Kriminalität: Langfinger haben es auf wertvolle Gegenstände in Fahrzeugen abgesehen. Die Zahl der Delikte im Berliner Nordosten steigt. Zuweilen vermeldet die Polizei auch Festnahmen. Von Marcel Gäding.

Parkende Autos an der Altentreptower Straße. Auch hier kam es bereits zu Einbrüchen. Foto: Marcel Gäding
Parkende Autos an der Altentreptower Straße. Auch hier kam es bereits zu Einbrüchen. Foto: Marcel Gäding

Hans-Peter Brender (Name von der Redaktion geändert) wird diesen Tag so schnell nicht vergessen: Er will gerade zu einem Kunden fahren, als er die eingeschlagene Seitenscheibe seines Dienstwagens bemerkt. Vom Navigationsgerät existiert nur noch die Halterung. Die Koffer mit dem Werkzeug auf der Rückbank sind ebenfalls weg. Tausende kleine Glassplitter liegen vorm Fahrzeug und auf den Sitzen. Brender wurde Opfer eines Einbruchs, wie es ihn in der Art in Marzahn, Hellersdorf, Lichtenberg und Hohenschönhausen immer häufiger gibt und für die sich die Täter immer raffiniertere, fiese Methoden einfallen lassen.

Kundendienstmitarbeiter Brender wohnt in einer ruhigen Seitenstraße in Alt-Hohenschönhausen. Der Angestellte eines Marzahner Serviceunternehmens stellte sein Auto bislang immer nur wenige Meter von seinem Wohnhaus entfernt ab und ließ dort alles drin – aus Bequemlichkeit, wie er sagt. Bislang war es für den 48-jährigen auch kein Problem, seine Werkzeugkoffer im Auto zu lassen. „Wer soll die schweren Teile schon klauen“, sagt Brender. Doch der Wert von Werkzeug, Laptops, Smartphones oder Tablet-PCs lockt die Täter. Im für sie günstigen Fall machen sie innerhalb von nur ein, zwei Minuten schnelle Beute.

Gut 1.000 Euro beträgt der Schaden, den Unbekannte bei Hans-Peter Brender anrichteten – die gut 250 Euro für den Einbau seiner Seitenscheibe nicht eingerechnet. Und Brender ist kein Einzelfall, wie der Blick auf die Statistik zeigt. In Lichtenberg stieg die Zahl der erfassten Fälle innerhalb eines Jahres von 1.979 auf 2.147. In Marzahn-Hellersdorf lag die Zahl 2013 bei 2.032 (2012: 1.778). Das geht aus dem Kriminalitätsatlas 2013 hervor, der Delikte nach Bezirken und Ortsteilen aufschlüsselt. Allerdings bilden die Bezirke Mitte mit 4.753 Fällen, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf mit 4.686 Fällen und Neukölln mit 3.332 Fällen die Spitze im Kriminalitätsatlas 2013. Konkrete Kiezzahlen für 2014 gibt es noch nicht.

Organisierte Tätergruppen aus Osteuropa

Aber: Für 2014 vermeldet die Berliner Polizei stadtweit einen Anstieg von 36.034 auf 36.427 Fälle. „Zu einem nicht unerheblichen Teil der bekannten Tatverdächtigen sind organisierte Tätergruppen aus dem osteuropäischen Raum insbesondere aus Litauen und Polen für die Taten verantwortlich“, heißt es dazu im Bericht des Polizeipräsidenten von Berlin. Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger habe hier 61,9 Prozent betragen. Von einem Rekord der Autoeinbrüche kann aber mit Blick auf das Jahr 2005 keine Rede sein. Damals mussten 45.937 Delikte erfasst werden.

