Alte Börse Marzahn: Auf gute Nachbarschaft

Der einstige Magerviehhof Friedrichsfelde gehört zu den größten innerstädtischen Gewerbegebieten. Unternehmer haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um das Areal an der Grenze zwischen Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf gemeinsam zu entwickeln.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Weg von der Marzahner Chaussee zum einstigen Magerviehhof Friedrichsfelde vor allem in der kälteren Jahreszeit recht gruselig. Weil die Straße bis heute privat ist, fehlte es lange Zeit an einer Beleuchtung – weshalb es für die Gäste eines vor wenigen Jahren eröffneten Hotels recht gefährlich werden konnte, sicheren Fußes von ihrer Herberge zum nahegelegenen S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost zu gelangen. Das mit der fehlenden Beleuchtung gehört nun der Vergangenheit an: An Bauzäunen befinden sich Leuchten, es gibt sogar einen für Autofahrer gut sichtbaren und mit rot-weißen Pollern gekennzeichneten Fußweg. Und auch die Sache mit dem immer wieder abgestellten illegalen Sperrmüll ist Geschichte.

Stefan Mattes ist Unternehmer und Inhaber mehrerer Firmen, die sich auf dem Gelände des einstigen Magerviehhofs Friedrichsfelde angesiedelt haben. Er betreibt eine Ingenieursgesellschaft, vermietet und verkauft sogenannte Saugbagger. 2014 erwarb Mattes in dem Gewerbegebiet rund 13.000 Quadratmeter, Bahnanschluss inklusive. Er erkannte schnell das Potenzial des gut 25 Hektar großen Areals, das sich direkt an der Grenze zwischen den Bezirken Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf befindet. Später eröffnete mit der Alten Börse ein Zentrum für Gastronomie, Kultur und Events. In alten Hallen und einstigen Ställen siedelten sich viele Firmen an, während in der Nachbarschaft Einfamilienhäuser entstanden. Der Regierende Bürgermeister ließ sich hier blicken, Bezirkspolitiker gaben sich die Klinke in die Hand. Während in der Innenstadt kaum noch Platz war, konnten sich Gewerbetreibende, Künstler und Kreative im wilden Osten frei entfalten. Der Name „Alte Börse Marzahn“ war schnell eine Marke – auch wegen des Biergartens oder der zahlreichen Veranstaltungen. Dazu passte die Kulisse des früheren Magerviehhofs gut: Dieser wurde um 1900 als Handelszentrum für Rinder, Schweine, Gänse und Schafe genutzt, mit eigenem Bahnhof, einem Postamt und einem Gasthof. Zu Ostzeiten nutzte die Nationale Volksarmee das Gelände, das erst mehr als 20 Jahre nach der Wende wieder zum Leben erweckt wurde.

Pläne gab es seitdem viele, einige wurden umgesetzt – andere verschwanden in der Schublade. Der Biergarten ist inzwischen geschlossen, die beiden einstigen Brauereien gibt es nicht mehr. Stattdessen wurden einzelne Gebäudeteile verkauft, Flächen wechselten den Besitzer. Vor einigen Jahren eröffneten die Trio-Hotels, kürzlich kam ein BBQ-Restaurant dazu. Was jedoch blieb waren immer wieder Konflikte mit Anwohnern wegen des Lärms und ungeklärte Fragen – etwa die Erschließung des Areals betreffend.

Das Gelände weiter zu entwickeln, zu beleben und vor allem auch eine gute Nachbarschaft mit den Bewohnern im nahen Wohngebiet aufzubauen ist das Ziel des „Unternehmensnetzwerkes Magerviehhof Friedrichsfelde“, kurz UNMF. Der Verein wurde 2018 gegründet und wird mit Mitteln der Europäischen Union und des Bezirks Marzahn-Hellersdorf im Rahmen der „Wirtschaftsdienlichen Maßnahmen“ gefördert. „Eines unserer Ziele ist es, die Straße zum Gewerbegebiet in öffentliches Straßenland umzuwandeln“, sagt Unternehmer Stefan Mattes, der stellvertretende Vorsitzende des UNMF. Es gehe darum, das Gewerbegebiet in den Kiez zu integrieren, weitere Firmen anzusiedeln und vor allem die Kommunikation mit den Anwohnern zu verbessern. Leben und Arbeiten sollen sich dabei nicht ausschließen, sagt Mattes. Die Unternehmer laden zu Festen ein, planen Ausbildungsmessen, vermarkten Flächen und werben um Personal. „Wir wollen die Nachbarn mit ins Boot holen“, sagt Mattes. Dazu gehöre auch, dass sich der Verein mit seinen derzeit 16 Mitgliedern mittlerweile Privatpersonen geöffnet hat. Dass das Miteinander zwischen Unternehmern und Nachbarn gut funktioniert, zeigt ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Auf einem Teil des Gewerbegebietes wurden immer wieder Schrottautos zwischengelagert. Der Verein trat in diesem Fall als Vermittler zwischen dem Grundstückseigentümer und den Eigenheimbesitzern auf, organisierte schließlich die Räumung des Geländes. Um solche alltäglichen Herausforderungen kümmert sich Kay Reichmann, der neue Geschäftsstellenleiter des UNMF.

Den regelmäßigen Austausch pflegen die Gewerbemieter in Arbeitsgemeinschaften. Und Themen gibt es zur Genüge. Unter anderem ist angedacht, Ladestationen für Elektroautos und E-Bikes aufzustellen und die Infrastruktur weiter auszubauen. Bewusst soll das Areal, das bis zur Allee der Kosmonauten reicht, für die Öffentlichkeit geöffnet werden. Die ersten Schritte dafür sind bereits getan. (gäd.)

Weitere Informationen zum UNMF unter https://unmf.berlin