Heizkraftwerk Marzahn: Vier Mitarbeiter heizen 300.000 Wohnungen

Von dieser Warte aus wird das Heizkraftwerk samt Heißwassererzeuger am Standort gesteuert. An den Pulten reichen dann vier Personen für einen sicheren Betrieb der Anlage. Foto: Uwe Lemm
Von dieser Warte aus wird das Heizkraftwerk samt Heißwassererzeuger am Standort gesteuert. An den Pulten reichen dann vier Personen für einen sicheren Betrieb der Anlage. Foto: Uwe Lemm

Das Heizkraftwerk Marzahn ist fast fertig. Es liefert umweltfreundliche Wärme für Marzahn und Lichtenberg. Von Uwe Lemm.

Wenn Familie Müller aus der Rhinstraße im kommenden Winter für angenehme Temperaturen in ihrer Wohnung ihre Heizkörper aufdreht, dann stammt die Wärme mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem benachbarten Heizkraftwerk Marzahn. Wie sie werden viele Bewohner der Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg mit Heizwärme und Warmwasser aus dem Fernwärmenetz versorgt, in das das Heizkraftwerk Marzahn und das Heizkraftwerk Klingenberg im Bezirk Lichtenberg zuvor ihre Energie eingespeist haben: Rund 300.000 Wohnungen „hängen“ hier am Fernwärmenetz des Betreibers Vattenfall.

Dass ein Teil der Wärme aus dem nagelneuen, hochmodernen Heizkraftwerk Marzahn stammt, merken die Nutzer von Heizung und Warmwasser indes nicht. Dabei ist, gut von der Allee der Kosmonauten aus zu verfolgen, in den letzten Jahren ein Kraftwerk entstanden, das sich allemal sehen lassen kann. Herzstück des neuen Kraftwerks ist eine Gas- und Dampfturbinen-Anlage (oder kurz GuD-Anlage) der Firma Siemens.

Erste Planungen begannen im Jahr 2010, Grundsteinlegung war im Jahr 2017. Bis zu 900 Arbeiter aus mehr als 20 Nationen waren zu Spitzenzeiten auf der Baustelle tätig. Im März waren es immerhin noch rund 200, die mit den notwendigen Restarbeiten betraut waren. „Ich freue mich“, sagt Jochen Ludwig, Vattenfall-Projektleiter für den Neubau, „dass es in der gesamten Bauzeit keine schwerwiegenden Unfälle gegeben hat und dass wir das Projekt termin- und budgetgerecht abschließen werden.“ Die Fertigstellung der Anlage ist für Mitte dieses Jahres geplant. Derzeit laufen die Landesplanungen für den Neubau einer Gasleitung durch Brandenburg zum neuen Heizkraftwerk. Denn gefeuert wird die Anlage mit umweltfreundlichem Erdgas mit der Option, später zusätzlich den Energieträger Wasserstoff einsetzen zu können, der dann umweltfreundlich mit Hilfe von grünem Strom erzeugt werden soll.

In der Marzahner GuD-Anlage werden Strom und Wärme gleichzeitig erzeugt. Dadurch können mehr als 90 Prozent des eingesetzten Erdgases in Strom und Wärme umgewandelt werden. (Zum Vergleich: Verbrennungsmotoren von Pkw verwandeln gerade mal rund 20 Prozent der im Benzin enthaltenen Energie in Bewegung.) „Dies entlastet die Umwelt deutlich, konnte doch dadurch die klimaschädliche Strom- und Fernwärmeproduktion aus Braunkohle im benachbarten Heizkraftwerk Klingenberg beendet werden: Insgesamt bleiben so der Atmosphäre jedes Jahr ca. 450.000 Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) erspart“, hebt Ludwig hervor.

Der hohe Gesamtwirkungsgrad der Anlage wird durch die kombinierte Nutzung des Brennstoffs erreicht: Die Verbrennung des Erdgases treibt zuerst eine Gasturbine an, die – wie ein Fahrraddynamo im Kleinen – Strom mit einer Spitzenleistung von 192 Megawatt erzeugen kann. Die entstehenden bis zu 555 °C heißen Abgase der Gasturbine werden dann zur Erzeugung von Wasserdampf genutzt, der zusätzlich in einer Dampfturbine verstromt wird, wodurch weitere 70 Megawatt Strom erzeugt werden können.

Damit wird künftig ein Teil der in Berlin ständig benötigten Strommenge abgedeckt – Fachleute sprechen hier von Grundlast. Diese Menge allein reicht übrigens aus, um rund 77.000 Waschmaschinen bei 60 °C-Wäsche gleichzeitig laufen zu lassen.Zusätzlich wird die Energie des Abdampfes der Dampfturbine direkt an das Fernwärmewasser übertragen. Die maximal 280 MW sind ausreichend für die Wärme- und Warmwasserversorgung von etwa 150.000 Wohnungen mittlerer Größe.

Nachdem die Gasturbine im September 2019 zum ersten Mal gezündet wurde, befindet sie sich derzeit in einer Testphase und erreicht schon jetzt ihre volle Leistung. Ist diese „Inbetriebsetzungsphase“ Mitte des Jahres abgeschlossen, geht das Heizkraftwerk in den Regelbetrieb über: Es kann dann von nur vier Kraftwerksmitarbeitern „gefahren“ werden, die zudem noch sechs Heißwassererzeuger – dies sind mit Erdgas betriebene große Kessel – auf dem Gelände kontrollieren und steuern.

Dass in dem mit einem Investitionsvolumen von rund 325 Mio. Euro errichteten Heizkraftwerk Marzahn Umweltschutz großgeschrieben wird, zeigt sich auch an anderen Stellen der Anlage: Da das Erdgas mit einem zu geringen Druck für den Einsatz in einer GuD-Anlage angeliefert wird, muss es mit Hilfe eines Gaskompressors auf einen Druck von ca. 30 bar gebracht werden. Dabei erhitzt es sich und muss wieder etwas abgekühlt werden – auch diese Energie nutzt man hier, um Fernwärmewasser zu erwärmen. Profitieren werden auch die Anlieger rund um das neue Werk – die technischen Anlagen arbeiten unhörbar auch für feinste Ohren. Und selbst an die Elektromobilität haben die Planer gedacht. Ludwig: „Am Rande unseres Kraftwerksgeländes werden wir eine ausreichende Anzahl Ladesäulen für E-Fahrzeuge aufstellen und betreiben.“