Die Hohenschönhausenerin Alina Pätzold organisiert seit 15 Jahren interkulturelle Salonabende und engagiert sich als Kommunalpolitikerin. Jetzt bekam die umtriebige Frau den Bundesverdienstorden. Von Marcel Gäding.

Alina Pätzold, wie immer gut gelaunt. Foto: Marcel Gäding
Alina Pätzold, wie immer gut gelaunt. Foto: Marcel Gäding

HOHENSCHÖNHAUSEN. Es war im Januar, als Alina Pätzold mit einer kleinen Verspätung zum Neujahrsempfang ins Lichtenberger Rathaus eilte. Die Veranstaltung war bereits in vollem Gange, was die Gäste nicht davon abhielt, der Frau mit dem rotbraunen Haar die Hand zu geben. Sie hielt das für eine nette Geste, schließlich kennt sie viele Menschen im Bezirk und dachte, die Herzlichkeit sei dem Umstand geschuldet, dass man sich lange nicht gesehen hat. Was Alina Pätzold jedoch nicht wusste: Kurz zuvor hatte Lichtenbergs Vize-Bürgermeister Andreas Prüfer stolz verkündet, dass eben diese Frau den Bundesverdienstorden bekommen wird. „Ich brauchte erst einmal fünf Minuten, um das zu verstehen.“

Bis heute ist nicht klar, wer Alina Pätzold für die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen hat. „Ich habe auch nicht danach gefragt“, sagt die 62-jährige Kulturmanagerin. In den Verdacht kämen dafür viele Menschen: Alina Pätzold ist in Lichtenberg, Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Wofür sie die Medaille bekam, ist aber kein Geheimnis: „Frau Pätzold hat sich in beispielhafter Weise um das Verständnis und Miteinander verschiedener Kulturen in Deutschland verdient gemacht“, heißt es unter anderem aus dem Bundespräsidialamt in der offziellen Begründung. Verliehen wurde der gebürtigen Armenierin der Orden von der türkischstämmigen Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD). Gerade in diesen Tagen, in denen es um die Frage geht, ob der Tod Hundertausender Armenier während des Ersten Weltkrieges Völkermord war, ein fast symbolischer Anlass. Auf dem Erinnerungsfoto schauen beide Frauen zufrieden und lächelnd in die Kamera.

Aufeinander zugehen, miteinander ins Gespräch kommen, voneinander lernen und sich respektieren: Alina Pätzold ist eine Kulturbotschafterin ohne Vorurteile. Diese Bezeichnung ihr nahestehender Menschen ist keine einfallslose Floskel, sie hat sich diesen Titel redlich verdient. Mit ihren stets gut besuchten Salonveranstaltungen gibt sie den Kulturen der Welt Raum. Angefangen hatte alles 1999 mit der Reihe „Heller Salon“ um Kulturforum Hellersdorf, dann ging es mit dem „Hoher Salon“ und dem „Carlshorster Salon“ weiter. Mehr als 225-mal organisierte sie ihre Salons, die vom Grundgedanken her immer gleich sind: Musiker, Künstler und Autoren eines bestimmten Landes nehmen die Gäste mit auf eine kleine Reise, dazu gibt es landestypische Speisen. Außerdem können ausgestellte Bilder und Skulpturen käuflich erworben werden.

Bis heute tragen die Veranstaltungen die unverwechselbare Handschrift von Alina Pätzold, die stets jeden Gast persönlich begrüßt, ihn zu seinem Platz begleitet und gerne mit seinen Tischnachbarn bekannt macht. Viele ihrer Gäste gehören inzwischen zum Stammpublikum. Etliche zählt sie zu ihrem Freundeskreis. „Wenn die einmal nicht kommen, dann sagen sie vorher Bescheid“, sagt Alina Pätzold. Aber auch die Künstler gehören inzwischen zu ihrer großen Familie. Mal gibt es Samba zu hören, mal mexikanische Klänge, mal das Vibrieren afrikanischer Trommeln. Aufgeregt sei sie auch heute noch, trotz aller Routine. „Ein kleines bisschen Lampenfieber gehört einfach dazu.“ Alina Pätzold sagt, dass es für sie keine Grenzen gibt im territorialen Sinne. Sie versuche über die Kultur alles zu verbinden: „Mein Publikum ist sehr neugierig und offen für Neues.“ Viele Gäste halten ihr von Anfang an die Treue. Kurios findet sie, dass an den Tischen – mit wenigen Ausnahmen – meist Deutsche Platz nehmen. Sehr oft mischen sich aber auch Botschafter oder Botschaftsangehörige unter das Publikum. „Viele meiner Gäste haben sich sehr für mich über die Auszeichnung gefreut“, sagt sie und zeigt einen kleinen Stapel mit Glückwunschschreiben.

