Wirtschaft im Berliner Osten: Kreative Ideen im Lock-Down

Das Händedesinfektionsmittel der Deutschen Spirituosen Manufaktur kann auch im Außer-Haus-Verkauf erworben werden. Foto: Angelika Giorgis
Das Händedesinfektionsmittel der Deutschen Spirituosen Manufaktur kann auch im Außer-Haus-Verkauf erworben werden. Foto: Angelika Giorgis

Lokale Firmen trotzen der Corona-Krise und stellen kurzfristig ihre Produktion auf begehrte Artikel um. Ein Besuch bei Unternehmen in LIchtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Von Angelika Giorgis.

„Wir waren ohnehin im Umbruch“, erzählt Peter Brunsberg. Sein Unternehmen bagjack, das hauptsächlich Fahrrad- und Transporttaschen produziert, zog Anfang 2020 von Berlin Mitte nach Marzahn. Das machte es möglich, die Produktion zu erweitern. Nun werden hier auch FFP 2-Masken genäht.

Doch zunächst zu den Taschen: Der gebürtige Berliner nahm im Jahr 1993 an der ersten Weltmeisterschaft der Fahrradkuriere teil und war fasziniert von den Eingurttaschen der New Yorker Teilnehmer. Und da man die Taschen damals noch nicht online in Amerika bestellen konnte, begann er zu Hause für sich und seine Freunde selbst welche zu nähen. Die Taschen waren so begehrt, dass Brunsberg 1997 das Unternehmen bagjack gründete. 2004 eroberte es den japanischen Markt und hat sich seitdem global als Marke etabliert. Auch weil sich Brunsberg und seine Mitstreiter mit Forschungsinstituten und Stoffherstellern in einem Netzwerk zusammentaten, neue Materialien entwickelten und Elektronik und Sensorik in textile Strukturen integrierten. So entstanden Ideen für das Equipment von Filmproduktionsfirmen, Abdeckungen, Transportbehälter und Fahrradtaschen für E-Bikes und moderne Lastenfahrräder. Rucksäcke, Laptoptaschen und Geldbeutel werden ebenfalls genäht. Die Auftragsbücher sind bis zum Jahresende voll.

Seit Mitte März gehört bagjack zum „Fight Konsortium“, einem Zusammenschluss mehrerer Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Die Mitgliedsfirma Sporlastik hat in einem Eilverfahren FFP 2-Masken entwickelt und von der Dekra zertifizieren lassen. Textilinstitute in Aachen und Chemnitz lieferten den wissenschaftlichen Input. bagjack erhielt den Auftrag diese Masken herzustellen. Sporlastik liefert dafür die Arbeitsanweisungen und das viel begehrte Vlies. „Wir haben nicht nur die Fläche weitere Kapazitäten aufzubauen. Wir konnten auch befreundeten Firmen aus dem Eventbereich helfen und einige ihrer Mitarbeiter weiterbeschäftigen“, erzählt Brunsberg. Maximal 1.000 Masken lassen sich momentan an einem Tag produzieren. Die kreativen Macher haben auch Alltagsmasken unter anderem mit Motiven im Angebot. Online bestellbar sind sie über: https://socialmask.de

Bei Bedarf könnte die Produktion auf 5.000 Masken pro Tag erhöht werden. Dann ließen sich die Prozesse auch weiter automatisieren. Neue Mitarbeiter kämen hinzu. Erst dann würde sich das Projekt für bagjack auch wirtschaftlich lohnen. „Wenn Interesse besteht, Kapazitäten für Schutzmaterial in Deutschland aufzubauen, dann sind wir gern dabei“, so Brunsberg. Vorerst sieht er das Engagement aber als Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise an. Später soll für die Firma eine eigene Bleibe an der Darßer Straße entstehen. Die Planungen für Hohenschönhausen laufen.

In der Plauener Straße ist die GC Footwear GmbH zu Hause. Zu der Dachmarke gehören Flipflops, Zehentrenner und Hotellatschen von Palupas, die wir im Bezirks-Journal bereits vorstellten. „Weil die Nachfrage nach Hotelhausschuhen, die aus Vlies gefertigt werden, gerade im Keller ist, hat unser chinesischer Lieferant seine Produktion auf Schutzmasken umgestellt“, erzählt Geschäftsführer Mathias Eylers. GC Footwear vertreibt diese in Deutschland.

Desinfektionsmittel statt feiner Brände

In der Deutschen Spirituosen Manufaktur werden in aufwendiger Handarbeit Brände, Geiste, Liköre, Gin sowie Doppelkorn und Wodka für Hotels, Bars und Sterneköche hergestellt. Mehr als 100 Destillate sind im Sortiment. „Wir haben kleine Chargen, aber eine große Vielfalt, unter anderem in den Geschmacksrichtungen Steinpilz, Spargel, Herbstlaub, Rote Beete, Weihrauch, Salbei oder Rosmarin“ erzählt Geschäftsführer Tim Müller. „Und wir sind einer der wenigen Betriebe in Berlin, die selbst Alkohol produzieren.“

Als im März durch den Lock-Down der Umsatz zurückging und einige Bars und Hotels ihre offenen Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten, waren Ideen gefragt, um die Firma mit ihren sechs Mitarbeitern und einem Lehrling über Wasser zu halten. Da Konrad Horn, der zweite Eigentümer, promovierter Apotheker ist, lag es nahe, unter Einhaltung höchster Hygiene- und Sicherheitsanforderungen Desinfektionsmittel nach WHO-Standard herzustellen. Das Unternehmen investierte in ein neues Rührwerk und eine gesonderte Abfüllanlage, damit das Desinfektionsmittel nicht mit dem Trinkalkohol in Berührung kommt. Abgefüllt wird per Hand, denn eine Fließbandproduktion gibt es in der Manufaktur nicht. Bei der Herstellung des Desinfektionsmittels sind die „Schnapsbrenner“ kreativ. Sie gaben der klassischen WHO-Rezeptur Glyzerol hinzu, das ein Austrocknen der Hände verhindert, und reicherten sie mit Rosmarin, Lavendel oder Mandarine an. Bis Juli wird in der Manufaktur vor allem Desinfektionsmittel hergestellt. Hauptabnehmer ist das Land Berlin. Aber auch ein Außer-Haus-Verkauf ist wochentags von 10 bis 16 Uhr möglich. Man erhält die Abfüllungen in drei Größen. Ein Geschäft damit kann man wegen der stark gestiegenen Rohstoffpreise und langen Lieferzeiten allerdings nicht machen. Ab dem Sommer sollen aber auch wieder Spirituosen produziert werden. Für den Herbst sind erneut Workshops geplant. Genug Platz dafür gibt es in der Manufaktur. Ihren Pop-up-Store findet man in der Torstraße 141. Außerdem werden die Schnäpse bei Manufaktum angeboten.

Weitere Informationen:

bagjack: Georg-Knorr-Straße 4, Gebäude 32, 12681 Berlin, Tel. 030-961287733, info@bagjack.com
GC Footwear GmbH: Plauener Str. 163-165 13053 Berlin, Tel. 030-60986990, info@gcfootwear.com
DSM Deutsche Spirituosen Manufaktur GmbH: Georg-Knorr-Str. 4, Gebäude 10, 12681 Berlin, Telefon: 030-98587232, mail@d-s-m.com