Die neue Flüchtlingsunterkunft am Blumberger Damm ist so gut wie fertig: Derzeit sind Bauarbeiter damit beschäftigt, die Grünflächen rund um die Containerbauten herzurichten. Am Freitag durften Interessierte bereits einen Blick in die Einrichtung werfen. Unter ihnen war auch Marzahn-Hellersdorfs Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD). Er berichtete von einer großen Welle der Hilfsbereitschaft. Von Marcel Gäding.

Bauarbeiter gestalten die Außenanlagen des Flüchtlingsheims in Marzahn. Dort sollen zwei Spielplätze und später ein mit Anwohnern initiierter Gemüsegarten entstehen. Fotos: Marcel Gäding
Bauarbeiter gestalten die Außenanlagen des Flüchtlingsheims in Marzahn. Dort sollen zwei Spielplätze und später ein mit Anwohnern initiierter Gemüsegarten entstehen. Fotos: Marcel Gäding

MARZAHN. Eine Handvoll Polizisten hält sich an diesem Freitagmorgen bereit. Sicher ist sicher. Private Sicherheitskräfte stehen an den Eingängen der neuen Flüchtlingsunterkunft am Blumberger Damm. In kleinen Gruppen führen Mitarbeiter durch eines der dreigeschossigen Containergebäude, beantworten Anwohnern und Pressevertretern geduldig Fragen. Draußen herrscht normales Treiben. Es ist ruhig, zumindest in den Morgenstunden gibt es keine Proteste sogenannter besorgter Bürger. Aus vorbeifahrenden Autos werden jedoch immer wieder wartende Besucher vor dem Haupteingang gefilmt. Vermutlich tauchen diese Aufnahmen später in einschlägigen Internetportalen auf.

Stefan Komoß (SPD), der Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, ist guter Laune: Er sei bereits am Dienstag mit den Kollegen aus dem Bezirksamt in der Einrichtung gewesen, erzählt er. „Ich habe einen guten Eindruck“, sagt Komoß. Einige Minuten später, beim Presserundgang, gibt es die Bestätigung: Auf den breiten, hellen Gängen riecht noch alles ganz neu. Links und rechts gehen die Zimmer ab, in denen jeweils zwei Personen Platz finden werden. Der Betreiber der Einrichtung, die PRISOD Wohnheimbetriebs GmbH, hat auch an Flüchtlingsfamilien gedacht, deren Zimmer über eine Seitentür miteinander verbunden sein werden. Toiletten, Wasch- und Duschräume werden zentral genutzt, genauso wie die Küchen und die Gemeinschaftsräume. Die Zimmer sind funktional eingerichtet mit Betten, Kleiderschrank, Leselampe, Tischen und Stühlen sowie etwas Geschirr. Jedes Zimmer hat eine Größe von 18,99 Quadratmetern. Insgesamt ist Platz für 400 Geflüchtete.

Wann die ersten Bewohner hier einziehen, steht noch nicht fest. Doch es dürfte nicht mehr lange dauern. „Auf 40 Bewohner kommt ein Betreuer“, sagt PRISOD-Sprecherin Susan Hermenau. Die Kinder werden in der „Kinderbude“ betreut. Morgens nutzen die Kleineren die Einrichtung, nachmittags die Größeren. „Hier ziehen Menschen ein, die in der Regel schon drei Monate in Deutschland leben“, sagt Hermenau. Gut ein Drittel der Bewohner ist jünger als 16 Jahre. Sie werden Kitas und Schulen in der Umgebung besuchen. „Dafür werden sie in der Regelschule aufgenommen und nicht vor Ort in der Gemeinschaftsunterkunft beschult“, sagt Bürgermeister Komoß, der auch Bildungsstadtrat ist. Wer noch nicht gut Deutsch spricht, bekommt zunächst einen Platz in einer sogenannten NDH-Klasse. Das NDH steht für nicht deutscher Herkunft. „Erfahrungsgemäß lernen die Kinder sehr schnell die deutsche Sprache“, sagt Susan Hermenau. Meist können die Kinder nach drei bis sechs Monaten in ganz reguläre Schulklassen wechseln. Stolz ist der Bezirksbürgermeister darauf, dass auch der benachbarte Sportverein BSC Marzahn angeboten hat, sich für die Flüchtlingskinder zu öffnen. Darüber hinaus konnten über die bezirkliche Ehrenamtsagentur 60 Menschen gewonnen werden, die vor Ort im Flüchtlingsheim helfen wollen – in der Kleiderkammer oder bei der Begleitung zu den Behörden. „Ich bin begeistert und überwältigt von der Hilfsbereitschaft.“

Galerie: Die neue Flüchtlingsunterkunft in Marzahn

Und es wird noch mehr Hilfe geben, wie Regina Saeger, die Vorsitzende des Landesseniorenbeirats ankündigt. „Uns war es wichtig, erst einmal einen Eindruck vom Haus zu bekommen“, sagte Saeger am Freitag nach der Besichtigung. „Die im Landesseniorenbeirat organisierten Senioren sind sehr entschlossen, Hilfe zu leisten“, ergänzt ihr Kollege Dr. Klaus Sack. Mit der Heimleitung wolle man den Bedarf an Hilfe und Unterstützung ermitteln. „Wir könnten uns beispielsweise vorstellen, Spenden zu sammeln, Lesepaten vorbeizuschicken oder Sprachmittler zu organisieren“, sagt Sack.

Für Freitagnachmittag waren in der Nähe der Unterkunft Proteste rechter Organisationen angemeldet. Seit Bekanntwerden der Pläne für das Flüchtlingsheim hatte es immer wieder Kundgebungen gegeben, für die anfangs sogar die Landsberger Allee gesperrt werden musste. So hatte die NPD nachweislich die Gelegenheit genutzt, über sogenannte Bürgerbewegungen Stimmung gegen die Unterkünfte zu machen. Allerdings waren die stets für Montag angesetzten Demos am Ende mangels Teilnehmern kaum noch erwähnenswert.

Berlinweit entstehen derzeit fünf solcher Containerdörfer, in denen in erster Linie Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak, dem Iran, aber auch Afghanistan aufgenommen werden. Die PRISOD betreibt derzeit elf Gemeinschaftsunterkünfte, Marzahn wäre die zwölfte Einrichtung.

veröffentlicht am 10. Juli 2015

Containerdorf: Marzahn heißt Flüchtlinge willkommen
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