Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben in dieser Woche die neue U-Bahnleitstelle in Betrieb genommen. Vom U-Bahngelände in Friedrichsfelde werden künftig alle neun Berliner U-Bahnlinien zentral gesteuert. In vier Wochen soll das Gebäude an der Erich-Kurz-Straße offiziell mit einem Mitarbeiterfest eingeweiht werden. Das Bezirks-Journal durfte als erste Berliner Zeitung exklusiv einen Blick in die U-Bahnleitstelle werfen. Von Marcel Gäding.

Blick in die moderne, neue U-Bahnleitstelle der BVG in Lichtenberg. Foto: Marcel Gäding
Blick in die moderne, neue U-Bahnleitstelle der BVG in Lichtenberg. Foto: Marcel Gäding

FRIEDRICHSFELDE. Der Notruf erreicht die U-Bahnleitstelle der BVG um 14.28 Uhr: Ein Fahrgast der U-Bahnlinie 7 benötigt einen Notarzt. Gespannt blicken Michael Wrzeszcz und seine Kollegen auf den großen, überdimensionalen Bildschirm. Der betroffene Zug blinkt auf dem Streckenschema der U-Bahnlinie 7 rot auf, während daneben die Live-Bilder der Überwachungskamera vom Bahnhof Gneisenaustraße zu sehen sind. Es dauert nur wenige Minuten, bis weitere planmäßige Züge rot markiert sind. Ab jetzt gerät der Fahrplan der U7 ins Wanken. Wertvolle Minuten vergehen. Wenn der Notarzt noch entscheidet, den Fahrgast im Zug zu versorgen, bleiben die nachfolgenden Züge Richtung Spandau auf der Strecke. Doch um 14.35 Uhr gibt es Entwarnung. Der Fahrgast wird außerhalb des Zuges versorgt. 

Michael Wrzeszcz ist Netzmanager, ein erfahrener BVG-Mitarbeiter im 39. Dienstjahr. Seit einigen Tagen muss er morgens deutlich mehr Zeit auf dem Weg zur Arbeit einplanen. Bis vor kurzem befand sich die U-Bahnleitstelle der BVG noch an der Potsdamer Straße in Schöneberg. Jetzt arbeiten Wrzeszcz und eine Handvoll Kollegen in Friedrichsfelde auf dem Gelände der Betriebswerkstatt. Doch der längere Arbeitsweg ist für Michael Wrzeszcz kein Problem. In einem futuristischen, trapezförmigen Gebäude arbeiten ab sofort alle Leitstellen der neun Berliner U-Bahnlinien unter einem Dach. Von seinem Arbeitsplatz aus kann Michael Wrzeszcz durch meterhohe Fenster auf abgestellte U-Bahnzüge blicken, wenn es seine Zeit erlaubt. Meist aber schaut er konzentriert auf einen seiner sieben Monitore, nimmt im Minutentakt Anrufe entgegen oder verfolgt mit den Kollegen auf einem von drei XXL-Bildschirmen das Geschehen auf den U-Bahnhöfen oder auf dem Streckennetz.

Ein bisschen erinnert die neue U-Bahnleitstelle der BVG äußerlich an ein Raumschiff. Drinnen, in der ersten Etage, kommen einem gleich viele vergleichbare Bilder in den Kopf – etwa vom Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse mit den vielen Flachbildschirmen oder vom Kontrollzentrum der Weltraumorganisation NASA. 21 Arbeitsplätze stehen zur Verfügung, jeder Mitarbeiter blickt auf sieben Monitore. Die Tische lassen sich in ihrer Höhe so verstellen, dass man auch mal im Stehen arbeiten kann. Aus Lautsprechern dringt ab und an für alle hörbar der Funkverkehr der U-Bahn, zwischendurch klingeln Telefone. Von Michael Wrzeszcz‘ Platz aus wird die ganze Dimension deutlich. Ganz hinten, an der Fensterfront, befinden sich drei mehrere Quadratmeter große Hauptbildschirme. Davor sind im Halbrund die Arbeitsplätze der Teilnetzmanager aufgebaut. In der linken Reihe werden die U-Bahnlinien 5, 8 und 9 überwacht; die Kollegen für das Monitoring der U6 und U7 sitzen mittig. Und rechts, wo derzeit noch alle Bildschirme schwarz sind, nehmen in drei Wochen die Mitarbeiter der Linien U1, U2, U3 und U4 Platz. Noch arbeiten sind am alten Standort an der Potsdamer Straße.

