Mahlsdorf: ungewisse Zukunft fürs Kurt-Schwaen-Archiv

Ina Iske-Schwaen im Archiv ihres verstorbenen Mannes Kurt Schwaen. Foto: Uwe Lemm
Ina Iske-Schwaen im Archiv ihres verstorbenen Mannes Kurt Schwaen. Foto: Uwe Lemm

Noch ist völlig offen, wer den künstlerischen Nachlass des bekannten Komponisten Kurt Schwaen in Mahlsdorf beherbergen kann. Von Uwe Lemm.

Nicht gerade übermäßig viele Künstler von überregionalem Rang haben den heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf in der Vergangenheit als Wohn- und Schaffensort gewählt. Der Maler Otto Nagel etwa gehörte zu dieser kleinen Gruppe. Ein anderer Künstler war der Komponist Kurt Schwaen, der in der Wachholderheide 31 in Mahlsdorf von 1956 an bis zu seinem Tod im Jahr 2007 lebte und arbeitete. Doch wer war dieser Kurt Schwaen eigentlich?
Obwohl namentlich wahrscheinlich wenigen bekannt, dürfte er vielen in der DDR Großgewordenen noch heute „im Ohr“ sein. Das gilt vor allem für seine Musik für Kinder – die Oper „Pinocchios Abenteuer“ etwa oder seine Kantate „König Midas“. Wer Schwaen allerdings nur auf seine Lieder wie „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“, „Blüh, Vaterland, im Frieden“ oder „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ reduziert, wird seiner Bedeutung als Komponist nicht gerecht: Sein Werkverzeichnis – zwei auch digitalisiert vorliegende umfangreiche Bände – umfasst unter anderem Klavier- und Violinkonzerte, Opern und Bühnenstücke, Musiken für Film, Funk und Fernsehen, Lieder oder auch Chorwerke. Bekannt sind seine Vertonungen von Brecht- und Kunert-Texten.

Hatte der rührige Komponist Zeugnisse seines Schaffens bis dahin ungeordnet gesammelt, begannen er und seine Frau, die Musikpädagogin Dr. Ina Iske-Schwaen, im Jahr 1980 das Material zu ordnen und im Kurt-Schwaen-Archiv im Wohnhaus des Ehepaares zusammenzuführen. Nach dem Tod des Komponisten im Alter von 98 Jahren setzte seine Witwe die Arbeit am Nachlass fort – das Meiste ist heute erschlossen und steht Interessenten auch digitalisiert zur Verfügung: Gelegentlich finden sogar Forscher aus Übersee ihren Weg in die Wachholderheide. Dabei gilt ihr Interesse nicht allein den gesammelten Partituren, sondern auch anderen Lebenszeugnissen Kurt Schwaens wie seinen Tagebüchern, Fotos oder einer Reihe von Briefwechseln, etwa dem mit der 1973 verstorbenen Tänzerin und Choreographin Mary Wigman.

Doch was wird aus dem beeindruckenden Privatarchiv? Einig sind sich eigentlich alle, dass das Archiv zusammengehalten werden soll. Geht es nach Ina Iske-Schwaen, sollte es auch möglichst in Berlin bleiben, besser noch im Bezirk, „schließlich war Schwaen ein überzeugter Mahlsdorfer“. Doch dies ist wohl nicht so einfach.

Große Berliner Institutionen wie die Musikabteilung der Staatsbibliothek sehen sich aus Personal- und Platzgründen nicht in der Lage, das Archiv zu übernehmen. Unter der Hand ist von Differenzen über einen angemessenen Umgang mit dem Nachlass zu hören. Dr. Werner Grünzweig, Leiter des Musikarchivs der Akademie der Künste, findet eine bezirkliche Lösung gut, würde aber auch eine Übernahme des Kurt-Schwaen-Archivs nicht ablehnen, „wenn das Archiv nicht im Bezirk bleiben könnte“. Eine Verpflichtung, Nachlässe von Mitgliedern der Akademie der Künste zu übernehmen, der auch Kurt Schwaen angehörte, „gibt es aber nicht. Vorrangig ist jedoch immer der unbeschädigte Erhalt eines Nachlasses“. Ein früherer Kontakt zwischen dem Kurt-Schwaen-Archiv und der Akademie der Künste hatte zu keinem nachhaltigen Ergebnis einer künftigen Sicherung geführt.

Bleibt also eine bezirkliche Lösung, da eine spätere Weggabe in Musiker-Archive in Dresden oder Weimar „nur die allerletzte Lösung ist“, wie Ina Iske-Schwaen erklärt. Der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf sieht dafür im gerade restaurierten Schloss Biesdorf einen geeigneten Ort. Wolfgang Brauer, dessen 1. Vorsitzender, bringt darüber hinaus auch den jetzigen Standort ins Gespräch: „Ein späterer Erwerb des Wohnhauses durch den Bezirk“ ist für ihn vorstellbar, dafür müssten allerdings aus finanziellen Gründen Partner wie städtische Wohnungs(bau)gesellschaften mit ins Boot geholt werden. Vorstellbar wäre für ihn auch eine künftige Nutzung des 1.800 qm großen Grundstücks als bezirkliche Begegnungsstätte – alles natürlich vorbehaltlich der Zustimmung der Erben.

Während Grünzweig eher skeptisch auf den Vorschlag einer Übernahme und des anschließenden Betriebs des Hauses reagiert, ist Mario Czaja, Wahlkreis-Abgeordneter der CDU und als Schüler mit der Musik Schwaens in Berührung gekommen, darüber sichtlich begeistert: Auch er findet, „das Archiv soll im Bezirk bleiben“ – im Sinne des Mottos „Sichtbar machen“, hat doch Marzahn-Hellersdorf „mehr zu bieten, als man gemeinhin denkt“. Als Archiv-Standort sei das Schloss Biesdorf, das Czaja mehr für wechselnde Ausstellungen prädestiniert findet, „aber weniger geeignet“. Anders als Wolfgang Brauer sieht Czaja jedoch die Lotto Stiftung Berlin als potenziellen Partner beim Erwerb des Gebäudes samt Grundstück und Einrichtung einer kulturellen Begegnungsstätte, etwa für bildende Künstler. Doch allzu lange warten würde Czaja nicht, sondern plädiert für baldige Gespräche mit Ina Iske-Schwaen: „Mit Erben wird es sicher schwieriger.“

Für einen Verbleib des Archivs in Marzahn-Hellersdorf kann sich auch die Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Soziales und Facility Management, Juliane Witt (Die Linke), begeistern. Witt ist selbst gerade auf der Suche nach geeigneten Archivflächen für verschiedene Nachlässe. Schloss Biesdorf hält sie ebenfalls für ungeeignet. Nachdem eine Ansiedlung des DDR-Museums mit gleichzeitiger Schaffung von Archivraum in der Bitterfelder Straße 12 durch eine Entscheidung des Unterausschusses Vermögensverwaltung des Abgeordnetenhauses gescheitert war, richten sich nun ihre Hoffnungen auf Archivräume im Kulturgut Marzahn: „Das wird aber nicht so rasch geschehen.“ Als möglichen Zeitpunkt nennt sie die Jahre 2024 beziehungsweise 2025.

Auch den späteren Erwerb des Wohnhauses Schwaens hält sie für denkbar – vorausgesetzt, Haus und Grundstück stehen überhaupt zum Verkauf. Sie sieht dafür aber das Land Berlin in der Pflicht. Als Betreiber kann sie sich neben Land und Bezirk auch eine Stiftung vorstellen. Und wenn auf dem Grundstück ein kleines Bildungszentrum errichtet würde, wären Lottomittel hilfreich.