Babykleidung aus alten Klamotten: Das zweite Leben der Wollpullover

Im Keller ihres Hauses schenkt Janine Fränzel alten Wollpullovern ein neues Leben. Foto: Marcel Gäding
Im Keller ihres Hauses schenkt Janine Fränzel alten Wollpullovern ein neues Leben. Foto: Marcel Gäding

Eine junge Mutter aus Karlshorst gibt alten Klamotten eine neue Chance – sie nutzt das Material für nachhaltige Babykleidung. Vermarktet werden diese unter dem Label „Jawoll Baby“. Von Marcel Gäding.

Der Weg nach Hause kann für Janine Fränzel schon mal länger dauern. Als sie vor einiger Zeit mit ihrer kleinen Tochter von der Babymassage in Friedrichsfelde kam, weckte ein kleiner Karton mit gebrauchten Textilien ihr Interesse. Jemand hatte die abgetragenen Klamotten dort abgestellt. Ein großes Glück für die junge Mutter aus Karlshorst, der insbesondere alte oder beschädigte Wollpullover am Herzen liegen. Tatsächlich wurde sie in dem Berg abgetragener Kleidung fündig und nahm einige der Stücke mit nach Hause. Dort reinigt sie das Material, um daraus später vornehmlich Mützen und Hosen für Babys und Kleinkinder zu nähen. Ihre recycelte Kleidung verkauft sie anschließend unter der Marke „Jawoll Baby“ im Internet.

Auslöser für die Gründung von „Jawoll Baby“ war die Geburt ihrer Tochter, sagt Janine Fränzel. Denn sie wollte ihr Kind so nachhaltig wie möglich kleiden. Da passte es gut, dass sie schon immer ein Faible dafür hatte, Klamotten selbst zu nähen. Als Kind stattete sie ihre Barbie-Puppen aus. Später schneiderte sie sich ein elegantes, schlichtes Kleid aus hellblauem Satin für den Abiball. Von ihrem Ur-Ur-Ur-Opa weiß sie, dass der mal Uniform-Schneider in Berlin war und ihre Oma als Herrenschneiderin arbeitete. „Das erklärt vermutlich auch meinen Hang zum Nähen.“

Nach der Geburt ihrer Tochter besorgte sie sich oft Babykleidung aus zweiter Hand – nicht um Geld zu sparen, sondern um den gut erhaltenen Stramplern, Mützen und Hemdchen eine zweite Chance zu geben. „Ich mag es, auf Ressourcen zurückzugreifen, die es bereits gibt“, sagt Janine Fränzel. Da wundert es auch nicht, dass viele ihrer eigenen Klamotten von Tauschpartys oder aus Second-Hand-Läden stammen.

Angetan vom Thema Nachhaltigkeit kam der jungen Mutter schließlich die Idee, daraus ein eigenes Geschäft zu machen. Als studierte Kunsthistorikerin sah sie für sich kaum Chancen, beruflich Fuß zu fassen. Und auch ihr früherer Job als Sozial-Media-Verantwortliche brachte ihr nicht die Erfüllung, nach der sie immer suchte. Nie losgelassen aber hat sie der Gedanke, einen kleinen Beitrag zur Rettung der großen Welt zu leisten. Also konzentrierte sie sich darauf, etwas Eigenes auf die Füße zu stellen und aus ihrer Leidenschaft fürs Nähen einen Beruf zu machen. „Anfangs war ich weit weg von perfekt“, berichtet Janine Fränzel. Mit der Zeit wurden aber die ersten kleinen Mützen und Hosen für ihrer Tochter immer besser. Bevor sie sich im März 2021 mit ihrer Idee selbstständig machte, wurde sie auf ein Programm für angehende Unternehmer aufmerksam: Dabei unterstützt die Senatsverwaltung für Arbeit Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit in Form von Beratung und Zuschüssen für die ersten sechs Monate. Drei Experten begleiteten Janine Fränzel anfangs, „das war eine supergroße Hilfe“. Mit dem notwendigen Wissen und einem ausgereiften Plan in der Tasche wurde schließlich das „Jawoll Baby“ geboren. Zugute kommt ihr außerdem, dass sie sich gut mit sozialen Netzwerken auskennt. Darüber vermarktet sie ihre nachhaltige Babykleidung und baut sich zunehmend einen Kundenstamm auf. Auf „instagram“ folgen ihr inzwischen mehr als 800 Menschen.

Herzstück des Ein-Frau-Unternehmens ist der kleine Keller eines Mietshauses in Karlshorst. Dort ist Platz für eine Nähmaschine und Regale, in denen die gewaschenen Wollpullover auf ihren neuen Einsatz warten. Viel Material besorgt sie sich aus Kleiderkammern. Meist handelt es sich um beschädigte Klamotten, die niemand mehr anziehen möchte. Mal haben sie Löcher von Motten, mal wurden sie zu heiß gewaschen. Ordentlich gereinigt werden die Stücke schließlich nach Farben und Material sortiert. Daraus entstehen dann Kinderhüte, die es ab 32 Euro zu kaufen gibt, oder Neugeborenen-Sets. Die Ideen für neue Kreationen und Schnittmuster hat sie meist im Kopf. Auf altherbrachte Attitüden verzichtet sie. Ihre Produkte sind „unisex“ und entsprechen mitnichten dem Muster von blauen Klamotten für Jungen und rosafarbene Kleidung für Mädchen.

Weitere Informationen:
Jawoll Baby! Nachhaltige Babykleidung aus geretteter Wolle
https://www.etsy.com/de/shop/JawollBaby
E-Mail: jawollbabyberlin@gmail.com