Ärztliche Versorgung: Bezirke wollen mehr Mitsprache

Gesundheitszentrum am Springpfuhl in Marzahn: An einem Ort sind zahlreiche Haus- und Fachärzt*innen niedergelassen. Und doch reicht deren Zahl nicht aus, um den Bedarf zu decken. Foto: Marcel Gäding
Gesundheitszentrum am Springpfuhl in Marzahn: An einem Ort sind zahlreiche Haus- und Fachärzt*innen niedergelassen. Und doch reicht deren Zahl nicht aus, um den Bedarf zu decken. Foto: Marcel Gäding

Vor allem im Berliner Osten fehlt es an Hausärzten. Eine Studie regt nun an, Kommunalpolitiker*innen und Bürger*innen stärker einzubeziehen, wenn es darum geht, Versorgungslücken zu schließen.

Berlin ist eine geteilte Stadt, was die ambulante ärztliche Versorgung betrifft. Das zeigt ein Blick auf Zahlen aus dem vergangenen Jahr: Während Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg oder Neukölln mit Hausärzten „überversorgt“ sind, fehlen vor allem im Osten Arztpraxen. Der Versorgungsgrad liegt in Treptow-Köpenick bei 81 Prozent, in Lichtenberg bei 84 Prozent und in Marzahn-Hellersdorf bei 90,3 Prozent, in Charlottenburg-Wilmersdorf wiederum bei 127,2 Prozent. „Das heißt für eine Bevölkerung, die sehr schnell altert, dass die Versorgung bei uns nicht mehr ausreichend gesichert wird“, sagt Marzahn-Hellersdorfs Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Die Linke) mit Blick auf ihren Bezirk mit 273.000 Einwohner*innen.

Neu ist das Problem nicht. Kommunalpolitiker*innen wie Dagmar Pohle weisen schon seit Jahren darauf hin, dass es in etlichen Regionen an Hausärzten fehlt – meist dort, wo die Menschen weniger gut „betucht“ sind, also einen schlechteren Sozialstatus haben als die Bewohner*innen von bürgerlichen Wohngegenden. In Stadtteilen mit vielen Alleinerziehenden und Empfänger*innen von Sozialleistungen zu praktizieren, erfüllt die wirtschaftlichen Erwartungen von Allgemeinmedizinern häufig nicht. Denn sie können in Kiezen mit einem hohen Nettohaushaltseinkommen und einem deutlich höheren Anteil an Privatversicherten schlichtweg mehr Geld verdienen. Das führt zu ganz praktischen Problemen, wie Pohle sagt. So finden neu in den Bezirk gezogene Menschen keinen Hausarzt, weil die niedergelassenen Mediziner keine weiteren Patienten aufnehmen. Von Alleinerziehenden berichtet sie, dass diese oft quer durch Berlin fahren, um eine Facharztpraxis aufzusuchen.

Dabei ist Berlin auf einem guten Weg, die Versorgungslücken zu schließen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Kommunalpolitische Forum Berlin in Auftrag gegeben hat. Titel: „Regionale ambulante Versorgung – Einflussmöglichkeiten der kommunalen Hand auf die Verbesserung der ambulanten ärztlichen Versorgung unter Berücksichtigung einer wachsenden, alternden und zunehmend diversen Bevölkerung im Bezirk“. Die Autor*innen würdigen unter anderem den Umstand, dass bei der Ansiedlung neuer Ärzt*innen nun verstärkt die unterversorgten Regionen im Fokus stehen. Sie kritisieren aber auch, dass die Bezirke in den Gremien auf Landesebene allenfalls angehört werden, mitnichten jedoch über effektive Möglichkeiten verfügen, Einfluss auf die Verteilung von Hausarztpraxen zu nehmen. Dabei kennen die zuständigen Kommunalpolitiker*innen und ihre Fachämter die Situation in den Kiezen am besten. Für Marzahn-Hellersdorfs Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle spielt dabei eine Frage eine große Rolle: „Wie können wir als Bezirke noch besser Einfluss darauf nehmen, die ambulante Versorgung vor Ort zu verbessern?“

Die Bezirke hätten zwar Mitspracherecht, „aber die verpflichtenden Entscheidungen werden auf anderen Ebenen getroffen“, sagt Prof. Dr. Verena Vogt von der Technischen Universität Berlin, eine der Autor*innen der Studie. Ihr Kollege Prof. Dr. Raimund Geene kritisiert, dass die Bezirke in einem der wichtigsten Gremien des Landes Berlin kein Stimmrecht haben. Er fordert im Zusammenhang mit der ambulanten ärztlichen Versorgung, die vor Ort lebenden und tätigen Menschen aktiv an Entscheidungen zu beteiligen.

„Die Kommunen können […] einen wichtigen Beitrag übernehmen, in dem sie z.B. als Ansprechpartner von Ärzt*innen bei der Suche von Praxisräumen fungieren, Unterstützung durch nicht-ärztliches Personal organisieren, Ärzt*innen durch eine Verbesserung der Mobilität (z.B. des öffentlichen Nahverkehrs) oder durch Telemedizin besser erreichbar machen, heißt es in der Studie. Der Bezirk Lichtenberg geht diesen Weg bereits: „Mit Krankenhäusern und landeseigenen Wohnungsunternehmen wie der HOWOGE sind wir im Gespräch, wo man Ärzte ansiedeln könnte“, berichtet Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke).

Seine Kollegin Dagmar Pohle hofft nun, mit der Studie eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu haben, die Rolle der Bezirke zu stärken. Empfehlungen haben die Autor*innen einige. Sie fordern, dass die Bezirke einen festen Platz im sogenannten Landesgremium erhalten, dass Daten für dieses Gremium erarbeitet werden, die für kleinräumige Analysen dienen, sowie die personelle und strukturelle Verstärkung der bezirklichen Gesundheitsämter. (bzj.)

Die Studie ist im Internet unter www.kommunalpolitik-berlin.de kostenfrei abrufbar.