B.L.O.-Ateliers: Bangen um ein Lichtenberger Kleinod

Kunst, wohin man schaut: Seit 16 Jahren ist das einstige B.L.O. Kulisse für Skulpturen und künstlerische Objekte. Foto: Marcel Gäding
Kunst, wohin man schaut: Seit 16 Jahren ist das einstige B.L.O. Kulisse für Skulpturen und künstlerische Objekte. Foto: Marcel Gäding

Seit 2004 nutzen Künstler und Handwerker das Gelände des einstigen Bahnbetriebswerks Lichtenberg Ost. Das historische Areal haben sie von der Deutschen Bahn AG gepachtet. Die will jedoch nach 2024 ihre Liegenschaft teilweise wieder reaktivieren. Von Marcel Gäding.

Hüfthoch stehen die Pflanzen auf der Wildblumenwiese, auf die geradewegs ein altes Gleis führt und im Nichts endet: Einst befand sich genau an dieser Stelle einer von zwei Lokschuppen. Noch gut zu erkennen ist der runde Grundriss des inzwischen abgetragenen Gebäudes – auch, weil im Halbkreis Birken wachsen. Ihre Setzlinge kamen 2012 aus Auschwitz-Birkenau und sollen an das Leid der Menschen erinnern, die während des Zweiten Weltkrieges verfolgt, gefoltert und in Konzentrationslagern getötet wurden. Jetzt im Hochsommer arbeiten sich Wildbienen von einer zur nächsten Blüte oder genießen die seltenen Zauneidechsen ein Bad in der heißen August-Sonne.

Dieses ökologische Kleinod befindet sich auf dem gut 12.000 Quadratmeter großen Areal des einstigen Bahnbetriebswerks Lichtenberg Ost. 1999 wurde es von der Deutschen Bahn AG zu großen Teilen aufgegeben. Seitdem haben sich Künstler, Kunsthandwerker, Kreative und Kulturschaffende auf dem Areal zwischen Kaskelstraße und Nöldnerplatz angesiedelt. 2004 gründeten sie die B.L.O.-Ateliers, zudem einen Verein namens „Lockkunst e.V.“. Dieser hat das Grundstück von der Bahn gepachtet, schließt mit den gut 100 Nutzerinnen und Nutzer Verträge ab. Derzeit gibt es 50 Ateliers und Werkstätten. Außerdem dient die alte Kantine des Bahnbetriebswerks als Veranstaltungsgebäude. Auf einem großen Teil des Areals entstand zudem eine kleine Naturoase als wichtiger Rückzugsort für heimische Tiere, Insekten und Pflanzen. Inzwischen zählt die naturnahe Künstlerkolonie zu den letzten Refugien dieser Art in der Berliner Innenstadt.

Zukunft der B.L.O.-Ateliers in Lichtenberg ungewiss

Doch die Zukunft der B.L.O.-Ateliers ist ungewiss. 2024 endet der Vertrag zwischen Verein und Bahn. Noch im Februar dieses Jahres war während eines Besuchs des Berliner Senats die Rede davon, dass das Land Berlin die Flächen von der Bahn übernimmt und den Standort langfristig für Kunst, Kultur und Natur sichert. Kurze Zeit später aber meldete die Deutsche Bahn AG Eigenbedarf an. „Die Deutsche Bahn (DB) benötigt in Berlin zusätzliche Flächen für Überholstellen, Abstellanlagen und Zugbildung der S-Bahn ebenso wie für den Güter- und Nahverkehr. Aufgrund der Lage und der schienentechnischen Erschließung ist der vorgesehene Standort die einzige in Frage kommende Fläche“, erklärt das Unternehmen auf Nachfrage vom Bezirks-Journal. Ein Verkauf an das Land Berlin schließt die DB derzeit aus: „Für die Teilfläche am Nöldnerplatz, die aktuell die Künstlergemeinschaft nutzt, bedeutet dies, dass diese Fläche derzeit für eine weitere Verwertung nicht freigegeben werden kann.“

Noch ist völlig unklar, welche Teile des 12.000 Quadratmeter großen Grundstücks künftig wieder von der Deutschen Bahn AG genutzt werden sollen. Die Bahn habe dazu noch keine Aussagen getroffen, heißt es von den Nutzerinnen und Nutzern. Björn Friese vom Vorstand des Freundeskreis-Vereins berichtet, dass es Überlegungen gibt, die naturnah gestaltete Fläche des einstigen Lokschuppens für Baufahrzeuge und Material im Zuge von Sanierungsarbeiten an den Bahnanlagen zu nutzen. Aktuell ist die Rede davon, dass der Verein nicht betriebsnotwendige Flächen nutzen darf. Welche genau das sind, lässt die Bahn aber offen. Die Beteiligten befänden sich in einem konstruktiven Gespräch, heißt es aus der Konzernzentrale. Einzelheiten seien aber noch nicht bekannt. „Die Nutzung ist mit dem bestehenden Mietvertrag bis 2024 gesichert. Die DB wird jedoch weiterhin eigene Aktivitäten mit dem Verein abstimmen und kooperativ agieren.“

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke), der auch das Kulturressort verantwortet, bezeichnet die B.L.O.-Ateliers als „einen unserer kreativsten Orte“. So eine Fläche gebe es nirgends ein zweites Mal. „Als Bezirk haben wir ein großes Interesse daran, dass die Künstlerinnen und Künstler sowie Handwerkerinnen und Handwerker stabil arbeiten können. Daher muss diese Fläche als Juwel erhalten bleiben.“

Für den Verein geht es am Ende auch um Planungssicherheit. So muss nach den Worten von Björn Friese dringend in die Instandhaltung der alten Gebäude investiert werden. Außerdem hat er der Deutschen Bahn AG ein erstes Nutzungskonzept vorgelegt, das auch Pläne für den noch erhaltenen, seit 16 Jahren leerstehenden zweiten Lokschuppen enthält.

Im Rahmen der 13. Langen Nacht der Bilder haben Interessierte am 4. September ab 16.30 Uhr die seltene Gelegenheit, einen Blick in den alten Lokschuppen zu werfen. Die B.L.O.-Ateliers befinden sich in der Kaskelstraße 55, 10317 Berlin. Weitere Infos: www.blo-ateliers.de