Seit 20 Jahren gibt es das Senioren-Kabarett „Die alten Schachteln“: Das Ensemble nimmt alltägliche Erlebnisse aufs Korn. Alle Darsteller sind Amateure, doch der Anspruch ist professionell. Von Marcel Gäding.

"Die alten Schachteln" bei ihrer Probe. Foto: Marcel Gäding
„Die alten Schachteln“ bei ihrer Probe. Foto: Marcel Gäding

MARZAHN-HELLERSDORF. Auf der Mitte des Tisches stehen die Kaffeekannen, drum herum haben eine Handvoll Frauen und Männer Platz genommen. Vorn sitzt Johann Keib vor einem Laptop. Es ist Donnerstag, Probetermin. In einem kleinen Raum des SOS-Familienzentrums in Hellersdorf bereiten sich die Mitglieder des Seniorenkabaretts „Die alten Schachteln“ auf ihren nächsten Auftritt vor. Gut eine halbe Stunde dauert der heutige Durchlauf, bei dem fast alles klappt und Johann Keib zuweilen bei den Liedpassagen volkstümlich mitschunkelt.

Seit 20 Jahren gibt es „Die alten Schachteln“. Einige Darsteller sind noch aus der Anfangszeit dabei, viele aber kamen im Laufe der Jahre dazu. Fast alle sind Senioren. Eine frühere Lehrerin ist darunter, eine berentete Fachredakteurin, ein einstiger Bauleiter, eine ehemalige Sekretärin. Die jüngste Schauspielerin ist 58 Jahre alt, die älteste 77. Alle sind Amateure, wie Ensemblemitglied Hannelore Kretschmer sagt. Spätestens aber bei den Auftritten vor Publikum ist davon nichts zu merken. Wie ihre Kollegen von den großen Bühnen ziehen sie professionell ihr Programm durch.  Aktuell sind „Die alten Schachteln“ wieder auf der Suche nach weiteren Mitstreitern.

Von Politik und Wehwehchen

„Die alten Schachteln“ nehmen aufs Korn, was ältere Menschen im Alltag erleben. Ihre Stücke handeln mal von der großen Politik, mal von der Gesundheitsreform, mal von den Wehwehchen, die man als älterer Mensch eben so hat. In einem Sketch wird ein Senior von einem Einbrecher überrascht, der sich die Munition für seine Pistole nicht leisten kann. In einem anderen Sketch bringt die Kandidatin einer Fernsehshow die Quizmasterin in einer Herricht-Preil-Manier  fast zur Verzweiflung. Eine andere Szene spielt sich in einem Arztzimmer ab, wo ein älterer Herr bei seiner Hausärztin vorspricht und um potenzsteigernde Präparate bittet. Und dann ist da noch das Stück „Der Telefonservice“, bei dem eine ältere Dame permanent in der Warteschleife eines Ärztehauses hängt. Ihre Stücke schreiben die Senioren selber. Doch oft feilen die Ensemblemitglieder lange an ihren Vorlagen, bis sie stimmig sind. Ob ein Sketch schließlich beim Publikum ankommt, stellt sich erst bei einem Auftritt heraus. „Jeder Auftritt ist eine Prüfung“, sagt Johann Keib. Und: „Jedes Stück muss irgendwie auch zum Publikum passen.“

Amateure mit Profi-Anspruch

Es ist ein großes Glück, dass der ausgebildete Theaterregisseur und Kulturpädagoge Johann Keib vor 18 Jahren zur Truppe stieß. Der gemütliche wirkende Mann hat einst mit Profis gearbeitet. Und das merkt man auch bei den Proben an diesem Donnerstag. Sobald er das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt, ermahnt er seine Truppe: „Konzentriert euch bitte“, sagt er dann. Keib ist eine Art Mädchen für alles, schließlich springt er schon mal von seinem Platz auf, um Requisiten wegzuräumen. Oder er startet eines der Lieder, zu denen seine Kabarettisten singen. Darunter sind richtige Ohrwürmer, wie die Melodie zu „Das ist die Berliner Luft“ von Paul Lincke oder „Du hast mich tausendmal belogen“ von Andrea Berg, aus dem das Lied „Ich habe mich tausendmal gewogen“ wird. „Johann Keib gibt sich große Mühe, aus uns Profis zu machen“, lautet dann auch das Fazit von Hannelore Kretschmer. Für die Hobby-Kabarettisten ist das hier alles wie eine Art Gehirnjogging.

Bis zu 100 Zuschauer kommen zu einer Vorstellung zu den alten Schachteln, die sich auf der Bühne genauso wohl fühlen wie in Seniorenfreizeitstätten oder Nachbarschaftszentren. Hin und wieder passieren dort auch Dinge, die so vorher nicht geprobt wurden. Etwa, wenn es Probleme mit den selbst gestalteten Kostümen gibt. Vor einiger Zeit verrutschte einer der Damen der Hut. Das sorgte für Lacher im Publikum.

veröffentlicht am 30. Juni 2015

Die Alten Schachteln: Der ganz normale Wahnsinn