Lichtenberg ehrt Nikolai Bersarin mit Gedenktafel

Nikolai E. Bersarin (1904-1945). Foto: Deutsch-Russisches Museum/ A.T. Melnik
Nikolai E. Bersarin (1904-1945). Foto: Deutsch-Russisches Museum/ A.T. Melnik

Anlässlich seines 75. Todestages am 16. Juni soll eine Gedenktafel an Nikolai E. Bersarin erinnern. Gewürdigt werden seine Verdienste um den Wiederaufbau Berlins. Eine Zeit lang war sein Wirken jedoch umstritten. Von Marcel Gäding.

Das Mietshaus an der Ecke Alt-Friedrichsfelde 1 und Rosenfelder Straße wirkt unscheinbar. Die Fassade ist grau, im Erdgeschoss gibt es Geschäfte. Nur alteingesessene Lichtenberger kennen die Geschichte des Gebäudes, denn bis zu seiner Sanierung prangte gut sichtbar eine Gedenktafel am Eingang: „In diesem Haus befand sich Ende April/ Anfang Mai 1945 die erste sowjetische Stadtkommandantur von Berlin. Hier wirkte Generaloberst N. E. Bersarin als erster Stadtkommandant.“ Nach dem Ende der Bauarbeiten war kein Platz mehr für die Tafel an der Fassade. Der Bezirk befestigte sie im Gehweg. Seitdem laufen Mütter mit Kinderwagen darüber, Rentner mit Rollatoren oder parken Postboten ihre Fahrräder. Das Gedenken an den ersten sowjetischen Stadtkommandanten von Berlin wurde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten. Und es ist nicht die einzige Posse um die Frage, wie viel Ehre einem Mann seines Standes gebührt.

Todesumstände weiter rätselhaft

Auf Initiative der Linksfraktion von Lichtenberg soll nun eine neue Gedenktafel für Nikolai Erastowitsch Bersarin eingeweiht werden, und zwar pünktlich zu seinem 75. Todestag am 16. Juni an der Kreuzung Am Tierpark und Alfred-Kowalke-Straße. Denn genau an jener Kreuzung verunglückte der damals 41 Jahre alte Stadtkommandant und Garnisonschef der sowjetischen Streitkräfte mit seinem Motorrad tödlich. Ob es ein Unfall oder Vorsatz war, ist unklar. „Weil wir keinen Zugang zu den russischen Archiven haben, fehlen uns Belege“, sagt Prof. Dr. Jürgen Hofmann.

In diesem Haus in der Straße Alt-Friedrichsfelde befand sich im Frühjahr 1945 der Sitz des sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin. Foto: M. Gäding
In diesem Haus in der Straße Alt-Friedrichsfelde befand sich im Frühjahr 1945 der Sitz des sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin. Foto: M. Gäding

Der Historiker und Kommunalpolitiker ist Vorsitzender der parteiübergreifenden bezirklichen Gedenktafelkommission, der neben Bezirksverordneten auch Historiker angehören. Während über die Todesumstände eher spekuliert wird, stehen nach Darstellung von Hofmann die Verdienste Bersarins außer Frage: „Als Stadtkommandant leitete er den Wiederaufbau Berlins mit großer Besonnenheit“, sagt Hofmann. So habe er dafür gesorgt, dass die wichtigsten Verbindungen der durch den Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt sowie Gas- und Wasserleitungen innerhalb kurzer Zeit wieder funktionsfähig wurden, Theater, Schulen und Kinos ihren Betrieb aufnahmen, die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt wurde. „Er hat die Grundlage dafür gelegt, dass die Stadt wieder zum Laufen kam“, sagt Hofmann. „Mit Bersarin ehren wir einen Militär, der sich unmittelbar nach Kriegsende für die Wiederherstellung wichtiger Lebensbereiche der Stadt Berlin einsetzte“, sagt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst.

In der DDR ehrte man Bersarin 1975 postum und verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft (Ost-)Berlins. Diese wurde ihm nach der Wiedervereinigung zunächst aberkannt, weil man annahm, dass Bersarin nichts unternahm, um die Vergehen sowjetischer Soldaten an der Berliner Bevölkerung zu verhindern. Nach Darstellung des Bezirksamtes sei diese These aber vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst widerlegt worden. Im Winter 2003 schließlich wurde Bersarin wieder in die Ehrenbürgerliste der Stadt aufgenommen – drei Jahre nach einem entsprechenden Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses.

Zur Person: Nikolai Erastowitsch Bersarin

Nikolai Erastowitsch Bersarin wurde am 1. April 1904 in Sankt Petersburg in einer Arbeiterfamilie geboren. Er begann eine Ausbildung als Buchbinder und meldete sich 1918 freiwillig zur Roten Armee. Viele Jahre diente er in der Fernostarmee in Sibirien. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 kämpfte er als Oberbefehlshaber verschiedener Armeen gegen die Aggressoren. Seine 5. Stoßarmee war im Frühjahr 1945 an den Kämpfen um Küstrin und Berlin beteiligt.

Der Kommandeur der 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front wurde am 24. April 1945 zum Stadtkommandanten der noch umkämpften Stadt Berlin ernannt.