Aldona und Holger Kosel aus Marzahn betreiben ein eigenes Theater. Es ist 39 mal 23 Zentimeter groß. Kulissen und Schauspieler sind aus Papier. Die Vorstellungen sind gratis. Voraussetzung: mindestens sechs Zuschauer. Von Marcel Gäding.

Holger und Aldona Kosel vom Papiertheater an der Oppermann. Foto: Marcel Gäding
Holger und Aldona Kosel vom Papiertheater an der Oppermann. Foto: Marcel Gäding

MARZAHN-HELLERSDORF. Zu dieser Zeit würde man im Publikum kleine Leute erwarten. Doch an diesem Nachmittag, es ist kurz nach 15 Uhr, füllen sich die Reihen mit älteren Damen und einem Herren. „Der kleine und der große Klaus“ nach Hans Christian Andersen steht auf dem Programm von Berlins vermutlich kleinstem Theater. Die Bühne des Papiertheaters an der Oppermann misst gerade einmal 39 mal 23 Zentimeter. Gut 45 Minuten dauert diese Vorstellung in einem Nebenraum der Ehm-Welk-Bibliothek, bei der gelacht und gesungen, gepfiffen und geflucht wird. Der Applaus ist am Ende groß. Zum Dank gibt es von der Bibliotheksleiterin Blumen. Eine Gage nehmen die Darsteller nicht. Aus Prinzip.

Gut vier Jahre ist es her, dass Aldona und Holger Kosel ihr Papiertheater gründeten. Das Projekt ist in einer Weinlaune nach einem Ostseeurlaub entstanden, erinnert sich Holger Kosel. Damals schlenderten die Kosels durch den kleinen Ort Preetz bei Kiel, als sie ein Geschäft namens „Kurioser Papierladen“ entdeckten. Bis oben hin seien die Regale mit Papier- und Bastelbögen gefüllt gewesen, sagt Aldona Kosel. Schnell kamen sie mit dem Inhaber ins Gespräch. Von dem erfuhren sie, dass er einmal im Jahr ein kleines, aber feines Papiertheaterfestival veranstaltet. Noch Tage später waren die Kosels so fasziniert, dass sie beschlossen, ebenfalls ein Papiertheater zu eröffnen.

Die Heimat des Papiertheaters an der Oppermann befindet sich in einem Einfamilienhausgebiet in Marzahn. Hier leben die Kosels schon eine Weile. In einem ihrer beiden Wohnhäuser richteten sie ihr Theater ein, das Platz für maximal zwölf Personen bietet. Sechs Stücke haben sie im Repertoire, die tragen Titel wie „Wolf bleibt Wolf“, „Katzentanz“ oder „Frau Kaffeekanne und Herr Kullerkeks“. Während Aldona Kosel die Stücke schreibt und mit viel Wortwitz versieht, kümmert sich ihr Mann Holger um die Bühnentechnik mit den vielen modulartigen Bühnenbildern. Denn hinter der kleinen Bühne befinden sich die Bühnenbilder mit den Motiven aus Papier. Die Darsteller, kleine Pappfiguren, werden mit einer Art Verlängerung in die Szenen geschoben und können sich sogar drehen. Bei jeder Vorstellung aber sind dann beide gefragt. Sie schieben die Figuren über die Bühne, sorgen für Licht- und Klangeffekte und hauchen ihren Darstellern Leben ein. Dafür schlüpfen sie in viele Rollen, für die sie ihre Stimmen verstellen. Stolz gewähren sie nach den Vorstellungen einen Blick hinter die Kulissen. Aldona Kosel strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie dann über ihr Theater erzählen kann. Noch kommen bei den aktuellen Stücken größtenteils die aus Papierbögen gebastelten Szenenelemente zum Einsatz. Für die kommende Neuinszenierung wollen Kosels aber alles selbst gestalten.

Die Geschichte des Papiertheaters geht auf das Jahr 1811 zurück. Damals wurde in England das erste Papiertheaterstück gezeigt. Zehn Jahre später fanden auch im deutschsprachigen Raum Aufführungen statt. Um das Papiertheater entwickelte sich eine eigene Branche, denn Verlage spezialisierten sich darauf, die entsprechenden Bastelbögen für Figuren und Kulissen herzustellen und zu vertreiben. Mit dem Ersten Weltkrieg geriet das Papiertheater zunächst in Vergessenheit. In den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden Reproduktionen der Bastelbögen. Seitdem bildet sich in Deutschland wieder eine kleine, aber feine Papiertheaterszene heraus.

Seit gut einem Jahr tingeln Holger und Aldona Kosel mit ihrem Papiertheater durch Berlin. Einen festen Spielplan gibt es nicht. Im Prinzip kann sie jeder buchen. Einzige Voraussetzung: Es müssen mindestens sechs Zuschauer sein. Ein Honorar verlangen der frühere Sänger und die gelernte Oboe-Spielerin nicht. „Unser Lohn ist es, wenn die Leute zu uns kommen“, sagt Holger Kosel. Sie verstehen es als Hobby, das viele Vorteile mit sich bringt. Denn ohne Einnahmen müssen sie auch keine Steuererklärung an das Finanzamt liefern. „Außerdem können wir machen, was wir wollen“, sagt Aldona Kosel. 

veröffentlicht am 23. Juni 2015

Theater an der Oppermann: Berlins kleinste Bühne