Dass hinter der Organisation der Salons eine harte Arbeit steckt, lässt sich die Wahl-Hohenschönhausenerin und studierte Sprachwissenschaftlerin nicht anmerken. Doch in der Regel beginnen die Vorbereitungen schon im Herbst des Vorjahres. Sie schaut, welchen Abend sie welchem Land widmet, erkundigt sich bei Botschaften nach Künstlern und organisiert einen Koch oder eine Köchin für die landestypischen Speisen. Ab und zu springt sie auch selbst ein, wie vor zwei Jahren, als die fest gebuchte georgische Köchin kurzfristig ins Krankenhaus musste. „Also stellte ich mich selbst an dem Veranstaltungstag in die Küche, denn Georgien ist ja ein Nachbarland von Armenien, viele Speisen ähneln sich da.“ Fast immer hat sie volles Haus, sind alle 120 Plätze besetzt. „Oft müssen wir dann Wartelisten einrichten“, sagt Alina Pätzold. Springt mal jemand ab, greift sie persönlich zum Hörer und informiert die „Nachrücker“. Nebenbei erledigt sie auch noch die Pressearbeit und pflegt Kontakte zu Lokaljournalisten. Viel Arbeit für die agile Frau, die zudem noch für die CDU Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung ist. Natürlich würde das alles nicht ohne die Menschen in ihrem Umfeld funktionieren. Gut zehn Frauen und Männer des Kulturrings Berlin zählen zum Team, das zum Gelingen der Salonabende beiträgt. Mittlerweile hat sie sich ein gutes Netzwerk zu den vielen Botschaften in Berlin aufgebaut, ist dort ein gern gesehener Gast bei Ausstellungseröffnungen oder Empfängen. Oft kann sie dort auch ihre profunden Sprachkenntnisse einsetzen. Immerhin spricht Alina Pätzold neben deutsch auch armenisch, türkisch, russisch und persisch.

Ihren Arbeitsplatz hat Alina Pätzold zu Hause mit Blick auf die begrünten Innenhöfe von Neu-Hohenschönhausen. In einer Fünfzimmer-Wohnung lebt sie gemeinsam mit Ehemann Dietrich, einem früheren Zeitungskorrespondenten, der heute als Pressereferent tätig ist. Ihre Kinder Mary und Martin sind längst ausgezogen. Die Tochter arbeitet in einer großen Wirtschaftskanzlei. Den Sohn hat es in die hohe Politik verschlagen. Er ist Bundestagsmitglied. „Martin war es auch, der mich zur Politik gebracht hat“, sagt Alina Pätzold. Beide Kinder erfüllen sie mit großem Stolz.

Und wie geht es mit der Kultur weiter? Alina Pätzold überlegt nicht lange. 80 Länder habe sie in den Salonveranstaltungen bereits vorgestellt, „mindestens 100 sollen noch dazu kommen“, sagt sie und schmunzelt. Dass sie aber einmal im übertragenen Sinne die ganze Welt umrunden wird, glaubt sie nicht. „Das dürfte dann doch nicht zu schaffen sein.“

SALON-Termine

HELLER SALON:
Veranstaltungsort: Kulturforum Hellersdorf, Carola-Neher-Straße 1, 12619 Berlin
Amerika, 22. Mai, 19.30 Uhr
Weltmusik, 11. September, 19.30 Uhr
Bolivien, 13. November, 19.30 Uhr

HOHER SALON:
Veranstaltungsort: Humboldt-Haus, Warnitzer Straße 13 A, 13057 Berlin
Argentinien, 26. Juni, 19.30 Uhr
Japan, 21. August, 19.30 Uhr
Australien, 23. Oktober, 19.30 Uhr
Peru, 11. Dezember, 19.30 Uhr

CARLSHORSTER SALON:
Veranstaltungsort: Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112, 10318 Berlin
Russischer Tango, 19. Juni, 19.30 Uhr
Indien, 25. September, 19.30 Uhr
Kuba, 27. November, 19.30 Uhr

Eintritt inkl. Landestypischer Speisen jeweils 18 Euro p.P., Karten unter Tel. (030) 553 22 76

veröffentlicht am 11. Mai 2015

Ein Orden für die Botschafterin der Kulturen