Isolde Adling leitet die Schule Am Breiten Luch. Neben Schülern mit Lernbehinderung kümmert sich das Team um die Rektorin auch darum, dass Flüchtlingskinder Deutsch lernen. Dafür gab es jetzt einen Preis. Von Marcel Gäding.

Isolde Adling mit ihrem deutsch-persischen Wörterbuch. Foto: Marcel Gäding
Isolde Adling mit ihrem deutsch-persischen Wörterbuch. Foto: Marcel Gäding

HOHENSCHÖNHAUSEN. Hin und wieder sitzt Isolde Adling mit Eltern an ihrem kleinen Tisch des Rektorenbüros der Schule Am Breiten Luch. Das an sich ist nicht ungewöhnlich, denn solche Gespräche gehören dazu, wenn ein Kind neu an ihre Schule kommt. Doch viele Mütter und Väter, die mit ihrem Nachwuchs bei der Schulleiterin vorsprechen, verstehen kein Deutsch. „Manche bringen einen Übersetzer mit“, sagt die Pädagogin. Zuweilen hilft auch ein bisschen Englisch. Allzu oft aber klappt es mit der Verständigung nur über einen Zettel, auf dem kleine Bilder abgedruckt sind. Ein Rucksack ist dort beispielsweise zu sehen, eine Federtasche oder Sportschuhe. Alles Utensilien, die man für den Unterricht benötigt. „Ich frage dann die Eltern und ihre Kinder, was das denn in ihrer Muttersprache heißt“, sagt Isolde Adling. Spätestens beim Versuch der Schulleiterin, Rucksack auf Serbisch oder Persisch auszusprechen, bricht das Eis zwischen den Beteiligten und es gibt auch schon mal einen Lacher.

Gut 75 der 230 Schüler der Schule Am Breiten Luch in Hohenschönhausen sind Flüchtlingskinder. Sie sprechen kein Wort Deutsch, wenn sie das erste Mal das dreigeschossige Gebäude betreten. Viele von ihnen, etwa afghanische Mädchen, waren noch nie in einer Schule. Diese Flüchtlingskinder werden derzeit in sechs sogenannten Willkommensklassen unterrichtet. Dort bringen ihnen die Lehrer Deutsch bei und bereiten sie auf den regulären Schulbesuch in der neuen Heimat vor. Die Jungen und Mädchen kommen aus 23 Nationen. Die meisten davon sind aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, Serbien und Bosnien geflüchtet. Dass das Team um Isolde Adling neben den Kindern mit Lernbehinderung auch Flüchtlingskinder betreuen wird, kam für alle überraschend. Die Lehrer versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Bisher hatte sich die Schule Am Breiten Luch darauf spezialisiert, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu unterrichten. Dann aber mussten Wege gesucht werden, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Gut drei Jahre gibt es nun die Willkommensklassen. Das Sprachwirrwarr auf dem Schulhof ist längst Alltag geworden.

Isolde Adling versucht bei jedem Neuankömmling zunächst, Empathie aufzubauen. Sie versteht sich als eine Botschafterin Deutschlands, denn viele geflüchtete Eltern und ihre Kinder kommen meist erst in der Schule Am Breiten Luch mit dem deutschen Schulsystem in Berührung. Weil sie als Englischlehrerin eine gewisse Affinität zu fremden Sprachen hegt und einst selbst im Ausland studierte, versucht sie, es den Flüchtlingen in ihrer Schule so einfach wie möglich zu machen. Dazu gehört auch, das eine oder andere persische oder serbische Wort aufzuschnappen. „Die Kinder freuen sich, wenn wir zwei oder drei Wörter in ihrer Sprache sprechen“, sagt sie. „Mein Ziel ist es schließlich, dass sich die Kinder bei uns wohlfühlen.“ Hilfreich ist auch, dass unter den älteren Schülern welche mit Migrationshintergrund sprechen und schon mal als Dolmetscher aushelfen. „In einem Fall hat ein serbisches Mädchen aus der achten Klasse eine Art Patenschaft für eine Zehnjährige aus ihrem Heimatland übernommen hat.“ Die Kleine hat schlichtweg Angst, in die Schule zu gehen. Die Größere von beiden kümmert sich um sie. Hinzu kommen Lehrerkollegen, die ebenfalls einen Migrationshintergrund besitzen. Sie werden verstärkt in den Willkommensklassen eingesetzt.

Allerdings: Im tagtäglichen Unterricht ist es nicht einfach mit der Verständigung zwischen Lehrern und Flüchtlingskindern. Daher kommt eine interaktive Tafel ins Spiel – Bilder sagen dann doch mehr als Worte. „Das ist für uns schon eine Herausforderung“, sagt Isolde Adling. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Lehrer zwischen den deutschen Kindern und den Flüchtlingskindern vermitteln müssen.

Tief sitzen manches Mal Vorurteile, welche die Kleinen von Erwachsenen aufschnappen. „Da heißt es gerne, dass die Ausländer uns Deutschen die Arbeit wegnehmen“, berichtet die Rektorin. In diesem Fall hilft nur reden und aufklären. Ganz pragmatisch funktioniert das beispielsweise bei einem Supermarktbesuch. „Die Kinder staunen, welche Früchte aus anderen Ländern kommen“, sagt Isolde Adling. Immerhin: Als im April dieses Jahres die neue Schulbibliothek eingeweiht wurde, beteiligten sich 50 deutsche und nichtdeutsche Kinder an einem Konzert. „Wir haben außerdem die Erfahrungen gemacht, dass beispielsweise gemeinsames Fußballspielen verbindet.“

Vor Kurzem bekam Isolde Adling für ihr Engagement den von der Bundestagsabgeordneten Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE) ausgelobten Integrationspreis verliehen. „Ein Lesewettbewerb, die Einrichtung einer Schulbibliothek und ein von ihr angestoßener Spendenmarathon zur Ausstattung der Flüchtlingskinder mit Schulmaterialien sind nur einige der Projekte, die sie erfolgreich zum Wohle ihrer Schüler initiiert hat“, heißt es dazu in der Begründung. „Frau Adling lebt in ihrer Schule eine Willkommenskultur, die man anderswo sucht.“ Natürlich freut sich die Geehrte über so viel Lob. Viel wichtiger aber ist ihr, dass ihre Arbeit damit auch öffentlich gemacht wird. „Nicht zuletzt trägt das ja auch zum Image unserer Förderschule bei“, sagt sie.

veröffentlicht am 30. Juni 2015

Flüchtlingskinder: beim Fußball Vorurteile abbauen