Neuer Lichtenberger Stadtrat: Lange Tage, kurze Nächte

Kevin Hönicke ist seit dem 7. April stellvertretender Bezirksbürgermeister von Lichtenberg sowie Bezirksstadtrat. Foto: Marcel Gäding
Kevin Hönicke ist seit dem 7. April stellvertretender Bezirksbürgermeister von Lichtenberg sowie Bezirksstadtrat. Foto: Marcel Gäding


Kevin Hönicke ist seit dem 7. April stellvertretender Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat in Lichtenberg. Sein Wechsel ins Bezirksamt ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich.
Von Marcel Gäding.

Seit fünf Wochen dreht Kevin Hönicke montags vor Dienstbeginn ein Video. Kaum in seinem Büro in der zweiten Etage des Rathauses Lichtenberg angekommen, gibt er einen Überblick über das, was der Tag so bringen wird. Seit dem 7. April ist der 36-jährige SPD-Politiker stellvertretender Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit. Und wer Hönicke kennt, weiß, dass er viel Zeit in der digitalen Welt verbringt.

Dass ein Politiker die Bürgerinnen und Bürger quasi mit ins Amtszimmer nimmt und aus dem Terminkalender heraus plaudert, das gab es vorher im Bezirksamt Lichtenberg noch nicht. Hönicke macht einiges anders als seine Vorgängerin Birgit Monteiro und seine Bezirksamtskollegen. Ungewöhnlich könnte man dazu sagen.

Ungewöhnlich ist der Wechsel Hönickes von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ins Bezirksamt allemal. Das begann schon mit seiner für Mitte März geplanten Wahl in der BVV: Wegen der Corona-Pandemie wurde die reguläre Sitzung abgesagt, weshalb die Personalie Hönicke über den Postweg entschieden wurde. Erstmals in der Geschichte der Lichtenberger BVV waren deren Mitglieder aufgerufen, einen Kandidaten für das Bezirksamt per Brief zu wählen: 29 Ja-Stimmen, 19-Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen im ersten Wahlgang. Keine 24 Stunden, nachdem das Ergebnis bekannt gegeben wurde, trat Hönicke sein Amt an, meldete sich als Lehrer am Otto-Nagel-Gymnasium ab und räumte seinen Posten als SPD-Fraktionsvorsitzender.

Normalerweise hätte sich Kevin Hönicke in den ersten Wochen Zeit genommen, die Abteilungen seines großen Ressorts kennenzulernen, Akten aufzuarbeiten und Gespräche in den Kiezen zu führen. Doch mitten in der Corona-Pandemie war all dies nicht möglich. Viele Angestellte des Bezirksamtes arbeiteten von zu Hause, Termine wurden zum großen Teil per Telefon oder Videoschalte erledigt. Wie wirkt sich die Pandemie auf die Arbeitslosenquote aus? Wohin können sich Unternehmen aus dem Bezirk wenden, denen alle Umsätze wegbrechen? Schnell war klar, dass Hönicke nun erst einmal eine Krise zu meistern hat – zusammen mit seinen BezirksamtskollegInnen und den Angestellten seiner Abteilung.

„Die Arbeitstage sind sehr lang“, sagt Kevin Hönicke. Meist sei er zwischen 7.30 und 8 Uhr im Rathaus, oft kommt er erst gegen 21.30 Uhr nach Hause. „Nach dem Abendessen arbeite ich noch E-Mails ab und bereite mich auf den kommenden Tag vor.“ Zeit für seine kleine Familie – Kevin Hönicke ist zweifacher Vater und verheiratet – bleibt da kaum. „In der Regel habe ich an die zehn Termine pro Tag und nicht wirklich Gelegenheit, jedes einzelne Gespräch in Ruhe auszuwerten.“ Auch haben sich die Prioritäten zunächst einmal verschoben. Die zahlreichen Stadtentwicklungsprojekte laufen quasi nebenbei, viel mehr beschäftigt sich Hönicke mit den Auswirkungen der Pandemie auf seine Fachbereiche. „Da dominieren aktuell die Themen Wirtschaft und Arbeit“, sagt der Sozialdemokrat. Wöchentlich sei er mit dem Jobcenter Berlin Lichtenberg im Austausch über die Entwicklung der Arbeitslosenquote und der Kurzarbeit. „Das besorgt mich schon sehr.“ Noch vor gut acht Wochen gehörte Lichtenberg zu den Bezirken in Berlin mit einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten. Jetzt, in der Krise, steigt die Zahl der Menschen ohne Job sprunghaft an. Sehr sorgt ihn zudem die Situation im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie bei Handwerkern und Dienstleistern, die wegen der Krise kaum bis gar keine Umsätze mehr erwirtschaften. „Wir müssen dort vermitteln, vernetzen und informieren“, sagt der Bezirksstadtrat. Daher sei die Beratungstätigkeit der Wirtschaftsabteilung verstärkt worden. Fest im Blick hat Kevin Hönicke zudem die bezirklichen Seniorenpflegeeinrichtungen und Begegnungsstätten.

Derzeit gebe es einfach keinen alltäglichen Ablauf, resümiert der Kommunalpolitiker. So müsse das Verwaltungshandeln in den regelmäßigen Sitzungen des Pandemiestabs immer wieder aufs Neue abgewogen werden. „Das ist mitunter sehr anspruchsvoll.“ Allerdings findet Hönicke vor allem für die Zusammenarbeit mit dem Bezirksbürgermeister und den übrigen Kollegen im Bezirksamt lobende Worte. „Sie ist hochgradig professionell und wertschätzend“, sagt Hönicke. Natürlich gebe es auch Kontroversen, „doch am Ende schauen wir nach gemeinsamen Lösungen“.

Offenbar inspiriert Hönicke auch seine Kollegen: Nachdem er bereits in sozialen Netzwerken digitale Sprechstunden abhielt, lädt nun Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) zu Chats mit Bürgerinnen und Bürgern ein. „Überhaupt eröffnet die digitale Kommunikation neue Wege, Politik sowie Bürgerinnen und Bürger kommen wieder näher zusammen“, sagt Kevin Hönicke. Was heute noch ungewöhnlich klingt, könnte daher schon bald gelebter Alltag im Bezirksamt sein.

Zur Person:

Kevin Hönicke wurde 1984 Berlin geboren. Zusammen mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern wuchs er in Marzahn und später in Hellersdorf auf. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte Kevin Hönicke erfolgreich eine Lehre zum Kfz-Mechaniker. Anschließend holte er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und studierte Physik und Mathematik an der Humboldt Universität zu Berlin. Sein zweites Staatsexamen absolvierte er 2014 am Otto-Nagel-Gymnasium, wo er als Lehrer bis zu seinem Amtsantritt die Fächer Physik und Mathematik unterrichtet hat. Kevin Hönicke ist seit 2017 verheiratet und lebt mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und seiner Katze im Bezirk Lichtenberg. Seit 2008 ist er Mitglied der SPD in Lichtenberg, wirkte aktiv mit im „Forum Weitlingkiez“ und setzte sich für demokratische Werte und gegen Rassismus im Bündnis für „Demokratie und Toleranz“ ein.