Stillgelegte Bahnstrecken wie die zwischen Zossen und Jänickendorf laden zu Ausflügen ein. An den Bahnhöfen lohnt ein Stopp. Seit 2003 gibt es die „Erlebnisbahn“. Per Draisine lassen sich die Ziele links und rechts der Gleise erkunden. Von Marcel Gäding.

Detlef und Dietlinde Gampe aus Magdeburg sind von der Draisine begeistert. Foto: Marcel Gäding
Detlef und Dietlinde Gampe aus Magdeburg sind von der Draisine begeistert. Foto: Marcel Gäding

ZOSSEN/ MELLENSEE. Die erste Erfrischung wartet nach Kilometer sieben auf der rechten Seite. Wir sind keine 20 Minuten unterwegs, da läuft uns der Schweiß von der Stirn. Unsere Muskeln sind angespannt. Von Weitem ist bereits die französische Fahne zu sehen, die seit vier Monaten am Bahnhof von Rehagen einen festen Platz hat und ein sicheres Zeichen dafür ist, dass wir gleich unsere erste Pause einlegen können. Bei allerbestem Sonnenschein warten Manja und Christophe Boyer bereits auf ihre Gäste. Die Terrasse ist noch leer an diesem Vormittag. Doch das soll sich im Laufe der kommenden Stunden ändern. Jetzt geht es erst einmal in das altehrwürdige Bahnhofsgebäude von 1898, das zur Königlichen Militäreisenbahn gehörte.

Manja und Christophe Boyer sind zwei junge, freundliche Menschen: Die beiden lernten sich einst in der Nähe von Lyon kennen, leben aber seit mehr als 17 Jahren gemeinsam in Berlin. Sie kommt aus der Hauptstadt, ihr Mann ist Franzose. Vor einigen Jahren verspürten der studierte Geograph und seine Frau den Wunsch, ein eigenes Lokal aufzumachen. „Wir wollten eine Eventlocation eröffnen“, sagt Christophe Boyer. Doch dabei hatten sie nie an einen alten Bahnhof gedacht. Das für die Provinz eher wuchtige Gebäude stand jedoch zum Verkauf. Der letzte reguläre Zug in Richtung Zossen fuhr 1998 ab. Seitdem tuckern hier Draisinen der Erlebnisbahn.

Gut 25 Kilometer lang ist die Strecke zwischen dem Bahnhof in Zossen (Teltow-Fläming) und Jänickendorf. „Wir haben Gleise, Bahnhöfe und Nebengelässe 2003 von der Deutschen Bahn AG übernommen“, sagt Jan Jähnke, einer von drei Geschäftsführern der Erlebnisbahn GmbH. Die Flächen sind alle zusammen eine Million Quadratmeter groß. Im Gegensatz zu anderen Bahnstrecken in Brandenburg ist dieser Abschnitt besonders schön, und das hängt mit seiner Geschichte zusammen. 1875 fuhren erstmals Züge der Königlichen Militäreisenbahn von Berlin-Schöneberg nach Kummersdorf zum dortigen Schießplatz. Jahrzehnte lang dienten Gleise und die baulichen Anlagen für militärische Übungs- und Testzwecke. Die denkmalgeschützten Bahnhofsgebäude zeugen heute noch davon.

Es wundert nicht, dass sich Manja und Christophe Boyer in „ihren“ Bahnhof verliebten und die Station „Rehagen-Klausdorf“ kauften. Eigenhändig und mit Hilfe eines Handwerkers aus der Nachbarschaft sanierten sie die Station behutsam. Einzelne Elemente wie alte Sicherungskästen, die Schalter oder Türrahmen erhielten sie genauso wie die steinernen Fußböden oder die Fenster. Ihr Restaurant „Bahnhof Rehagen“ ist geschmackvoll eingerichtet: An den Wänden hängen große Spiegel, der Gastraum wird von Kronleuchtern dominiert. Wer hier Schnitzel und Pommes auf der Speisekarte sucht, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es einen Mix aus gehobener französischer und deutscher Küche. Verarbeitet werden ausschließlich frische Produkte, die aus Frankreich oder der Region stammen. Erlesen sind auch die Weine auf der Karte. Wenn es ihre Zeit erlaubt, plaudern die Boyers mit ihren Gästen und man hat kurz den Eindruck, alte Freunde wieder getroffen zu haben. Ganz nebenher kommen kleine Anekdoten zu Tage, wie die von George Clooney und Kate Blanchet, die vor einigen Jahren Szenen für den Film „Monuments Men“ in Rehagen drehten. Der Schriftzug „Le Bourget“ an der nahe gelegenen Eisenbahnbrücke zeugt noch davon. Er sollte an einen Pariser Vorort-Bahnhof erinnern. Boyers müssen darüber schmunzeln, denn irgendwie passt das alles zufällig zusammen.

