Lichtenberg: Behörden gehen gegen wilde Camper vor

Das illegale Camp im Naturschutzgebiet Malchower Aue. Foto: Bezirksamt Lichtenberg von Berlin
Das illegale Camp im Naturschutzgebiet Malchower Aue. Foto: Bezirksamt Lichtenberg von Berlin

Der Bezirk Lichtenberg will mit aller Härte gegen Wild-Camper in Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten vorgehen. Da einige der Flächen jedoch privates Eigentum sind, gestaltet sich die Sache schwierig. Von Marcel Gäding.

Das Naturschutzgebiet Malchower Aue ist ein kleines Refugium in Berlin: Im Norden des Bezirks Lichtenberg kann sich die Natur auf einer Fläche von insgesamt 22,2 Hektar in Ruhe ausbreiten. Biologen haben auf dem Areal nördlich vom Malchower See bislang schon 318 Pflanzenarten nachgewiesen. Jetzt im Frühsommer bietet sich zudem eine beeindruckende Geräuschkulisse: quakende Frösche in Kleingewässern, unterbrochen vom Ruf des Kuckucks.

Doch die Idylle ist getrübt, seit Spaziergänger im Frühjahr auf eine kleine Ansammlung von Zelten inmitten der Natur stießen. Bei einer ersten Kontrolle im Januar machten Mitarbeiter des bezirklichen Umwelt- und Naturschutzamtes Fotos. Dort ist ein Teil der Siedlung gut zu sehen: Eine Abdeckplane ist zwischen Bäumen gespannt, darunter befinden sich Campingstühle und Feldbetten. Überall stehen Eimer und Behälter. Ein verrosteter Grill dient offensichtlich der Zubereitung von Speisen. Der Rasen in dem kleinen Laubwald ist ausgetreten. Auf einem anderen Foto dokumentierten die Behördenmitarbeiter einen angezündeten Haufen mit Kleidung und Verpackungsresten. Dieser Aufnahme haben sie das Stichwort „Müllverbrennungsanlage“ gegeben. Wer die Fotos sieht, hat schnell den Eindruck: Hier hat sich offenbar jemand auf längere Zeit eingerichtet.

„Wir werden mit aller Härte vorgehen“

Aus Rücksicht auf die dort lebenden Personen und auch aus Datenschutzgründen will das Umwelt- und Naturschutzamt keine weiteren Informationen verbreiten. Auch der genaue Standort des Zeltlagers bleibt ungenannt. Doch der zuständige Bezirksstadtrat Martin Schaefer (CDU) macht unmissverständlich klar: „Wir werden und müssen gegen das wilde Campen mit aller Härte vorgehen.“ Das sei aus zweierlei Gründen notwendig: Einerseits ist das Campen in einem Naturschutzgebiet wie auch in anderen Schutzgebieten nach dem Bundesnaturschutzgesetz und dem Berliner Naturschutzgesetz untersagt, weil Fauna und Flora beeinträchtigt werden. Zum anderen will der Bezirk verhindern, dass Nachahmer ihre Zelte in der Natur aufschlagen. Im Fall Malchower Aue sind schon etliche Schäden durch die Bewohner angerichtet worden: „Sie haben Bäume gefällt, um daraus Feuerholz zu machen“, berichtet Conrad Masius, der Leiter des Lichtenberger Umwelt- und Naturschutzamtes. Dass dort auch gegrillt und Müll verbrannt wird, stellt vor allem in der jetzt trockenen Jahreszeit ein zusätzliches Sicherheitsproblem dar. Das Feuer kann sich schnell ausbreiten und die kleinen Naturwälder vernichten. „Wir wissen von zwei bis drei Zelten dort“, sagt Masius. Die Bewohner seien im mittleren Alter. „Es handelt sich jedoch keineswegs um Menschen mit Migrationshintergrund“, ergänzt sein Chef Martin Schaefer.

Wildes Campen vor dem Rathaus Lichtenberg

Immer wieder muss sich das Umwelt- und Naturschutzamt mit wilden Campern auseinandersetzen. Vor einigen Jahren schlugen einige davon sogar im Park vor dem Rathaus in der Möllendorffstraße ihre Zelte auf, nutzten nach Angaben von Rathaus-Mitarbeitern auch die öffentlichen Toiletten in dem Verwaltungsgebäude. Aktuell beschäftigt die Bezirksverwaltung ein weiterer Fall illegalen Zeltens im Landschaftsschutzgebiet „Falkenberger Krugwiesen“. Allem Anschein nach handelt es sich bei den Campern aber weniger um von der Großstadt gestresste Abenteurer, sondern offenbar um „Aussteiger“. Einschlägige Internetportale jedoch machen es den Behörden nicht leichter. Dort finden sich unter anderem Tipps, wie man trotzdem campen kann, obwohl es verboten ist. In einem Beitrag ist die Rede davon, die Zelte spät abends aufzuschlagen und das Lager in aller Frühe zu räumen. „So ist die Gefahr, entdeckt zu werden, gering“, schreibt beispielsweise eine Bloggerin. Beate Kitzmann, Diplom-Biologin und Geschäftsführerin des Vereins „Naturschutz Berlin-Malchow“, hat dafür kein Verständnis und sagt deutlich: „Da muss rigide durchgegriffen werden.“

Natürlich wurde in der Malchower Aue sofort das Ordnungsamt eingeschaltet. Wer nun aber annimmt, dass das Problem damit erledigt wurde, irrt. Denn das illegale Zeltlager befindet sich auf einem Privatgelände, das einem 90-Jährigen aus Westdeutschland gehört. Nach dem Gesetz ist er verpflichtet, das Areal im Naturschutzgebiet vor Veränderungen oder Beschädigungen zu schützen. Inzwischen gibt es zwischen dem Amt in Berlin-Lichtenberg und dem Privatmann einige Korrespondenz, in der die Behörde auch Fristen gesetzt hat. Erst am Montag dieser Woche endete eine davon. Im Kern geht es darum, dass der Privateigentümer aktiv wird. Er soll, sagt Amtsleiter Masius, auch schon die Polizei eingeschaltet haben. Würde sich das Zeltlager im Eigentum des Bezirkes oder des Landes befinden, hätte es längst geräumt werden können. Nun suchen der Privatmann und die Behörde nach einer Lösung.

Schutzgebiete: die Rechtslage

Im Bundesnaturschutzgesetz heißt es in § 1: „Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Grundlage für Leben und Gesundheit des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich nach Maßgabe der nachfolgenden Absätze so zu schützen.“ Nach § 14 sind „Veränderungen der Gestalt oder Nutzung von Grundflächen oder Veränderungen des mit der belebten Bodenschicht in Verbindung stehenden Grundwasserspiegels, die die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts oder das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigen können“ als Eingriffe in die Natur zu betrachten. Verboten sind nach § 23 in Naturschutzgebieten „alle Handlungen, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Naturschutzgebiets oder seiner Bestandteile oder zu einer nachhaltigen Störung führen können“.

Gemäß Berliner Naturschutzgesetz (§ 16) zählen zu solchen Eingriffen „die Errichtung oder wesentliche Änderung von Lager-, Ausstellungs-, Camping-, Zelt- oder Wochenendplätzen im Außenbereich“.

Verstöße können als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro geahndet werden.