Lokalgeschichte: Mahlsdorf bleibt Mahlsdorf

Mit einer Ausstellung bringt das Bezirksmuseum den Besuchern Paul Großmann – Heimatforscher und Poet– näher. Von Steffi Bey.

Wer das Glück hatte, bei der Ausstellungseröffnung „Mahlsdorf bleibt Mahlsdorf“ dabei zu sein, fühlte sich 100 Jahre zurückversetzt: In Erinnerung an Paul Großmann – den Heimatforscher, Lokalpolitiker und Poet – gab es ein ganz besonderes Rahmen-Programm. Jan Damitz trug Gedichte und Lieder aus der Feder des Mahlsdorfers vor und wurde am Klavier von Karsten Drewing begleitet. Die Zuhörer schunkelten mit, lachten, nickten und merkten: Einiges, was Großmann damals beschrieb, läuft auch heute noch ähnlich ab. Dass sich beispielsweise Bürgerinitiativen gründen, um Missstände aufzudecken oder Forderungen durchsetzen. So widmete Paul Großmann unter anderem der Uhr am Bahnhof Mahlsdorf ein Gedicht: Denn lange fehlte der Zeitmesser. Erst auf Protest der Anwohner bekam der neue Bahnhof doch seine Uhr.

Und ebenso die Hymne, die er für seinen Wohnort kreierte, lässt Parallelen zur Gegenwart erkennen. „In unsrer Vorort-Residenz lebt die Berliner Intelligenz…“, heißt es in einer Strophe. Kulturstadträtin Juliane Witt (Die Linke) bemerkte dazu treffend: „Nach wie vor wohnen und arbeiten viele Kulturschaffende in diesem Ortsteil.“

Dass diese besondere Ausstellung gerade jetzt im Bezirksmuseum Marzahn, Haus 2, gezeigt wird, hängt mit dem 675. Jahrestag der ersturkundlichen Erwähnung von Mahlsdorf zusammen. „Wir ergänzen damit das Jubiläum und bringen den Besuchern den Stadtteil mit Werken des Dichters und Ortschronisten ein Stück näher“, sagte Museumsmitarbeiterin Iris Krömling.

In den Vitrinen sind Seiten und Broschüren mit Gedichten zu sehen, an den Wänden hängen Notenblätter sowie jede Menge Erläuterungen und Bilder mit Paul Großmann. Er wurde 1865 in Berlin geboren und zog Mitte der 1890er-Jahre nach Mahlsdorf. „Seit dem befasste er sich mit der Geschichte des Ortes, brachte mehrere Publikationen heraus und war auch ein begnadeter Dichter“, erklärte Iris Krömling. „Dass er so viele Liebesgedichte verfasste, überrascht mich schon.“

Penibler Datensammler

Annette Wilhelm, die als Freiberuflerin im Bezirksmuseum arbeitet, recherchierte in Vorbereitung der aktuellen Schau intensiv über den Ortschronisten und Poeten und stellte die Ausstellungs-Texte zusammen. „Paul Großmann war ein penibler Datensammler“, sagte sie. Er hatte unter anderem Zugabfahrtzeiten und Gaspreise aufgelistet. Außerdem sei er „heimatverliebt“ gewesen und wollte eben dieses „besondere Mahlsdorf-Gefühl seinen Mitmenschen vermitteln“.

Doch zu seinem Leidwesen interessierten sich die Einheimischen kaum dafür. Aus seiner Feder stammen ebenfalls mehrere Festschriften, für die er in alten Akten und Schriftstücken in Ämtern, Schlössern und Bauernwirtschaften stöberte. Am 1. Dezember 1912 stellte er die „Mahlsdorfer Ortsgeschichte“ vor. Es folgten Beiträge über die Einwandererkolonie „Kiekemal“ und über die Frankfurter Chaussee. Großmann brachte auch mehrere Adressbücher heraus mit kleinen Abschnitten zur Ortsgeschichte. Zudem verfasste er beispielsweise „Winke für Baulustige“ und das erste „Mahlsdorfer Straßenverzeichnis“. Bereits 1906 zog der Verwaltungsoberinspektor als Vertreter des Liberalen Bürgertums in die Mahlsdorfer Gemeindevertretung ein.

Seine größte Passion: das Dichten

Doch seine größte Passion war das Dichten: 1898 erschien sein Lyrikband „Adam und Eva“, kurze Zeit später eine dreibändige Anthologie unter dem Titel „Moderne Poesie“. Zusammen mit anderen Autoren schrieb er Operetten-Texte. Sein Song „Zwei dunkle Augen“ wurde 1898 sogar zum „Schlager des Jahres“ gekürt. Ausstellungsbesucher können das Lied auf Knopfdruck in unterschiedlichen Ausführungen hören.

Überrascht und schockiert war Annette Wilhelm, als sie bei der Recherche Material entdeckte, „mit lobenden Worten Großmanns auf das NS-Regime“. „Man muss ihn aber als eine Person seiner Zeit sehen“, betonte die Museumsmitarbeiterin. Gestorben ist der Dichter und Heimatpoet 1939 im Alter von 74 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof Rahnsdorfer Straße.

Beweise, dass auf Festen oder in Ausflugsgaststätten früher die Mahlsdorf-Hymne gesungen wurde, gebe es nicht, bedauerte Karl-Heinz Gärtner. Der Biesdorfer Ortschronist und leidenschaftliche Postkartensammler steuerte zur Ausstellung mehrere Notenblätter Großmanns bei und stellte den Stammbaum der Familie zusammen. Ihm ist es auch zu verdanken, dass zur Eröffnung zwei „weit verzweigte Verwandte“ Großmanns kamen: Die 96-jährige Hildegard Krawiecki und ihre Tochter Regiene. Beide wohnen in Mahlsdorf und empfinden „ein erhebendes Gefühl, so einen berühmte Verwandten zu haben“.

Bis zum 29. November 2020 ist die Ausstellung „Mahlsdorf bleibt Mahlsdorf“ im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf, Haus 2, Alt-Marzahn 55, zu sehen. Öffnungszeiten: montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr. Jeden ersten Sonntag im Monat ist ebenfalls von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter www.museum-marzahn-hellersdorf.de