Wegen Personalmangels müssen die beiden Jugendverkehrsschulen im Bezirk ihr Angebot zurückfahren. Ab dem kommenden Jahr soll sich die Situation wieder bessern. Dann steht (erst einmal) wieder mehr Personal zur Verfügung. Von Marcel Gäding.

Dr. Siegfried Köpke, Frank Schulz und Wolfgang Kopischke hoffen auf bessere Zeiten für die Jugendverkehrsschule. Foto: Marcel Gäding
Dr. Siegfried Köpke, Frank Schulz und Wolfgang Kopischke hoffen auf bessere Zeiten für die Jugendverkehrsschule. Foto: Marcel Gäding

FRIEDRICHSFELDE. Ruhig ist es an diesem Nachmittag in der Jugendverkehrsschule an der Baikalstraße. Auf einer Bank sitzt ein junger Vater und schaut dabei zu, wie seine drei Kinder ihre Runden im Kettcar drehen. Die Kleinen bleiben am Stoppschild stehen oder machen Halt am Fußgängerübergang, wie sie es im Verkehrsunterricht gelernt haben. Als die Hitze aber immer unerträglicher wird, packt der junge Mann seine Sachen.

Wäre die Hitze nicht gewesen, Wolfgang Kopischke hätte den jungen Familienvater spätestens um 16 Uhr gebeten, so langsam den Heimweg anzutreten. Seit Jahresbeginn schließt die Jugendverkehrsschule früher: In der Schulzeit ist um 14 Uhr Schluss, in den Ferien zwei Stunden später – weil die Jugendverkehrsschule erst später öffnet. Personalmangel ist der Grund, warum das Areal nicht mehr bis um 18 Uhr zugänglich ist. Von den einst 16 Beschäftigten der beiden Jugendverkehrsschulen am Malchower Weg in Hohenschönhausen und an der Baikalstraße in Friedrichsfelde sind gerade einmal drei Kollegen übrig geblieben. „Für 2014 hatten wir gehofft, über Förderinstrumente des Job-Centers Mitarbeiter zugeteilt zu bekommen“, sagt Frank Schulz, der Geschäftsführer der Gesellschaft Atina, seit 2012 Träger der Jugendverkehrsschulen. Weil jedoch die Fördervoraussetzungen für das konkrete Förderinstrument fehlten, gab es das dringend benötigte Personal nicht. Die Folge: Seit Jahresbeginn arbeitet die Jugendverkehrsschule auf Sparflamme. Konnten 2014 noch rund 16.000 Kinder und Jugendliche betreut und unterrichtet werden, liegt die Zahl in diesem Jahr wahrscheinlich bei knapp 10.000.

Die Jugendverkehrsschule richtet ihr Angebot vormittags an Schulen: Grundschulkinder erhalten von der ersten bis zur vierten Klasse Verkehrsunterricht. Ab der vierten Klasse wird den Jungen und Mädchen die Prüfung zum Fahrradführerschein an den beiden Standorten abgenommen. Eine Polizistin erklärt ihnen nicht nur, dass man bei einem Stop-Schild zunächst warten muss, sondern vermittelt ihnen auch Verkehrsregeln und erklärt die Bedeutung der Schilder. Wolfgang Kopischke und seine Kollegen begleiten diesen Unterricht, an dessen Ende die Prüfung für den Fahrradführerschein steht. Der Nachmittag kann frei genutzt werden von Eltern und ihren Kindern, von Arbeitsgemeinschaften oder Jugendlichen, die in der Jugendverkehrsschule ihre Freizeit verbringen können. „Am Standort Baikalstraße ist vieles denkbar, man könnte das Areal zu einem Kinder- und Jugendfreizeitzentrum entwickeln“, sagt Projektkoordinator Dr. Siegfried Köpke. Doch für derartige Visionen ist derzeit kein Platz. Man ist froh, wenigstens einen Teil des bisherigen Angebots aufrechterhalten zu können. In der Tat bietet der Standort Baikalstraße eine Menge Potenzial. 30 Jahre lang war der Zweigeschosser eine Kita, bevor er 1998 zur Jugendverkehrsschule umfunktioniert wurde. Die Immobilie gehört zum Fachvermögen des bezirklichen Schulamtes. Die Räume im Erdgeschoss werden als Fahrradwerkstatt und Abstellraum für die Fahrräder und Kettcars genutzt. Die erste Etage dient als Lager. „Man könnte hier Koch- und Backkurse veranstalten oder Bastelnachmittage“, sagt Köpke. Denkbar wäre auch ein Streichelzoo mit Garten für die Vermittlung des Umwelt- und Naturschutzes. „Wie in keinem anderen Bezirk erhalten wir Unterstützung von der Kommunal- und Landespolitik“, freut sich Frank Schulz. Vor einigen Monaten traten die Mitglieder der Linksfraktion in der Bezirksverordnetenversammlung zweimal zum Arbeitseinsatz an und malerten das Gebäude. Immerhin: Für das Jahr 2016 stehen bessere Zeiten an: Das Bezirksamt hat mit Unterstützung des Job-Centers 15 öffentlich geförderte Stellen versprochen. Eingesetzt werden Menschen, die lange arbeitslos sind und sich einen kleinen Obolus dazu verdienen möchten. Begleitet werden die Männer und Frauen von sogenannten Job-Coaches, die ihnen dabei helfen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gleichzeitig werden dringend Ehrenamtliche gesucht, die in den Jugendverkehrsschulen helfen.

LINKE fordert Regelfinanzierung

Bei aller Freude über vom Job-Center geplante Einsätze bleibt Hendrikje Klein, die Vorsitzende der Linksfraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, skeptisch. „Die Gefahr ist groß, dass die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg Maßnahmen streicht.“ Der Verkehrsunterricht sei wichtig, daher spricht sich die Haushaltspolitikerin für eine Regelfinanzierung aus. „Es gibt zwar Konzepte auf Landesebene für die Jugendverkehrsschulen, eine Finanzierung bleibt jedoch aus“, kritisiert Klein und fordert: „Personell müssen Jugendverkehrsschulen auf feste Füße gestellt werden.“ Im Klartext heißt dies: Nur mit einer regelmäßigen finanziellen, staatlichen Unterstützung ist das Angebot der Jugendverkehrsschulen auch dauerhaft aufrechtzuerhalten.

veröffentlicht am 24. August 2015

Jugendverkehrsschule: Angebot auf Sparflamme