927 fertiggestellte Gleichrichterwerk, ein Gebäude mit rotbrauner Klinkerfassade. Es ist saniert und restauriert. Der Charakter der neuen Geschäftshäuser stehe in krassem Gegensatz zu diesem denkmalgeschützten Gebäude und zu anderen Häusern im historischen gewachsenen Ortszentrum von Kaulsdorf, meint die Bürgerinitiative.

Der Grünen-Abgeordnete Stefan Ziller spricht sich dafür aus, dass im Bauvorhaben der Casada GmbH außer Gewerberäumen auch ein gewisser Anteil an Wohnungen vorgesehen wird. Dieses Anliegen unterstützt auch die Bürgerinitiative. Der Bebauungsplan von 2008 sei angesichts des aktuellen Wohnungsmangels nicht mehr zeitgemäß, meint Ziller. „Es gibt im Kiez großes Interesse daran, dass auf diesem Gelände etwas passiert, aber es sollte eine gesunde Mischung sein und nicht überdimensioniert.“ Bezirksamt und Investor sollten alle Spielräume nutzen, um diese Mischung hinzubekommen.

Stefan Ziller engagiert sich auch für ein weiteres Vorhaben am S-Bahnhof Kaulsdorf: die Verlängerung der Fußgängerbrücke über die Bahngleise nach Süden, in Richtung Wilhelmsmühlenweg. Anwohner fordern dies seit langem. Der Senat hatte diese Verlängerung 2018 bei der Deutschen Bahn bestellt. Im Oktober 2021 würden voraussichtlich erste Einzelheiten zum Projekt feststehen, teilte die Senatsverkehrsverwaltung auf Anfrage von Stefan Ziller mit. Die Flächen für die Brückenverlängerung, für Treppe und Aufzug müssten auf dem südlichen Bahngelände freigehalten werden, hieß es in der Antwort der Landesbehörde. Die Kosten für die Verlängerung der Fußgängerbrücke werden auf etwa drei Millionen Euro geschätzt.

Bislang müssen Fahrgäste, die von Süden kommen, durch einen Tunnel zum S-Bahnhof gehen oder den Umweg über die Heinrich-Grüber-Straße, die über die Gleise führt, nehmen.

Unterdessen werden Räume für Büros und Praxen in den geplanten Neubauten der Casada GmbH bereits vermietet. Der Gewerbekomplex am S-Bahnhof Kaulsdorf werde voraussichtlich Ende 2022 fertig sein, heißt es auf der Internetseite eines Immobilienvermittlers. Im Erdgeschoss der beiden Geschäftshäuser ziehen Edeka und weitere Läden ein.

Manuela Nieber, Anwohnerin am Wilhelmsmühlenweg, spricht sich dafür aus, dass auf dem ehemaligen Kohleumschlagplatz auch Stellplätze für Anwohner entstehen. Sie sei in der häuslichen Pflege tätig, erzählt sie. „Wenn ich von der Spätschicht nach Hause komme, finde ich keinen Parkplatz mehr.“ Ein Lebensmittelmarkt und Arztpraxen auf dem Gelände seien sinnvoll, besonders für die älteren Menschen in der Nachbarschaft, sagt Manuela Nieber. „Man muss aber darauf achten, wo die Zufahrt sein wird und wieviel zusätzlichen Lärm und Verkehr die Lieferfahrzeuge verursachen.“ Auch sie hat Bedenken wegen der geplanten neuen Gebäude. „Die Bauweise müsste so sein, dass sie zu unseren Häusern passt.“