Evrim Sommer (DIE LINKE) wurde 2011 direkt ins Abgeordnetenhaus gewählt. Ein Jahr vor der nächsten Wahl zieht sie Bilanz und zählt hierfür viele Probleme auf. Von Marcel Gäding.

Evrim Sommer in ihrem Wahlkreis rund um die Zingster Straße. Foto: Marcel Gäding
Evrim Sommer in ihrem Wahlkreis rund um die Zingster Straße. Foto: Marcel Gäding

HOHENSCHÖNHAUSEN. Vor den Fenstern ihres Wahlkreisbüros tauchen immer wieder Bauarbeiter auf. Zwischendurch ist es sehr laut in der ersten Etage eines Plattenbaus an der Zingster Straße. Es wird gebohrt und gehämmert. Gut ein Jahr ist Evrim Sommer (DIE LINKE) jetzt hier vor Ort, teilt sich die Etage mit der Bundestagesabgeordneten Gesine Lötzsch. Doch wie es aussieht, muss sie demnächst wieder ausziehen – zumindest vorübergehend. Es ist eines der letzten Gebäude im Kiez, die 25 Jahre nach dem Fall der Mauer instandgesetzt werden.

Natürlich könnte man dies jetzt als Zeichen deuten: Es geht voran in Neu-Hohenschönhausen. Doch Evrim Sommer hält sich mit ihrer Euphorie zurück. Sicher, in der 30 Jahre alten Großsiedlung lässt es sich gut wohnen – und das mitten im Grünen. Vor der Tür halten die Straßenbahnen, die im Zehn-Minuten-Takt Richtung Stadtmitte fahren. Nur einen kleinen Spaziergang entfernt leuchten dieser Tage die Rapsfelder Gelb, während man am Malchower See gleich nebenan den Kuckuck hören kann.

Der Wahlkreis, den Evrim Sommer 2011 direkt holte, ist ein Ort voller Widersprüche. Einerseits wohnen dort Menschen mit einem festen Arbeitsplatz. Andererseits leben rund um die Zingster Straße alleinerziehende Mütter oder Männer und Frauen, die ohne staatliche Hilfe nicht auskommen. Dazu passt dann der Satz, den Evrim Sommer aus der Statistik ableitet: „21 Prozent der Lichtenbergerinnen und Lichtenberger sind armutsgefährdet.“ Noch schlimmer sieht es rund um die Randowstraße aus. Dort leben bis zu 70 Prozent der Menschen von Transferleistungen, also von Stütze. In vielen der 17 Kitas, die Evrim Sommer besucht hat, klagen die Leiterinnen über Elternhäuser, die die Zuzahlung für den Kitaplatz ihrer Kinder nicht mehr aufbringen können. Im Grunde genommen, sagt Sommer, müsste dort zusätzliches Personal eingestellt werden, um auch den Eltern Hilfe anbieten zu können. Immerhin finde in den Kitas die Vorschule statt. „Ein möglicher Weg wäre, Familienzentren einzurichten.“

Die Fakten, die Evrim Sommer zur Bilanz ihrer Wahlkreisarbeit präsentiert, sind nicht schön. Von einem Problemkiez wolle sie nicht sprechen: „Die soziale Strukturen sind ja gar nicht mal so schlecht.“ Kritik äußert sie aber am Bezirksamt, an Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD), der mal Bürgermeister von Lichtenberg war, und dessen Nachfolgerin Birgit Monteiro (SPD). „Es erfordert ein komplexes Maßnahmepaket“, lautet Sommers Forderung. Von den Verantwortlichen auf Bezirksebene erwarte sie, „dass diese das Problem beim Namen nennen“. Einen Fokus legt Sommer auf alleinerziehende Frauen. Geplant seien Antragsinitiativen, mit deren Hilfe Betroffene eine Perspektive erhalten. Dazu gehöre eine flexiblere Kinderbetreuung, die den Frauen ermöglicht, wieder in Arbeit zu gelangen. Dabei sieht sie auch das Land in der Pflicht, dem sie unterstellt, die Kommune – also den Bezirk – ausgeblutet zu haben. „Es eskaliert immer dann, wenn ein Kind verwahrlost aufgefunden wird“, sagt Sommer. Daher sei es verantwortungslos, Mittel in diesem Bereich zu reduzieren.

Aktiv wurde Sommer auch in anderer Hinsicht: Aus der eigenen Tasche finanzierte sie einen Bürgerbrief, der an 2.000 Haushalte im Kiez verteilt wurde. Darin versucht die Abgeordnete, den Ängsten der Anwohner vor der Ansiedlung von Flüchtlingen zu nehmen. „Mir ging es darum, zunächst einmal darüber aufzuklären, dass wir hier nicht von Flüchtlingen überschwemmt werden“, sagt Sommer. Ein weiteres Dauerthema in ihren Bürgersprechstunden sei der Ärztemangel. Viele der Ratsuchenden hätten zudem das Gefühl, abgehängt worden zu sein. „Zu DDR-Zeiten gehörten sie zu den Eliten, heute fühlen sie sich von der Politik ignoriert“, sagt Sommer. Weil es an Kultur im Kiez fehlt, versucht sie, eine Brücke zu bauen und organisiert auf eigene Faust eine politische Talk-Runde mit dem Namen „Ein Sommer-Abend“.

Mehr Geld für das Tierheim

Doch Sommer ist nicht nur in der Platte unterwegs. In der Siedlung Wartenberg organisierte sie Gesprächsrunden zwischen Anwohnern und den Berliner Wasserbetrieben, weil dort unklar ist, wie die Fäkalien abgefahren werden. In Falkenberg engagiert sich Sommer für ein Informationsleitsystem, das den Weg in die Barnimer Feldmark weist. Auch mit dem Tierschutzverein als Betreiber des Tierheims ist sie in ständigem Kontakt. Unter anderem geht es darum, die Mittel für die Versorgung herrenloser Tiere zu erhöhen. Nachhaken will sie noch einmal in Sachen Stadtteilzentrum nahe dem Bahnhof Hohenschönhausen. „Dafür gab es einen Einwohnerantrag, passiert ist aber bislang nichts.“ Das können auch einer der Gründe dafür sein, dass sich sämtliche Kiezaktive inzwischen zurückgezogen hätten. „Als ich 2011 hier im Wahlkreis anfing, gab es davon sechs“, erinnert sich Evrim Sommer. Mittlerweile hätten diese Anwohnerinitiativen ihre Arbeit weitestgehend eingestellt. „Es tut uns nicht gut, wenn wir sie links liegen lassen“, sagt die Abgeordnete. Daher habe sie sich vorgenommen, mit den Fraktionen in der BVV und der Bezirksbürgermeisterin noch einmal ins Gespräch zu kommen.

veröffentlicht am 30. Juni 2015

Evrim Sommer: Politik zwischen Armut und Naturidylle