Besonders dreist: Damit Anwohner nicht durch den Krach aufmerksam werden, den das Einschlagen einer Autoscheibe verursacht, werden dem Vernehmen nach Böller verwendet. Deren Knall soll die eigentliche Tat akustisch überdecken. Zumindest berichten dies verschiedene Mitglieder der Gruppe „Wir Hellersdorfer“ im Internet. Ob an dieser Taktik etwas dran ist, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Auf Nachfrage spricht Polizeisprecher Stefan Redlich davon, dass das Vorgehen der Täter unterschiedlich ist. „Ein Teil der Täterschaft geht geplant auf „Beutetour“, oft auch zu zweit“, sagt Redlich. Ein anderer Teil nutze die sich spontan bietende Gelegenheit – zum Beispiel die zurückgelassene Handtasche auf dem Beifahrersitz.

Abgesehen haben es die Täter wie im Fall von Hans-Peter Brender auf alles, mit dem sich später Geld verdienen lässt. „Zum einen handelt es sich um die Erlangung hochwertiger Fahrzeugkomponenten“, sagt Polizeisprecher Redlich. Dazu gehörten fest eingebaute Multimediageräte, Lenkräder/Airbags oder auch hochwertige Werkzeuge/Maschinen aus Firmenfahrzeugen. „Neben Bargeld, Laptops, Handys und mobilen Navigationsgeräten gehört auch weiterer verwertbarer Inhalt aus den Fahrzeugen bzw. aus den durch die Fahrzeugnutzer zurückgelassenen Taschen und Rucksäcken dazu.“

Polizei: Täter nutzen überwiegend Nachtstunden

Die Tatorte ziehen sich durch alle Teile von Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Hohenschönhausen. „Hier ist das gesamte öffentliche Straßenland betroffen, insbesondere aber auch Parkplätze, Parkhäuser, Tiefgaragen und Stellplätze auf Grundstücken von Einfamilienhäusern“, erklärt der Polizeisprecher. Die Täter nutzten überwiegend die Nachtstunden, da es dunkel ist und wenig Menschen unterwegs sind. „Tatzeugen sind somit selten vorhanden.“ Dennoch konnten 2015 bereit 25-mal die Handschellen klicken. Neun Tatverdächtige erhielten Redlich zufolge Haftbefehl. „Die Täter agieren überörtlich, das heißt, sie halten sich weder an Bezirks-, Direktions-, Stadt- oder Landesgrenzen“, sagt Stefan Redlich. Im Oktober dieses Jahres wurden in einer Wohnung in Marzahn drei Tatverdächtige festgenommen, die zuvor Einbrüche in Personenkraftwagen in Hellersdorf und Reinickendorf verübt hatten. „Auch diese drei Personen erhielten einen Haftbefehl.“

 

Autoeinbrüche in Berlin: Zahlen und Fakten

Berlin: Aus der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik geht hervor, dass 2014 insgesamt 979 Tatverdächtige ermittelt wurden. Darunter waren 493 sogenannte Nichtdeutsche (50,4 Prozent). Mehr als jeder vierte Tatverdächtige war unter 21 Jahre alt. Der Gesamtschaden (Wert der erlangten Beute) aller vollendeten Diebstähle aus Autos betrug 34,6 Millionen Euro. Im Schnitt liegt der Schaden pro Fall bei 1.083 Euro.

Marzahn und Hellersdorf:  In Marzahn-Mitte rund um den Helene-Weigel-Platz wird laut Kriminalitätsatlas 2013 am meisten in Autos eingebrochen (467 Fälle), am wenigsten in Hellersdorf Ost (79 Fälle). Einen deutlichen Anstieg gab es in Biesdorf (213 auf 290 Fälle), in Mahlsdorf (Anstieg um 83 Prozent), und in Kaulsdorf (plus 88,3 Prozent).

Lichtenberg und Hohenschönhausen: Die meisten Fälle wurden 2013 in Alt-Lichtenberg (327), gefolgt von Alt-Hohenschönhausen Süd (279) und Fennpfuhl (262) verzeichnet. Am deutlichsten haben die Einbrüche in Malchow, Wartenberg und Falkenberg (plus 92,6 Prozent) zugenommen sowie in Neu-Lichtenberg um 35,4 Prozent. In der Rummelsburger Bucht hingegen gab es einen Rückgang um 35,8 Prozent, in Karlshorst um 31,5 Prozent.

veröffentlicht am 13. November 2015

Millionenschaden durch Einbrüche in Autos
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