Ein Denkort für den Roedeliusplatz

Der Roedeliusplatz befindet sich im Herzen von Lichtenberg. Dort hatte unter anderem das Ministerium für Staatssicherheit seinen Sitz. Foto: Marcel Gäding
Der Roedeliusplatz befindet sich im Herzen von Lichtenberg. Dort hatte unter anderem das Ministerium für Staatssicherheit seinen Sitz. Foto: Marcel Gäding

Erinnerung an Willkür, Unrecht und Tod: Auf dem Roedeliusplatz soll ein Denkort nach den Plänen des Berliner Künstlers Roland Fuhrmann entstehen.

Mit dem Kunstwerk „Einschlüssen“ soll auf dem Roedeliusplatz ein Erinnerungs- und Gedenkort geschaffen werden. Die Entwürfe stammen vom Berliner Künstler Roland Fuhrmann, der sich im Rahmen eines vom Bezirksamt ausgelobten Kunstwettbewerbs mit seiner Idee unter zehn teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern durchsetzen konnte.

Der Roedeliusplatz hat eine wechselvolle Geschichte. 1897 wurde er als Zentrum der einstigen aufstrebenden Stadt Lichtenberg errichtet – mit Kirche in der Mitte, Amtsgericht und Gefängnis. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs siedelte sich dort die sowjetische Militärgerichtsbarkeit an, später nutzte das Ministerium für Staatssicherheit eines der Gebäude. An die Geschichte soll nun erinnert werden, in dem der Platz zum Erinnerungs- und Gedenkort gestaltet wird.

Der Entwurf „Einschlüsse“ zeigt vier abgeformte Zellentüren, die ineinander gekeilt und zusammengerückt sind. Sie stehen für jene vier umstehenden Gebäude des Roedeliusplatzes, in deren Kerkern und Kellern Menschen eingeschlossen und willkürlich verurteilt wurden. Einschlüsse aus Glaslinsen gewähren Einblicke in Einzelschicksale. Neugierige Passanten werden gedanklich eingeschlossen und verschmelzen für einen Moment mit dem Denkort. „Mit dem Wettbewerb starten wir in die Neugestaltung dieses geschichtsträchtigen Ortes im Herzen des Bezirkes. Das Kunstwerk reiht sich ein in unsere Bemühungen, Erinnerungskultur durch Kunst im Stadtraum in Lichtenberg erlebbar zu machen“, sagt Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Ausführliche Informationen zum Entwurf finden Sie hier.

Inspirieren ließ sich der Künstler unter anderem von den Aufzeichnungen einer Dissidentin namens Sonja. In einer von Silke Kettelhake verfassten Biografie heißt es dazu: „Einschluss. Die Tür kracht ins Schloss, der eiserne Riegel schiebt sich ruckend durch den Kopf.“

„Einschlüsse in den Türen imaginieren die Freiheitssehnsucht der Eingeschlossenen. Einblicke in Einzelschicksale schaffen den Durchblick. Sie zeugen von widerfahrenem Unrecht, Willkür und Tod“, schreibt der Künstler Roland Fuhrmann in seinem Konzept. „Diese Schicksale wollen eins nach dem anderen entdeckt, erschlossen und entschlüsselt werden. Der Gedenkort ist partizipativ. Er weckt Neugier, hält das Interesse am Leid der Opfer wach und sensibilisiert das Unrechtsempfinden künftiger Generationen.“

Fuhrmann möchte, dass Passanten vor den Innenseiten jener einstmals unüberwindbaren Kerkertüren stehen, in die Geschichte blicken und sich hinein in die Lage der Häftlinge versetzen. „Inhaltlich gefesselt verharren die Passanten vor den Türen und werden moralisch einbezogen. Gedanklich eingeschlossen verschmelzen sie für einen Moment mit dem Denkort.“

Gestaltet wird der Denkort mit Aluminium. „Aluminium war ein für die DDR typisches Metall und Silbergrau war die Farbe ihrer Haftanstalten“, schreibt Fuhrmann. Stellvertretend für die vier Haftstätten wurden die Innenseiten von vier verschiedenartigen Gefängnistüren aus dem Ereigniszeitraum dreidimensional gescannt – mit all ihren während der Haft gewaltsam verursachten Spuren und Einschlägen.

„Der fertige Aluminiumguss zeigt nun detailgenau die Abdrücke der Türen ohne Klinken, die sich in die Seelen der Häftlinge lebenslang einprägten, auch wenn sich Kerker und Grenzen längst geöffnet haben.“ Über die Türflächen verstreut seien Löcher mit eingeschlossenen Linsenbildern zur vergrößerten Betrachtung von Bild- und Textmotiven. „Ähnlich einem konspirativen Mikrofilm werden die verkleinerten Motive als Folie direkt auf der Innenseite des Glases aufgebracht.“ Mit den Bildinhalten würden den erschütternden Einzelschicksalen der Entrechteten und Hingerichteten differenziert und biografisch gedacht. (bjz.)