Lichtenberg will „Fairtrade Town“ werden

Bezirksbürgermeister Michael Grunst und Koordinatorin Anja Schelchen mit dem Motiv der Kampagne für die „Fairtrade-Town“-Aktion. Foto: Marcel Gäding
Bezirksbürgermeister Michael Grunst und Koordinatorin Anja Schelchen mit dem Motiv der Kampagne für die „Fairtrade-Town“-Aktion. Foto: Marcel Gäding

Lichtenberg bewirbt sich um den Titel „Fairtrade Town“ und will die Bewohner des Bezirks gewinnen, verstärkt Produkte aus fairem Handel zu kaufen. Das Bezirksamt will dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Von Marcel Gäding.

Erwischt! Gerade präsentiert Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) seine Strategie, mit der sich der Bezirk um den Titel „Fairtrade Town“ bewirbt, als er gefragt wird, ob der Kaffee auf dem Konferenztisch im Rathaus aus fairem Handel stammt. „Nein“, sagt Michael Grunst sofort. Doch das wird sich schnellstens ändern. Er selbst trinkt an diesem Tag Tee aus der Lichtenberger Manufaktur „Ökotopia“, produziert unter fairen Bedingungen und vor Ort im Bezirk verkauft. Demnächst wird beim Einkauf darauf geachtet, dass der Rathaus-Kaffee ein „Fairtrade“-Siegel trägt.

Rosen aus Kenia, Kaffee aus Äthiopien und Baumwolle aus Bangladesch: Viele Produkte, die bei uns konsumiert werden, stammen aus fernen Ländern. Nur wenige Verbraucher jedoch wissen, wie es um die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung von Bauern, Gärtnern und Fabrikarbeitern bestellt ist. Oftmals werden Lebensmittel und Textilien unter fragwürdigen Umständen produziert, zu Billiglöhnen und auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten. Anders ist das bei Erzeugnissen, die das „Fairtrade“-Siegel tragen. Sie sollen unter anderem eine nachhaltige Produktion sowie eine gerechte Bezahlung garantieren. Mit anderen Worten: Wer diese Produkte kauft, tut gleichzeitig etwas Gutes.

Der Bezirk Lichtenberg will nun mit gutem Beispiel vorangehen und arbeitet daran, sich künftig „Fairtrade Town“ nennen zu dürfen. „Die Idee dazu gibt es schon seit Längerem“, sagt Bezirksbürgermeister Michael Grunst. Andere Bezirke wie Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf oder Treptow-Köpenick sind bereits in dem Netzwerk gelistet, das bundesweit mit Stand 8. Juni 683 deutsche Städte und Gemeinden aufführt.

Nun also Lichtenberg: Im Mai wurde mit einem Beschluss des Bezirksamtes zunächst der formelle Weg freigemacht, jetzt geht es an die Umsetzung. Eigens dafür hat die Verwaltung mit Anja Schelchen eine „Koordinatorin für Kommunale Entwicklungspolitik“ eingestellt, die sowohl für den Bezirk Pankow als auch für den Bezirk Lichtenberg arbeitet. Sie hat insgesamt 17 sogenannte Nachhaltigkeitsziele vor Augen, die erreicht werden müssen, um das Siegel „Fairtrade Town“ zu erhalten. Immerhin konnte sie schon 70 Akteure ausfindig machen, unter ihnen Restaurants, Vereine, Lebensmittelgeschäfte. Sie alle setzen auf „Fairtrade“ und leisten damit einen Beitrag, um weltweit die Armut zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und Menschen gerecht zu bezahlen.

Nachhaltigkeit muss dafür jedoch nicht neu erfunden werden, sie wird in Lichtenberg bereits auf behördlicher Seite praktiziert. So unterstützt Lichtenberg seinen mosambikanischen Partnerbezirk Maputo-Ka Mubukwana beim Bau von Umweltbildungszentren und hilft in Hoàn Kiếm, einem Distrikt in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, den dortigen Đồng Xuân Markt mit Solarzellen auszustatten. „Gerade auf kommunaler Ebene gibt es ein großes Entwicklungspotenzial“, weiß Karin Strumpf, die bezirkliche Beauftragte für Städtepartnerschaften.

Man wolle bei den Menschen in Lichtenberg ein Bewusstsein für das Thema schaffen, sagt Michael Grunst. „Das fängt bereits im Kopf an.“ Er ist der Meinung, dass Nachhaltigkeitsthemen lokal entschieden und umgesetzt werden.

„Wir tragen eine besondere Verantwortung als Verwaltung, weil wir Einfluss nehmen können auf die kleinste Umsetzungsebene“, erklärt der Rathaus-Chef Und da sieht der Kommunalpolitiker durchaus noch sehr viele Reserven auch im eigenen Haus. Quasi alles, wofür der Bezirk Geld ausgibt, kommt auf den Prüfstand. Darunter kann Computertechnik sein, deren Komponenten fair hergestellt wurden, oder Holz für den Bau von neuen Schulen, das aus nachhaltigem Anbau stammt. In jedem Fall sollen Lieferketten und Produktionsbedingungen besser als bisher nachzuvollziehen sein.

Hintergrund: Fairtrade

Fairtrade kennzeichnet Waren, die aus fairem Handel stammen und bei deren Herstellung bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Kriterien eingehalten wurden.

Der Verein TransFair e.V. wurde 1992 gegründet und wird von mehr als 30 Mitgliedsorganisationen unterstützt. Kaffee war 1992 das erste Produkt, das fair gehandelt wurde. Inzwischen sind bundesweit über 7.000 Fairtrade-Produkte in rund 42.000 Verkaufsstellen verfügbar: in Supermärkten, Discountern, Drogerien und Biosupermärkten, in Weltläden und in mehr als 30.000 gastronomischen Betrieben.