Kommentar zur Coronakrise: das Informationschaos der Bezirke

Im Zuge der Coronakrise steigt das Informationsbedürfnis der Bevölkerung. Wer nicht in sozialen Netzwerken unterwegs ist, orientiert sich an öffentlichen Bekanntmachungen – etwa auf den Internetseiten der Bezirke. Doch dort werden Ratsuchende kaum fündig. Eine Betrachtung von Bezirks-Journal-Herausgeber Marcel Gäding.

Wie läuft das mit der Notbetreuung für Kinder? Welche Behörden haben geschlossen? Drohen mir Sanktionen, wenn ich meinen Termin im Jobcenter nicht wahrnehme?

Die Coronakrise wirft täglich neue Fragen auf, denn fast stündlich ändert sich die Nachrichtenlage. Während das Land Berlin radikale Vorkehrungen trifft, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, arbeiten die zuständigen Behörden in den Bezirken unter Hochdruck daran, die Situation zu meistern und Anordnungen umzusetzen. Das ist auch gut so! Dabei bleibt aber völlig auf der Strecke, dem wachsenden Informationsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Wenn überhaupt finden sich auf den offiziellen Internetportalen der Bezirke nur wenige bis gar keine Informationen.

Auch wenn es die Verantwortlichen nicht gerne hören wollen: Die Coronakrise offenbart das Informationschaos in den Behörden, und das gibt es nicht erst seit einer Woche. Vereinzelt nutzen Bezirksstadträte die sozialen Netzwerke, um tröpfchenweise über den aktuellen Stand zu berichten. Detaillierte Informationen an die Presse aber bleiben ebenso aus wie Sondermeldungen auf den eigenen Internetseiten.

Mal kurz zu den nüchternen Zahlen: Pro Monat nutzen beispielsweise 32 Millionen Deutsche das soziale Netzwerk Facebook. Das sind, umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik (insgesamt rund 83 Millionen Menschen), gut 39 Prozent. Umgekehrt ließe sich also daraus schließen, dass 61 Prozent andere Quellen nutzen – etwa Nachrichten- und Onlineportale oder die gute, alte Zeitung.

Befremdlich ist, dass viele Mandatsträger in den Bezirken schon in den vergangenen Jahren mehr über soziale Netzwerke kommunizieren, als Informationen für die Presse und die breite Öffentlichkeit aufzubereiten. Einige nutzen dies auch für das eigene Selbstmarketing und schrecken selbst in der aktuellen Phase nicht davor zurück, fleißig zu kommentieren, statt ihre Zeit in solide, für alle zugängliche Informationen zu investieren. Es ist das gute Recht von Kommunalpolitikern, auch Meinungen zu vertreten. Doch mit Verlaub: das interessiert derzeit die wenigsten von uns!

In der Praxis von uns Lokaljournalisten sieht das dann so aus: Wir müssen viel Zeit in die Informationsbeschaffung investieren, um Postings zu sichten, die mitunter für die Bevölkerung von großem Interesse sind. Das ist ärgerlich, denn jeder Bezirk verfügt über eine Pressestelle, jeder Bezirksstadtrat und jede Bezirksstadträtin in der Regel über persönliche Referenten. Es wäre also ratsam, Informationen zu bündeln und bereitzustellen. Dass derzeit einige wenige Amtsträger auf eigene Faust Informationen streuen, ist löblich – aber unterm Strich wenig effizient.

Krisen sind Ausnahmesituationen, gar keine Frage. Vor allem, wenn fast das gesamte öffentliche Leben in einer Stadt zum Erliegen kommt. Doch Krisen lösen auch Ängste aus, nicht zuletzt durch zahlreiche Falschnachrichten und unbestätigte Informationen in sozialen Netzwerken. Hinzu kommt, dass nun jeder und jede selbst schauen muss, wo er oder sie bleibt. Es geht darum, den Alltag bestmöglich zu meistern, zu improvisieren und irgendwie das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. Der Staat und seine Behörden sollten in dieser Zeit verlässliche Anker sein.

Zu einem guten Krisenmanagement gehört eine verlässliche, engagierte Informations- und Kommunikationspolitik. Die Bezirke haben dies in der Hand. Sie sollten daher umgehend reagieren und endlich auf direktem Wege über die bestmöglichen Kanäle kommunizieren. Wie das funktioniert, zeigen unzählige Kleinstädte im benachbarten Brandenburg.

Nachtrag, Sonntag, 15. März, 16 Uhr:

Inzwischen haben Bezirke reagiert. Das Bezirksamt Lichtenberg hat eine eigene Informationsseite angelegt. Außerdem hat der Bezirksverband der Linken in Marzahn-Hellersdorf ebenfalls alle wichtigen Informationen für den Bezirk zusammengefasst.