Nur 40 Quadratmeter groß ist das kleine Turmmuseum der Dorfkirche Kaulsdorf – aber was dort seit der Eröffnung im Juli 2000 gezeigt wird, lässt die Besucher staunen. Von Steffi Bey.

Joachim Klee leitet das Turmmuseum Kaulsdorf ehrenamtlich. Foto: Steffi Bey
Joachim Klee leitet das Turmmuseum Kaulsdorf ehrenamtlich. Foto: Steffi Bey

KAULSDORF. Es sind nicht viele Stufen, die in das kleinste Museum Marzahn-Hellersdorfs führen. Wahrscheinlich hat Joachim Klee sie auch deshalb noch nicht gezählt. Doch wer sich für den kurzen Aufstieg entscheidet, wird nicht enttäuscht. Der Besucher steht zunächst in der ehemaligen Glöcknerkammer. Jede Menge Inschriften markieren den rauen Putz: Namen, Jahreszahlen, verblichene Sprüche. „Über Generationen haben sich dort Konfirmanden verewigt“, sagt Joachim Klee. Dem früheren Maschinenbauingenieur ist es zu verdanken, dass die Evangelische Kirchengemeinde Kaulsdorf im Juli 2000 dieses einmalige Museum eröffnete.  

Dass die Schriftzüge beim Einrichten nicht etwa übertüncht wurden, war von Anfang an klar. Schließlich gehören sie auch zur Geschichte des fast 800 Jahre alten Gotteshauses. Denn einst mussten die Konfirmanden die Glocken läuten. Sie nutzten die Pausen zwischen dem Ziehen der Taue, um ihre Zeichen in das Mauerwerk zu ritzen.

Wer genauer hinschaut, entdeckt zwischen den  Kritzeleien mehrere markante Abdrücke: geschwungen, teilweise nach unten spitz verlaufend. Totenkronenbretter haben dort  Spuren hinterlassen. Im zweiten Ausstellungsraum blickt die Kaulsdorfer Jesuskirche hinter das Geheimnis solcher Exemplare. Vier von diesen barocken Platten hängen an den Wänden. Auch die älteste erhaltene aus dem Raum Berlin-Brandenburg von 1716 ist dabei.

Auf den ersten Blick sind es nur geschwungene Holzbretter mit ein paar ausgeblichenen Schriftzügen. „Dahinter verbirgt sich aber ein langer in Vergessenheit geratener Brauch unserer Vorfahren“, weiß Joachim Klee. Die Tafeln wurden vom 17. bis zum 20. Jahrhundert verstorbenen, jungen, unverheirateten Menschen gewidmet. Nach damaliger Auffassung war es wichtig, dass jeder Mensch verehelicht sein sollte. „War das im Leben nicht möglich, wurde die Ehe im Tod symbolisch mit Jesus nachvollzogen – die Totenkrone ist deshalb wie eine Brautkrone anzusehen“, erklärt der Leiter des Turmmuseums. Auf den Konsolen wurden die Kronen – aus Kunstblumen geformte Gebilde – drapiert.

Gemeinsam mit geschichtsinteressierten Freunden recherchiert der 72-Jährige seit langem zu diesem Brauch. An den Wochenenden ist er oft mit Kirstin Schümann in Brandenburger Kirchen unterwegs. Von den mehr als 600 bekannten Exemplaren haben die beiden einen großen Teil gefunden: zumeist in den hintersten Ecken von Dachböden, Kammern und Emporen. „Leider ist heute nur noch wenig über den alten Brauch bekannt, deshalb wollen wir die Leute vor Ort sensibilisieren, damit sie solche Schätze bewahren“, macht Klee deutlich. In einigen Fällen gelingt das auch und die Totenkronenbretter werden  wieder in den Kirchen aufgehängt. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden sie massenhaft aus den Gotteshäusern entfernt. „Weil seinerzeit viele Geistliche den im Ursprung heidnischen Brauch als Staubfänger und Ablenkung für die Gläubigen empfanden“, sagt der ehrenamtliche Museumschef.

Ihn selbst fasziniert an „den vergessenen Denkmälern“ vor allem das Tröstende und Liebevolle. So ließ beispielsweise die Familie des fünfzehnjährigen Martin Gottlob Giese ihren Sohn nach seinem Tod diese Worte sprechen: „Nun, ihr Lieben weinet nicht, lebt doch eure Zuversicht. Bleibt an Gott, wie ich verblieb und nehmt auch mit ihm vorlieb.“

Weil auf einer anderen in Kaulsdorf gefundenen Tafel nur noch das Geburtsdatum lesbar war, durchsuchten Klee und seine Mitstreiter  unter anderem das historische Kirchenregister von 1683  bis 1764 und fanden darin den zutreffenden Namen des Verstorbenen. Auszüge aus dem vergilbten Buch werden in einer Museums-Vitrine gezeigt.

Ausgestellt sind unter anderem eine verschließbare Einbaumtruhe aus dem 15. Jahrhundert sowie jede Menge Dokumente zur  Geschichte der Dorfkirche, die nach Kriegsverlust seit 1999 wieder eine neogotische Turmspitze besitzt. Im Dachboden finden die Besucher eine Fotoausstellung über Kaulsdorf von 1937.

Weitere Informationen:

Das Turmmuseum in der Jesuskirche Kaulsdorf, Dorfstraße 12, ist jeden Sonntag nach dem Gottesdienst ab 11 Uhr auf Anfrage oder verbindlich nach Vereinbarung unter Tel. (030) 5 67 52 80 geöffnet.

veröffentlicht am 4. September 2015

Kaulsdorfer Museum: das Geheimnis der Totenkronenbretter