Fotogalerie: unterwegs mit der Draisine in Brandenburg

(Zum Vergrößern bitte auf das jeweilige Bild klicken. Fotos (c) Marcel Gäding/ Bezirks-Journal)

Jan Jähnke von der Erlebnisbahn ist froh, mit den Boyers zwei sympathische und tatkräftige Käufer für den Bahnhof in Rehagen gefunden zu haben. Von den seinerzeit acht übernommenen Stationen wurden vier verkauft. Alle zu betreiben hätte die Mitarbeiter des kleinen Unternehmens Erlebnisbahn überfordert. Ein weiterer Glücksfall ergab sich mit dem niederländischen Ehepaar Ine und Wouter Spruit. Sie nutzen den einstigen Bahnhof Sperenberg und haben ihn zu einem Bildhauerbahnhof umgebaut. Im einstigen Wartesaal verkaufen sie alles erdenkliche Zubehör rund um die Bildhauerei: Steine, Meißel, Hammer. In der einstigen Gepäckaufgabe befindet sich seit 2011 ein kleines Café, gleich daneben ein Atelier. Nebenan, im früheren Hühnerstall, entstand eine Werkstatt, in der man sich von den Künstlern beibringen lassen kann, wie man aus Steinen Skulpturen macht. „Talent brauchen Sie dafür nicht“, sagt Ine Spruit und lächelt. Im Garten, der mal der Bahnhofsvorplatz war, finden sich in jeder Ecke kleine Kunstwerke. Auch vor den Baumpilzen machte Ine Wouter nicht Halt und verpasste ihnen hübsche Gesichter. „Wir wollten noch ein bisschen Abenteuer“, sagt Wouter Spruit auf die Frage, warum sie 2011 alles stehen und liegen ließen und nach Deutschland auswanderten. Im Haus finden sich auch Kunstwerke von Malern und Bildhauern aus der Region. Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Spruits mit vielen Künstlern angefreundet. Nach und nach werden auch die alten Bahnwärterwohnungen zu Ferienquartieren umgebaut.

Die Fahrt mit der Draisine kann je nach Verfassung und Zeitbudget einen ganzen Tag dauern. Unterwegs werden die Schienenfahrzeuge bei Bedarf einfach vom Gleis genommen – etwa, um in einem der kleinen Seen baden zu gehen oder eine Picknickpause einzulegen. Wer schon einmal eine längere Radtour gemacht hat, wird den Unterschied zum Fahren auf der Draisine schnell bemerken: In der Regel gibt es keine unangenehmen Steigungen, denn die Bahnstreike ist weitestgehend eben. Die Betreiber der Erlebnisbahn in Zossen haben zudem sogenannte Konferenzbikes im Angebot, bei denen einer lenkt und alle in die Pedalen treten. Die funktionieren ganz ohne Schienen, genauso wie die Hydrobikes, eine Art Tretbot. Mit ihnen geht es über den Mellensee. Schön sollen auch die Touren im Herbst und im Winter sein. Dann gibt es spezielle Offerten, etwa die Fahrt mit der Draisine durch den schneeüberzogenen Wald mit anschließendem Gänsebratenessen. Zudem stehen überdachte Hebeldraisinen für Touren ab zehn Personen zur Abfahrt bereit. Die Palette reicht von der halbtägigen Schnuppertour für 9,90 Euro pro Person bis zur 25 Kilometer langen Ganztagestour für 17,90 Euro.

Infos:

www.erlebnisbahn.de | Tel. (03377) 3 30 08 50

GEWINNSPIEL:

Wir vergeben 3×2 Tickets für die „Schnuppertour“. Mail an gewinnspiel@bezirks-journal.de oder Postkarte an Bezirks-Journal, Josef-Orlopp-Straße 54, 10365 Berlin. Stichwort: Draisine. Einsendeschluss: 31. Juli 2015. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

veröffentlicht am 16. Juli 2015

Ausflugstipp: Mit der Draisine auf alten Gleisen
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