Deutsch-Deutsche Geschichte: Archiv öffnet am Wochenende ein letztes Mal

Dr. Harald Wachowitz im Archiv von „Neues Deutschland“. Fast alle Bestände wurden in den vergangenen Jahren verschlagwortet. Foto: Marcel Gäding
Dr. Harald Wachowitz im Archiv von „Neues Deutschland“. Fast alle Bestände wurden in den vergangenen Jahren verschlagwortet. Foto: Marcel Gäding

Ein letztes Mal ist an diesem Wochenende das Zeitgeschichtliche Archiv in Marzahn geöffnet. Findet sich keine Lösung, werden dessen Bestände in den kommenden Monaten vernichtet. Das wäre auch das Ende des Archivs von „Der Tagesspiegel“ und „Neues Deutschland“. Von Marcel Gäding.

Ein unscheinbarer Industriebau, errichtet in den letzten Monaten vor der Wende. Einst sollte er Teil der Textilproduktion sein. Dann kam der Fall der Mauer und das Ende vieler DDR-Betriebe. Das Gebäude stand zunächst leer und wurde im Laufe der Jahre anderweitig genutzt.

Hinter einer Glastür des Gebäudes an der Premnitzer Straße geht es in einen breiten Flur, von dort in fensterlose große, unbeheizte Hallen. Dr. Harald Wachowitz öffnet eine Stahltür, die in das Zeitgeschichtliche Archiv führt. Auf einer 700 Quadratmeter großen Fläche lagern fast 19 Millionen Presseartikel aus Ost und West, erschienen zwischen 1946 und 1992. Sie dokumentieren deutsch-deutsche Geschichte von der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg über den Mauerbau, den Kalten Krieg bis hin zur Wiedervereinigung. Die gut 30.000 Ordner haben eine Länge von 2.291 Meter. Nur eine Tür weiter befindet sich ein weiterer Schatz: das Archiv der Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“. Dort lagern alle Tagesausgaben bis 1992, darüber hinaus sauber nach Namen und Ereignissen sortierte Tagesspiegel-Beiträge – etwa über den Ex-Stasichef Erich Mielke, über die 750 Jahr-Feier Berlins oder über die Todesopfer an der Berliner Mauer.

Das Zeitgeschichtliche Archiv gehört zum Berlin-Brandenburger Bildungswerk, einem 1991 gegründeten Verein. Dr. Harald Wachowitz gehört zu den Gründungsmitgliedern und berichtet, wie sein Verein im Rahmen von Arbeitsmarktmaßnahmen bis zur Auflösung rund 9.000 Menschen einen vorübergehenden Job gab, sie für neue Aufgaben qualifizierte. Im Friedrichshainer Rudolfkiez eröffnete der Verein das Kultur- und Nachbarschaftszentrum RUDI, es folgten weitere Projekte vor allem im Medien- und Kulturbereich. Als das einstige SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ 1994 seine angestammten Räume am Franz-Mehring-Platz verlassen musste, bot man dem Verein das Archiv der sozialistischen Tageszeitung an. „Hätten wir es nicht übernommen, wäre es vernichtet worden“, sagt Wachowitz. Eine Woche lang retten Ehrenamtliche die Sammlung aus Zeitungsartikeln und Originalausgaben. Für Wachowitz hatte das Archiv einen besonderen Wert, denn es enthielt auch ein Länderarchiv mit Veröffentlichungen aus 100 anderen Zeitungen. In Fürstenwalde fand der Verein Räume, um das Archiv sowie weitere Zeitungsartikelsammlungen namhafter Institute unterzubringen. Als der alte Standort anderweitig benötigt wurde, bot der Bezirk Marzahn-Hellersdorf die Räume in der Premnitzer Straße an. Dort nahmen Vereinsmitarbeiter regelmäßig weitere Bestände an. Der Fundus reicht inzwischen von Zeitungen aus der Kaiser-Zeit über komplette Ausgaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ bis hin zu Pressefotos. Gut 1,9 Millionen Artikel wurden in mühseliger Kleinarbeit verschlagwortet und in einer Datenbank erfasst. Das Archiv avancierte zu einer Präsenzbibliothek für Wissenschaftler und Studenten gleichermaßen. „Eine solche Sammlung gibt es meines Wissens in ganz Deutschland kein zweites Mal“, sagt Dr. Harald Wachowitz.

Blick ins Tagesspiegel-Archiv: Karteikarten zeigen den Weg zu einzelnen Personen oder Ereignissen. Foto: Marcel Gäding
Blick ins Tagesspiegel-Archiv: Karteikarten zeigen den Weg zu einzelnen Personen oder Ereignissen. Foto: Marcel Gäding

Allerdings endeten bereits 2013 die vom Arbeitsamt finanzierten Arbeitsmarktmaßnahmen. „Sie waren die wichtigste Grundlage unseres Vereins“, sagt Wachowitz. Der Verein musste seine Aktivitäten entsprechend zurückfahren. Vor zwei Jahren erfuhr man schließlich, dass das Gebäude des Archivs verkauft werden soll. Diese Pläne wurden zwar rückgängig gemacht, weil das Land Berlin eigene Immobilien gern behalten möchte. Jetzt aber soll die Opernstiftung die Immobilie übernehmen.

Der Verein selbst löste sich Ende 2021 auf und wird nun von seinem langjährigen Vorsitzenden abgewickelt. Dazu gehört auch, eine Lösung für das Zeitgeschichtliche Archiv zu finden. Bislang aber scheiterten alle Bemühungen, die Bestände komplett in neue Hände zu übergeben. Wachowitz hofft, noch im Monat März eine Einrichtung zu finden. Alternativ kann er sich auch vorstellen, einzelne Teile der Sammlung abzugeben. Er ist aber auch realistisch: Wenn sich bis April nichts tut, müssen die Dokumente vernichtet werden. „Uns bleibt dann nur noch der Weg zum Altpapierankauf.“

Eigentlich hätte der Verein die Räume längst wieder besenrein an den Bezirk zurückgeben müssen, der den Mietvertrag zum 31. Dezember 2021 kündigte. Es gab sogar schon Drohungen, das Gebäude räumen zu lassen. Dr. Harald Wachowitz schüttelt darüber nur den Kopf, hält sein Entsetzen über solche Ankündigungen aber einigermaßen zurück und hofft, dass die nächsten Wochen noch eine gute Wendung nehmen. Er sagt aber auch: „Unsere Kraft ist am Ende.“

Offene Türen im Zeitgeschichtlichen Archiv

Im Rahmen des Tags der Archive ist am 5. und 6. März letztmalig Gelegenheit, sich das Zeitgeschichtliche Archiv anzuschauen. Es ist jeweils von 10 bis 15 Uhr geöffnet. Adresse: Premnitzer Straße 12, 12681 Berlin. Kontakt: h.wachowitz@bbb-verein.de oder Tel. 030 29492020.