Siegfried Trzoß pflegt ein musikalisches Kulturgut. Mit seiner Sendung „Kofferradio“ erinnert er einmal in der Woche an die Schlager des Ostens. Ende August ist er das 500. Mal on air. Zum Jubiläum kommen 32 Künstler. Von Marcel Gäding.

Siegfried Trzoß hörte schon als Steppke gerne Schlager. Bis heute hält er dem deutschen Liedgut die Treue. Foto: Marcel Gäding
Siegfried Trzoß hörte schon als Steppke gerne Schlager. Bis heute hält er dem deutschen Liedgut die Treue. Foto: Marcel Gäding

MARZAHN/ KÖPENICK: Vor einigen Tagen musste Siegfried „Siggi“ Trzoß umplanen. Ende August soll es im Freizeitforum Marzahn eine große Gala zur 500. Ausgabe seiner Radiosendung „Kofferradio – der Schlager des Ostens“ geben. Bereits jetzt liegen jedoch mehr Kartenreservierungen vor als es im Arndt-Bause-Saal Plätze gibt. Damit aber eben alle Schlagerfreunde auf ihre Kosten kommen, weicht Siggi Trzoß auf die deutlich größere Frauensporthalle aus, die sich ebenfalls im Freizeitforum befindet. 32 Kolleginnen und Kollegen werden am 30. August sechs Stunden lang auf der Bühne stehen und „ihrem“ Siggi gratulieren. Uschi Brüning wird dabei sein, Ekki Göpelt, Lutz Hoff und Andreas Holm, Regina Thoss und Julia Axen, Hans-Jürgen Beyer und Eva Maria Pieckert, um nur einige zu nennen. So ein bisschen ist es wie bei einem Familientreffen, bei dem sich die Verwandten nach langer Zeit einmal wiedersehen. „Ich möchte zeigen, dass die Interpreten noch leben und dass sie noch da sind“, sagt Siggi Trzoß mit durchaus ernster Stimme.

Siggi Trzoß darf durchaus als Schlagerpapst bezeichnet werden, denn er hat eine Mission: Seit dem Fall der Mauer hält er die Erinnerung an den Ostschlager wach. Anfangs beim Sender Freies Berlin, dem Vorgänger des Rundfunks Berlin Brandenburg, wo er seine Sendung „Amiga-Plattenteller“ hatte und 2002 schließlich im Zuge einer Programmreform rausgeworfen wurde. Heute sendet Trzoß, ohne Honorar, beim Bürgerradio 88,4. Einmal in der Woche läuft seine Sendung „Kofferradio“ – klassisch über Ukw und ganz modern über das Internet. „Dort habe ich mindestens 6.100 Hörer“, sagt Siggi Trzoß stolz. Gut drei Stunden investiert er in die Vorbereitung seiner Sendung, in der nicht wahllos Schlager vergangener Tage abgespielt werden. Mal lädt er sich Hörer ins Studio, mal bekannte Schlagerstars oder Ostpromis, mit denen er einen musikalischen Rückblick in die Zeit vor 1989 wagt. Während die öffentlich-rechtlichen Radiosender Interpreten wie Julia Axen („Eine Welt ohne Dich“), Helga Zerrenz („Ich suche Dich“) oder Michael Hansen („Da sag ich nicht nein“) aus ihren Playlists verbannt haben, bekommen sie bei Siggi Trzoß noch eine Chance. Wobei nur das gespielt wird, was sich entweder die Studiogäste wünschen oder die Hörer vorher per Mail an den Moderator geschickt haben. „Besonders beliebt sind die Schlager der 50er, 60er und 70er“, sagt Trzoß. Seine Schlagerzeitreise führt alle paar Wochen auch in die Charts von vor 50 Jahren. „Gerade sind wir bei 1965 angekommen“, sagt Trzoß. Der Grundgedanke sei Melodien zu spielen, zu denen Menschen gesungen, gelacht oder geweint haben. Darunter sind auch Werke von Interpreten, deren Lieder in der DDR aus verschiedenen Gründen verboten waren.

Bei Alex, so heißt der Offene Kanal seit einigen Jahren, ist das „Kofferradio“ inzwischen eine feste Größe. „Nach jeder Sendung erhalte ich 100 bis 150 Mails, die ich alle persönlich beantworte“, sagt Trzoß. Nebenbei veröffentlicht er in der SuperIllu eine wöchentliche Schlagerkolumne, tritt als Moderator bei Sommerfesten auf oder veranstaltet Schlagerprogramme, zu denen er seine Kollegen einlädt. Sein viel beachtetes Lexikon „Schlager des Ostens“ enthält sein ganzes Wissen über die Branche, vor allem aber über mehr als 500 DDR-Künstler.

