Anwohner in Sorge um ihre Innenhöfe in Marzahn-Hellersdorf

Marina Barchmann (links) und Anita Müller (rechts) sorgen sich um ihren Innenhof in der Luzinstraße. Unterstützt werden sie von Karin Seitz, die sich gegen die Innenhofbebauung im gesamten Bezirk engagiert. Foto: Marcel Gäding
Marina Barchmann (links) und Anita Müller (rechts) sorgen sich um ihren Innenhof in der Luzinstraße. Unterstützt werden sie von Karin Seitz, die sich gegen die Innenhofbebauung im gesamten Bezirk engagiert. Foto: Marcel Gäding

Gegen die geplante Bebauung von Innenhöfen in Marzahn-Hellersdorf regt sich Widerstand. Eine neue Bürgerinitiative will die grünen Oasen mit allen Mitteln schützen. Der Bezirk hingegen benötigt die Grundstücke für soziale Einrichtungen. Von Marcel Gäding.

Von ihrem Schlafzimmerfenster aus kann Marina Barchmann abends dabei zusehen, wie sich Fuchs und Hase im grünen Innenhof der Luzinstraße gute Nacht sagen. „Sobald es dämmert, hoppelt hier der Feldhase herum“, berichtet die 66-jährige Kaulsdorferin. Innerhalb von gut 20 Jahren hat sich die freie Fläche im Wohnkarree Luzinstraße und Hellersdorfer Straße zu einem kleinen Biotop entwickelt. An der Stelle einer früheren Kita sind die Bäume inzwischen so hoch wie die umliegenden Sechsgeschosser. Sträucher und Rasenflächen prägen das Bild des rund 6.000 Quadratmeter großen Grundstücks. Alle haben ihre Schlafzimmer Richtung Hof, sagt Nachbarin Anita Müller. „Vor allem im Sommer ist es durch das viele Grün angenehm kühl.“ Außerdem biete das Areal vielen heimischen Wildtieren wie Eichhörnchen oder Fledermäusen ein Zuhause.

Das kleine grüne Paradies ist jedoch in Gefahr, sagen Anita Müller und Marina Barchmann. Denn die Fläche ist Eigentum des Landes Berlin und wird von der landeseigenen Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) verwaltet. 2019 wurden die Anwohner allerdings hellhörig, als davon die Rede war, dass der Innenhof bebaut werden soll. Es folgten Informationsveranstaltungen, unter anderem im Büro des Abgeordneten Kristian Ronneburg (Die Linke), die bis auf den letzten Platz besetzt waren. „Damals versprach uns Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle, dass sie sich dafür einsetzen will, dass nicht gebaut wird“, erinnert sich Marina Barchmann. Ende 2020 allerdings gab es in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einen Beschluss, der die Anwohner verunsicherte. Darin war die Rede, dass im Rahmen des Bebauungsplans mit der Nummer 10-97 das Areal als Grünfläche gesichert, gleichzeitig aber für den Bau von Wohnungen für „Personengruppen mit besonderem Wohnbedarf“ vorgesehen wird. Inzwischen gibt es zudem seitens des Bezirks den Bedarf, dort auch eine Kindertagesstätte zu errichten. Tief enttäuscht sei man, sagt Marina Barchmann, vor allem von der Bezirksbürgermeisterin, die auch das Stadtentwicklungsressort verantwortet. Inzwischen werden fleißig Unterschriften gesammelt. Kritik üben die Anwohner vor allem daran, dass sie nur unzureichend in die Planungen einbezogen wurden.