„In vier Wochen wird der Umzug abgeschlossen sein“, sagt Berlins U-Bahn-Chef Hans-Christian Kaiser. Dann gibt es ein Fest für die Mitarbeiter und auch die offizielle Einweihung. Bis auf wenige Ausnahmen hat alles reibungslos funktioniert. Immerhin musste die gesamte Überwachungstechnik – darunter Server, PC-Arbeitsplätze und Funkverbindungen – im laufenden Betrieb von Schöneberg nach Friedrichsfelde gebracht und in nur wenigen Stunden installiert werden. Zwei Jahre dauerte die technische Vorbereitung. Stolz ist U-Bahn-Chef Kaiser darauf, dass kein Bildschirm schwarz blieb und alles weitestgehend reibungslos funktionierte. „Man kann sagen, die U-Bahnleitstelle der BVG ist jetzt eine Lichtenbergerin“, erklärt Kaiser. Ein wenig freut er sich auch deshalb, weil er in Friedrichsfelde 1979 bei den damaligen Ostberliner Verkehrsbetrieben BVB anfing. „Das Areal wurde 1930 eingeweiht, von hier aus wurden später zu DDR-Zeiten alle Ostberliner U-Bahnzüge gewartet und instandgesetzt.“ Man habe bestimmt drei Jahre nach einem Standort für die zentrale Berliner U-Bahnleitstelle gesucht. Am Ende fiel die Entscheidung für Friedrichsfelde. Dort wurde ein Verwaltungsgebäude um jenen futuristischen Anbau erweitert. Stolz zeigt Kaiser auch die um das Gebäude herumführende Terrasse, die Teeküche mit Automatik-Wasserspender, Kaffeeautomat und demnächst auch einer Couch. Vor der Tür gibt es jede Menge Parkplätze, zum nächsten U-Bahnhof am Tierpark sind es nur wenige Meter. Keine Frage: Wer hier arbeitet, hat einen schönen Arbeitsplatz. „Am wichtigsten ist uns aber: Wir haben alles an einem Ort“, sagt Kaiser. Waren die Angestellten der Leitstelle früher auf mehrere Etagen verteilt, sitzen sie nun alle in einem Großraumbüro. Was nur wenige wissen: Von Lichtenberg aus werden künftig alle Verkehrsmittel der BVG gemanaget: Auf dem Betriebshof an der Siegfriedstraße arbeiten die Kollegen von Bus und Straßenbahn; in Friedrichsfelde an der Erich-Kurz-Straße die U-Bahner. Arbeitsabläufe können damit gestrafft und optimiert werden.

Michael Wrzeszcz von der U-Bahnleitstelle braucht jetzt nicht jedes Mal zum Hörer greifen und seine Kollegen anrufen, er verfolgt das gesamte Geschehen von seinem Arbeitsplatz aus, der auf einem Podest installiert wurde. Auch ein Kommunikationsassistent arbeitet hier, direkt neben Michael Wrzeszcz. Er versorgt die Kollegen der Fahrgastinformation und die zentrale Leitstelle an der Siegfriedstraße mit allen nötigen Informationen. Bei Bedarf kann er über ein eigenes Mikrofon sogar zentrale Durchsagen veranlassen, die in allen oder in ausgewählten U-Bahnlinien zu hören sind. Von hier oben aus reichen manchmal kurze Zwischenrufe oder Nachfragen. Das hat sich auch bei dem Notarzteinsatz auf dem Bahnhof Gneisenaustraße bemerkbar gemacht. Per Funk werden an diesem Freitag die Fahrer aller 29 im Einsatz befindlichen U-Bahnzüge informiert. Mit wenigen Mausklicks disponieren die Teilnetzmanager Züge um, damit die Fahrgäste nicht ewig auf eine U-Bahn warten müssen. Überall auf der Strecke gibt es Stationen, an denen U-Bahnzüge kehrt machen können. In diesem Fall lässt ein BVG-Leitstellen-Mitarbeiter einen nach Rudow fahrenden Zug am Rohrdamm wenden und schickt ihn wieder zurück Richtung Spandau. Ohne dieses Eingreifen würden sich die U-Bahnen auf der gesamten Strecke stauen – auf den Bahnhöfen würden sich Menschentrauben bilden. Dieses Mal ist alles noch einmal gut gegangen. Es mussten keine Ersatzbusse bestellt werden.

Galerie: die neue U-Bahnleitstelle der BVG in Lichtenberg

(Zum Vergrößern anklicken. Fotos: Bezirks-Journal/ Marcel Gäding)

Die Berliner U-Bahn in Zahlen:

Die Berliner U-Bahn verfügt laut Geschäftsbericht der BVG über einen Fuhrpark von 1.238 Wagen. Das Netz der Berliner U-Bahn umfasst 146 Kilometer und verbindet 173 Bahnhöfe. Neun U-Bahnlinien bilden das größte zusammenhängende Nahverkehrsnetz in Deutschland.

Die erste Berliner U-Bahn fuhr 1902 vom Stralauer Tor bis zum Potsdamer Platz. Damals fuhr die U-Bahn noch auf der Hochbahn. Die Viadukte in Schöneberg, Prenzlauer Berg und Tiergarten existieren heute noch und werden sowohl von der U-Bahnlinie 1 als auch von der U-Bahnlinie 2 genutzt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg wurde am 14. Mai 1945 auf Teilstrecken der U-Bahnbetrieb wieder aufgenommen. Mit dem Mauerbau wurden die Linien U1 und U2 unterbrochen. Die U6 und die U8 passierten zwar den Ostteil, hielten aber nicht mehr – bis auf den Bahnhof Friedrichstraße.

(Quelle: BVG)

veröffentlicht am 25. Juli 2015

Neue U-Bahnleitstelle nimmt in Lichtenberg ihren Betrieb auf
Markiert in: