In der Lichtenberger Gartenarbeitsschule erfahren Kinder, wie Obst und Gemüse angebaut wird. Die Gewächshäuser stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Von Marc Dietrich.

Sigrid Meyer prüft die Studentenblumen im Gewächshaus. Foto: Marc Dietrich
Sigrid Meyer prüft die Studentenblumen im Gewächshaus. Foto: Marc Dietrich

KARLSHORST. Vor einigen Tagen haben die Kinder einer zweiten Klasse ihre Radieschen auf den akkurat angelegten Beeten der Gartenarbeitsschule Lichtenberg geerntet. Einige haben gleich gekostet und dabei das Gesicht verzogen. Denn anders als die Radieschen aus dem Supermarkt schmeckte ihr Wurzelgemüse scharf. „So, wie Radieschen eben schmecken“, sagt Sigrid Meyer und schmunzelt.

Die Gartenarbeitsschule an der Trautenauer Straße in Karlshorst ist ein kleines Refugium: Auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern wurden liebevoll Beete, Obstgärten, Nistkästen, Gewächshäuser und Geräteschuppen angelegt. Unter alten Obstbäumen stehen Tische und Stühle, überall hängen Informationstafeln, auf denen Wissenswertes zu Kartoffelsorten, dem Wasserkreislauf oder Vögeln zu lesen ist. Seit 31 Jahren ist Sigrid Meyer die Chefin der aus dem Zentralschulgarten hervorgegangenen Gartenarbeitsschule Lichtenberg. Dass es das Gelände heute noch gibt, ist ein kleines Wunder. 1993 beschloss der Senat, dass diese Einrichtung – wie die Freilandlabore und anderen Gartenarbeitsschulen Berlins auch – erhalten und gesichert werden soll. Und erst kürzlich bekannte sich das Bezirksamt Lichtenberg in seinem neuen Schulentwicklungskonzept zu dem Standort. Drei feste Mitarbeiter arbeiten hier, unterstützt von Helfern des Vereins Agrarbörse und Praktikanten.

Wie wichtig es ist, dass dort Kitakinder und Grundschüler auf Tuchfühlung mit der Natur gehen, beweist die Geschichte mit den Radieschen und so manch andere Anekdote: „Viele Kinder kennen Rotkohl nur aus dem Glas oder sind erstaunt, wie aus einer kleinen Kartoffel eine ganze Hand voll Kartoffeln wächst“, sagt die Gartenbaupädagogin. Und so kann es gar nicht früh genug losgehen mit der Gartenarbeit. So hegen und pflegen Kitas aus der Nachbarschaft kleine Beete, während Erstklässler im Frühjahr Zwiebeln setzen. Die größeren Kinder machen beim Projekt „Kids an die Kartoffel“ mit, bauen ihre Erdäpfel selber an und verarbeiten sie im Herbst zu Kartoffelpuffern, Kartoffelsuppe oder Kartoffelsalat. Hinzu kommen die Kinder einer Arbeitsgemeinschaft, die einen Bauerngarten pflegen. Dort wachsen so interessante Kräuter wie Olivenkraut, Currykraut, Salbei oder Thymian. Blumen gedeihen dort ebenfalls, darunter Lupinen, Zierlauch und Schwertlilien.

Als Sigrid Meyer 1984 im damaligen Zentralschulgarten anfing, nutzten diesen drei Schulen aus Lichtenberg. Bis auf ein Biotop gleich am Eingang fand sie ausschließlich Beete und Gewächshäuser vor, die noch aus der Zeit des 19. Jahrhunderts stammen. Damals versorgte die einstige Gärtnerei Koch die Karlshorster mit Obst und Gemüse. Drei der einstigen Gewächshäuser gibt es immer noch. Sie stehen zur Hälfte in der Erde. Im Winter werden dort Pflanzen wie Paprika, Tomaten oder Basilikum angezogen, die später an die Schulen im Bezirk abgegeben werden. Auch das Hauptgebäude der alten Gärtnerei Koch existiert noch. Wo einst das Wohnzimmer der Gärtnerfamilie war, befindet sich heute eines von zwei Klassenzimmern. Was heute an der Trautenauer Straße wächst, nehmen die Kinder oder deren Eltern mit nach Hause. Mittlerweile ist das Gelände in viele kleine Pflanzwelten geteilt. Viele Kinder legen in der Lichtenberger Gartenarbeitsschule erstmals ihre Angst vor Spinnen, Würmern und Käfern ab. Sie lernen, dass die Insekten und Kriechtiere nützliche Gartenhelfer sind.

Gut 300 Jungen und Mädchen nutzen aktuell die Gartenarbeitsschule, entweder als Kitagruppe oder im Rahmen des Sachkundeunterrichts. Hinzu kommen die Besucher der Tage der offenen Türen, an denen auch Eltern so manche Frage zum eigenen Garten stellen. Beliebt, sagt Sigrid Meyer, sind auch die Zwei-Tages-Kurse zum aid-Ernährungsführerschein. Dort lernen die Kinder spielerisch, woher das Essen kommt und wie man es zubereitet. 

 

Informationen:

Gartenarbeitsschule Lichtenberg,

Trautenauer Straße 40, 10318 Berlin,

Tel. (030) 5 09 96 28

veröffentlicht am 15. Juni 2015

Gartenarbeitsschule: Paradies für kleine Gärtner