Der Innenhof in der Luzinstraße ist nicht der einzige, auf dem Einrichtungen der sozialen Infrastruktur – also Kitas oder Wohngemeinschaften für benachteiligte Personen – entstehen sollen. Derzeit liegen im Stadtplanungsamt gleich für mehrere Orte die Entwürfe von Bebauungsplänen aus. Zu den betroffenen Anwohnern gehören Dr. Kurt Schumann und Uwe Schütze. Sie leben an der Suhler Straße und haben erfahren, dass auch ihr an der Eisenacher Straße gelegener Innenhof Gegenstand von Planungen ist. „Die sind für eine Bebauung gar nicht geeignet, weil sie ohnehin sehr eng sind“, sagt Schumann. „Ich weiß gar nicht, wie das funktionieren soll, wenn dort Autos rein- und rausfahren“, ergänzt Schütze. Seit Kurzem sind betroffene Anwohner in einer Bürgerinitiative mit dem Namen „Licht, Luft und Sonne für Hellersdorf“ zusammengeschlossen. „Es werden Baupläne umgesetzt, die eine unsagbar enge Bebauung vorsehen, ohne eine ausreichende Infrastruktur zu gewährleisten“, heißt es auf der Internetseite der Initiative. „Das bedeutet, den Anwohnern von Hellersdorf stehen keine Parkplätze, medizinische Versorgung, Nahverkehr oder Einkaufsmöglichkeiten zur Verfügung.“ Marlies Riedeberg und Petra Jacobza aus der Michendorfer Straße haben sogar „Angst vor einer Gettoisierung“. Die beiden Frauen haben aber Glück, denn sie sind Mieter der Genossenschaft „Grüne Mitte“. Diese hat ihren Mitgliedern versprochen, die zur Genossenschaft gehörenden Höfe nicht zu bebauen. Der Chef der Genossenschaft, Andrej Eckhardt, engagiert sich inzwischen für die CDU, kandidiert sogar für das Abgeordnetenhaus. Die Abgeordneten Mario Czaja und Christian Gräff, ebenfalls CDU, wettern schon lange gegen die Pläne des Bezirksamtes.

Alexander Herrmann ist der Chef der bezirklichen CDU-Fraktion – und ebenfalls auf der Seite der Anwohner. Er sagt, dass jede vierte in Berlin neu gebaute Wohnung in Marzahn-Hellersdorf entsteht. Allein auf dem Areal des einstigen Gutes Hellersdorf würden 1.500 Wohnungen gebaut, „aber dort ist nur eine Kita mit 130 Plätzen vorgesehen“. Weder eine Schule noch ein Ärztehaus werde es geben. „So etwas muss man aber bei der Größenordnung mitdenken.“ Dass nun Brachflächen bebaut werden sollen, sieht er skeptisch. Man brauche bei der Bautätigkeit im Bezirk soziale Infrastruktur. „Doch dafür können wir nicht einfach alles zubauen.“ Er sieht die Innenhöfe „akut bedroht“. Er fordert daher vom Bezirksamt, ganzheitlich zu denken.

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Die Linke) hingegen will mit den Bebauungsplanverfahren die Flächen für soziale Infrastruktur sichern. Andernfalls könne es passieren, dass die BIM die Grundstücke anderweitig vermarktet. Bedarf sei vom Amt für Soziales und vom Jugendamt angemeldet worden. Vom Grundsatz her bleibe es dabei, dass die Innenhöfe nicht mit Wohnhäusern bebaut werden sollen. Allerdings handele es sich bei den Grundstücken um ausgewiesene Bauflächen. „Wir als Bezirk haben dazu rechtzeitig eine freiwillige Bürgerbeteiligung gestartet“, erklärt sie. Es sei breitflächig zu Informationsveranstaltungen eingeladen worden. Derzeit hätten die Betroffenen zudem Gelegenheit, im Rahmen der Bürgerbeteiligung Kritik an den Vorhaben zu äußern, die wiederum von den Fachämtern geprüft wird. Das letzte Wort habe die BVV. Allerdings sei der Bezirk in der Verantwortung, bei anhaltendem Zuzug auch die notwendige Infrastruktur zu schaffen. „Wo Bauflächen sind, muss man auch mal Grün wegnehmen, wenn es sich um Wildwuchs handelt“, sagt Dagmar Pohle.

Die Entwürfe der entsprechenden Bebauungspläne sind online abrufbar:

www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/politik-und-verwaltung/aemter/stadtentwicklungsamt/bebauungsplaene/