Es ist Klaus Wowereit zu verdanken, dass Trzoß nach seinem unfreiwilligen Rausschmiss beim SFB zum Offenen Kanal ging. „Ich hatte ihm nach dem Desaster mit dem SFB einen Brief geschrieben“, erinnert sich der 70-jährige Trzoß. Denn das abrupte Ende des „Plattenteller“ ärgerte ihn sehr. Ostschlager spalten die Stadt, hatten ihm die Verantwortlichen mit auf den Weg gegeben und ihm gleich davon abgeraten, noch einmal an die Masurenallee zu kommen. „Sie haben Hausverbot, Nachfragen hierzu können Sie sich ersparen“, lautete die Auskunft am Telefon. Der Regierende Bürgermeister aber wollte sich in die Entscheidung des SFB nicht einmischen. „In seiner Antwort empfahl er mir stattdessen, mich doch mal an den Offenen Kanal zu wenden.“ Dieser produziert ein Fernseh- und Radioprogramm und steht jedem Bürger offen. „Ich kannte den Sender vorher gar nicht“, gibt Siggi Trzoß zu.

Auch der Offene Kanal hat die eine oder andere Reform hinter sich. Anders als damals beim SFB wurde dem Moderator aber keine Sendezeit gestrichen – ganz im Gegenteil, er wechselte auf einen wöchentlichen Sendeplatz. Im Studio kümmert er sich um alles selbst, fährt die Musik ab, schiebt die Regler der Mikrofone hoch oder beantwortet eben die Mails. „Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich mein Team grüßen soll“, sagt der Einzelkämpfer.

Wie viele Hörer Siggi Trzoß tatsächlich hat, weiß er nicht. „Tatsächlich lässt sich aber die Zahl der Internethörer messen“, sagt der Köpenicker. „Für mich ist das ein Beweis, dass meine Hörer alles sind, nur nicht scheintot.“ Seine Fangemeinde ist auf der ganzen Welt zu Hause. Neulich bekam er aus Kanada eine Mail von einem Paar, das seinetwegen um 5.30 Uhr Ortszeit aufstand, um das „Kofferradio“ zu hören. Spanische Fans wiederum luden Trzoß einst zu sich nach Hause in Alicante ein.

 

Karten für das Kofferradio:

500. Kofferradio am 30. August ab 12 Uhr, Karten für 23 Euro ab 10. August unter Tel. (030) 5 42 70 91, Reservierungen per E-Mail unter ticket@freizeitforum-marzahn.de

 

Hintergrund: Sänger und Moderator

Der Berliner: Siegfried Trzoß wurde 1944 geboren und wuchs in Berlin auf. Nach einer Buchdruckerlehre und dem Lehramtsstudium verdiente er sein Geld zunächst als Lehrer, bevor er Ende der 1980er-Jahre ganz in die Musikbranche wechselte. Trzoß lebt seit 13 Jahren in Köpenick . Bis heute arbeitet er als Moderator, Sänger und Autor.

Der Sänger: „Wir über 60“ lautete Siggi Trzoß‘ erster Rundfunktitel, der 1986 ausgestrahlt wurde. Danach folgten weitere Lieder. Sein aktuelles Album „Leb das Leben“ ist bei Pewi Records and Songs erschienen. Darüber hinaus lieferte Trzoß gut 200 Texte für Interpreten wie Julia Axen. Sein aktueller Text „Du hast mein Herz alarmiert“, gesungen von Andreas Möller, schaffte es 2014 in die Hitparaden.

Der Moderator: 1988 startete im DDR-Radio „Oldies aus der Musikbox“, 1990 ging „Siggis Schlageralbum“ bei Antenne Brandenburg auf Sendung. Es folgten Sendungen wie Plattenschrank, Plattenplauderei oder Plattenkiste. Bis heute moderiert Trzoß on air das Kofferradio und off air die Bühnenshows „Es leuchten die Sterne“,  die „Sonntags-Matinee“ und die „Lange Nacht der Senioren“. Hinzu kommt die Arndt Bause-Gala im Freizeitforum Marzahn.

 veröffentlicht am 21. Juli 2015

Siggi Trzoß: Der Schlagerpapst und seine Familie
Markiert in: