Hommage an den Plattenbau: Die industrielle Bauweise steht im Mittelpunkt einer neuen Ausstellung im Museum Lichtenberg. Dort erfahren die Besucher, dass die „Platte“ keine Erfindung der DDR-Stadtplaner war. Ihre Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert. Von Marcel Gäding.

Die Großsiedlung Hohenschönhausen wurde Anfang der 1980er-Jahren auf Rieselfeldern gebaut. Das Modell ist allerdings nicht im Museum Lichtenberg zu sehen. Foto: Marcel Gäding
Die Großsiedlung Hohenschönhausen wurde Anfang der 1980er-Jahren auf Rieselfeldern gebaut. Das Modell ist allerdings nicht im Museum Lichtenberg zu sehen. Foto: Marcel Gäding

LICHTENBERG. Die Hellerau-Schrankwand hat die Jahrzehnte gut überstanden. Die Glastüren sind heil geblieben, die Oberfläche mit der Holzoptik glänzt wie eh und je. Dr. Thomas Thiele hat das gute Stück organisiert, genau wie den Schwarz-Weiß-Fernseher von RFT Stassfurt oder das Brillant-Radio, die beiden Sessel und den Tisch, auf dem zwei Bierflaschen der Marke „Deutsches Pilsener“ einen Platz fanden. Ein bisschen Gemütlichkeit sollte in der sonst eher sachlichen Ausstellung „Stein. Schlacke. Beton – Neues Bauen in Lichtenberg“ schon Berücksichtigung finden, dachte sich der Chef des Museums Lichtenberg in der Türrschmidtstraße.

Erstmals widmet sich eine Ausstellung dem industriellen Bauen in Lichtenberg. Der Bezirk eignet sich wie kein anderer für dieses Thema. Wenn man so will, liegen die Anfänge für das effiziente, schnelle und vor allem kostengünstige Bauen in Lichtenberg. Häuser aus der Zeit gibt es heute noch; Thiele muss hierfür nur wenige Meter vom Museum aus laufen, um an dem 1875 errichteten Dreigeschosser zu stehen: Dort erinnert heute eine Tafel an die ersten „Schlackehäuser“ in der Victoriastadt. Dem Baumaterial aus Beton wurden die Rückstände aus Verbrennungsprozessen beigemengt, die ohnehin anfielen. „Im Grunde genommen wurde der Beton gestreckt“, sagt Thomas Thiele. Der Vorteil: Das Material war deutlich preiswerter als die bis dato verwendeten gebrannten Ziegel. Nicht zuletzt auch wegen des rasanten Anstiegs der Bevölkerungszahl zogen die Preise für Ziegel an und mit dem Schlackebeton kam eine günstigere Alternative auf den Markt. Die 1871 gegründete Cementbau AG erwarb in der heutigen Victoriastadt 20 Hektar Wiesenland und baute dort Häuser aus Betonschlacke. Vor allem die enorme Festigkeit machten diese Gebäude konkurrenzlos. Entscheidend aber war, dass nicht mehr Stein auf Stein gebaut wurde, sondern die Wände in Formen gegossen wurden.

Einen Schritt weiter ging in den 1920er-Jahren der Stadtbaudirektor Martin Wagner, als eine bereits 1908 in New York entwickelte Plattenbauweise nach Berlin brachte und in Friedrichsfelde umsetzen ließ: Dort, nahe der heutigen Sewanstraße, entstand die „Splanemannsiedlung“. Warum er sich für diesen Ort entschied, ist unbekannt, sagt Thomas Thiele. Innerhalb kürzester Zeit entstanden 31 Gebäude, dazwischen wurden kleine Gärten und Parks angelegt. Die benötigten Betonplatten wurden nahe der Baustelle gegossen. Nachdem sie ausgetrocknet waren, wurden sie zu mehrschichtigen Wänden zusammengefügt. Heute zählt die nach dem Antifaschisten Herbert Splanemann benannte Siedlung zu den gefragten Wohngegenden in Lichtenberg.

Der Grundstein für die späteren Großsiedlungen in Marzahn, Hohenschönhausen, Hellersdorf und Lichtenberg wurde jedoch im Fennpfuhl gelegt. 1962 entstand dort das erste Gebäude einer neuen Plattenbauserie, die den kurzen Namen P2 trug. Die Wohnungen in dem fünfgeschossigen Wohnhaus an der Erich-Kuttner-Straße waren Ausgangspunkt für 365.000 baugleiche Quartiere in der DDR. Zwischen 1958 und 1990 wurden in der DDR rund 1,5 Millionen Wohnungen in Plattenbauweise errichtet, ein Viertel davon als P2-Bauten. Den Verantwortlichen blieb nichts anderes als die Platte übrig, denn Wohnraum war knapp. Bei der Planung der Wohnungen wurde kein Zentimeter verschenkt: Die Flure blieben klein, auch Bad und Küche boten den nötigsten Platz. Als innovativ galt die Durchreiche zwischen Küche und Wohnzimmer, die auch in anderen Plattenbauserien Verwendung fand. Dadurch sollte verhindert werden, dass die in der Küche tätige Frau des Hauses von der Familie räumlich isoliert wurde. Während die P2-Bauten in den 1960er-Jahren gebaut wurden, entstanden in den 1970er- und 1980er-Jahren rund 645.000 Wohnungen der Plattenbauserie WBS 70. Die DDR investierte ihr Geld eher in Wohnungsneubau als in die Sanierung bestehender Wohnensembles etwa in Prenzlauer Berg. Thomas Thiele wohnte selbst vier Jahre in der „Platte“ und erinnert sich heute noch an seine kompakte, praktische Wohnung, „die wunderbar im Grundriss und in der Raumaufteilung war“. Es ist ein großes Glück, dass die Macher der Ausstellung „Stein. Schlacke. Beton – Neues Bauen in Lichtenberg“ aber auch auf noch lebende „Väter“ der Platte zurückgreifen konnten. Darunter findet sich beispielsweise der inzwischen 87-jährige Wilfried Stallknecht, der sich als Erfinder der Plattenbauserie P2 einen Namen machte und bis heute im Fennpfuhl wohnt.

Die neue Ausstellung im Museum Lichtenberg hat das Prädikat „sehenswert“ in jedem Fall verdient. Ihr gelingt der Spagat zwischen den Epochen und würdigt in hervorragender Weise eine Bauweise, die zwar preiswert, aber immer funktional ausgerichtet war. Auf ein Sammelsurium von Schautafeln verzichteten die Macher, Texte und Bilder wurden auf das Wesentliche reduziert. Projektoren bringen Bilder von WBS70-Wohnungen aus der Gegenwart an die Wand. Auf dem Fußboden des Ausstellungsraumes fand eine große Lichtenbergkarte ihren Platz, auf der die einzelnen Siedlungen vorgestellt sind, die industriell entstanden – darunter der Flusspferdhof in Hohenschönhausen, das Hans-Loch-Viertel oder die Max-Taut-Aula an der Fischerstraße. Mit Hilfe eines Tablet-PCs erhalten Besucher Bilder der jeweiligen Siedlungen von damals und heute. Historisches Filmmaterial mit dem Titel „Das Haus von Morgen“ ergänzt die Ausstellung.

Das Museum Lichtenberg befindet sich an der Türrschmidtstraße 24, 10317 Berlin. Öffnungszeiten: Di-Fr/ So 11-18 Uhr. Informationen im Internet: www.museum-lichtenberg.de

veröffentlicht am 29. Juli 2015

Fotogalerie: Industrieller Wohnungsbau in Lichtenberg

Museum Lichtenberg würdigt mit Ausstellung den Plattenbau
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