Corona-Krise: Eine Tüte voll Hilfe

Lehrerin Jeanette Stephan, Bauleiter Holger Winne, Rentner Ulrich Riemann, Büromitarbeiter Marcel Münss und der CDU-Abgeordnete Danny Freymark (v.l.n.r.) bereiten sich auf ihre Tour vor. Foto: Marcel Gäding
Lehrerin Jeanette Stephan, Bauleiter Holger Winne, Rentner Ulrich Riemann, Büromitarbeiter Marcel Münss und der CDU-Abgeordnete Danny Freymark (v.l.n.r.) bereiten sich auf ihre Tour vor. Foto: Marcel Gäding

Der Hohenschönhausener Wahlkreisabgeordnete Danny Freymark verteilt jeden Montag mit zahlreichen Unterstützern Lebensmittel an Bedürftige. Dafür nimmt der CDU-Politiker viele Treppenstufen in Kauf – und erhält zum Dank Lächeln und lobende Worte. Von Marcel Gäding.

Von seiner Sitzgruppe an der Fensterfront des Bürgerbüros aus hat Danny Freymark einen guten Blick auf seinen Wahlkreis. Das viele, zarte Frühlingsgrün verdeckt die unzähligen Mehrfamilienhäuser, die in den 1980er-Jahren in industrieller Bauweise errichtet wurden und gern als „Platte“ bezeichnet werden. Es war eine gute Entscheidung, hier in der Warnitzer Straße 16 eine Anlaufstelle einzurichten, denn nirgends sei man näher dran an den Menschen. Freymark ist seit 2011 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Wahlkreisabgeordneter für die CDU in Neu-Hohenschönhausen. Wer ihn besucht, bekommt eine Tasse Kaffee und eine kurze Einführung in seine Arbeit, die in der Zeit außerhalb von Corona geprägt ist von allerlei Themen. Er kümmert sich um die Sanierung von Sportplätzen, engagiert sich für eine bessere Anbindung seines Kiezes mit Bus und Bahn an die Innenstadt und sorgt sich um die Versorgung der Region mit Kinderärzten. An einer Wand hängt eine Luftaufnahme seines Wahlkreises. Mit dem Finger zeigt er auf einen der Elfgeschosser. „Hier bin ich aufgewachsen, das ist meine Hood“, sagt der 37-Jährige. Und er weiß: Wer hier lebt, hat es mitunter nicht leicht. Viele Bewohner sind von Sozialleistungen abhängig oder erziehen ihre Kinder allein. Einst holte die Linkspartei in der Großsiedlung Spitzenergebnisse. „Als CDU-Politiker leben Sie hier erst einmal von einem Dispokredit“, sagt Freymark – was nichts anderes bedeutet, als dass man erst einmal liefern muss, um die Menschen auf seine Seite zu bringen. Immerhin holte er bei der letzten Wahl bereits 21 Prozent der Stimmen.

Liefern ist ein gutes Stichwort, denn seit vier Wochen liefert Danny Freymark tatsächlich im sprichwörtlichen Sinne. Immer montags schwärmen er und zahlreiche Helferinnen und Helfer aus, um Bedürftigen Lebensmittel zu bringen. Es sind sogenannte Tafelkunden – also Menschen, die wenig Geld im Monat zur Verfügung haben und deshalb auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Diese bekommen sie in der Ausgabestelle des Projekts „Laib und Seele“, einer Gemeinschaftsaktion der Kirchen und des Rundfunk Berlin-Brandenburg. Seit der Corona-Pandemie aber hat die Evangelische Kirche Malchow-Wartenberg die Ausgabestelle in der Grevesmühlener Straße geschlossen. Freymark erfuhr schnell von der Not, dass bedürftige Menschen nun keinen Anlaufpunkt mehr haben – und entschied, zu handeln. „Mein Terminkalender hat sich über Nacht um 80 Prozent reduziert“, sagt der Christdemokrat. Also bot er Pfarrerin Renate Kersten an, ihr zu helfen. „Das erste Mal habe ich allein 34 Tüten mit Lebensmittelspenden ausgeliefert“, berichtet er. Später fragte er die Mitglieder des vom ihm gegründeten Bürgerbüro-Beirats, ob diese ihn einmal in der Woche montags unterstützen wollen. Die Resonanz war groß, es meldeten sich etliche Freiwillige. „Das ist das schöne Gesicht unserer Gesellschaft“, sagt Freymark.

Es ist gut, dass sich das Bürgerbüro des Politikers in einem ehemaligen Ladengeschäft befindet. Denn nach hinten raus gibt es Lager, zu denen eine Rampe führt. Marcel Münss ist quasi die gute Seele hier, Mitarbeiter des Bürgerbüros und Herr über zahlreiche Excel-Tabellen. Er packt die Tüten für jeden Haushalt, gleicht seine akribisch zusammengestellten Listen ab, verteilt Schutzmasken und taktet die Freiwilligen ein. In Zweierteams rücken diese mit ihren privaten Pkw aus, das Benzingeld zahlen sie aus eigener Tasche. „Als Bauleiter habe ich aktuell etwas mehr Zeit“, sagt Holger Winne, einer der ehrenamtlichen Helfer. „Es ist schön zu erleben, wie dankbar die Menschen sind.“

Weil Danny Freymark an einem dieser Montage jedoch keinen Kompagnon hat, spannt er spontan den Berichterstatter und Verfasser dieser Zeilen ein, der ihn selbstverständlich ohne zu zögern unterstützt. Gemeinsam werden die Tüten im Kofferraum und auf der Rückbank des kleinen Autos platziert. Dieses Mal befinden sich unter anderem Brot, Champignons, Weintrauben, Schokopudding und Milch in den Beuteln. Dazu gibt es dieses Mal Blumen, die von Supermärkten nicht verkauft wurden.

Schon am ersten Halt im Ortsteil Wartenberg folgt ein kleiner Schock: Die junge Familie wohnt in der sechsten Etage, einen Fahrstuhl gibt es nicht. Zügig läuft der sportliche Freymark mit der Tüte die Treppen hinauf, hinter ihm quält sich sein übergewichtiger Begleiter ab. Beide werden dort schon freudig erwartet. „Am Anfang fragten mich die Menschen, was ich dafür bekomme“, erinnert sich Freymark. „Nichts, nur ein Lächeln“, habe ich dann geantwortet. Viele wussten nicht, dass es sich bei dem Lieferanten der Lebensmittelspenden um den CDU-Wahlkreisabgeordneten handelte. Zunächst hatte er deshalb bei seinen ersten Touren eine Visitenkarte dazu gepackt. Sechs Adressen stehen dieses Mal auf Freymarks Liste, die er in nicht einmal einer Stunde abgearbeitet hat. Als ihm am Ende ein kleines Mädchen höflich dankt und sich über die gespendeten Rosen freut, die ihre Lieblingsblumen seien, wird Freymark warm ums Herz.

Inzwischen beliefern Danny Freymark und seine Helferinnen und Helfer 21 Haushalte im Kiez. Ab und an bleibt auch mal Zeit für ein kleines Schwätzchen. „Wir reden über dies und das, über den Alltag und natürlich über Corona“, berichtet Helfer Holger Winne. Solange es die Corona-Pandemie gibt, wolle er dieses Hilfsangebot aufrechterhalten, sagt Danny Freymark. Schon jetzt weiß er aber, was er nach dessen Ende machen wird. „Alle Freiwilligen zu einer Feier einladen.“