Im Kinderforscherzentrum Helleum können Kinder seit zwei Jahren naturwissenschaftliche Phänomene erkunden. Damit soll das Interesse an Naturwissenschaften geweckt werden. Die Chinesen haben bereits Teile des Helleums nachgebaut. Von Marcel Gäding.

Erstklässler aus Hoppegarten experimentieren mit ihrer eigenen Atemluft, die unter anderem kleine Schiffchen antreibt.Foto: Marcel Gäding
Erstklässler aus Hoppegarten experimentieren mit ihrer eigenen Atemluft, die unter anderem kleine Schiffchen antreibt.Foto: Marcel Gäding

HELLERSDORF. Prof. Dr. Hartmut Wedekind schaut zufrieden durch die Glasscheibe. Gerade haben die Kinder einer ersten Klasse aus Hoppegarten die Stationen des Kinderforschungszentrums Helleum in Beschlag genommen: Hinten an der Wasserstation blasen vier Kinder Wind in die Segel der kleinen Modellboote. Wenige Schritte weiter werden kleine Plastikdeckel mit Hilfe eines Föns in die Luft befördert. Nebenan surrt ein handelsüblicher Ventilator vor sich hin und bringt die Flügel einer kleinen Mühle zum Drehen. Wedekind beobachtet alles aufmerksam und freut sich, wie gedankenversunken die jungen Helleum-Besucher ein Phänomen nach dem anderen erkunden. „Wir arbeiten völlig instruktionsfrei“, sagt der Professor für Frühpädagogik und -didaktik an der Alice-Salomon-Hochschule.

Instruktionsfrei: Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Tatsache, dass im Helleum keine Vorgaben gemacht werden. Jede Kitagruppe, jede Schulklasse wird zwar am Anfang freundlich begrüßt. Wie die Kinder dann jedoch ihre zwei bis drei Stunden Zeit im Helleum verbringen, ist ihnen überlassen. Zwei Jahre gibt es die Einrichtung inzwischen an der Kastanienallee in Hellersdorf. Mehr als 14.500 Kinder kamen bislang hierher, berichtet die Helleum-Geschäftsführerin und Pädagogin Olga Theisselmann. „Sie spielen, experimentieren und erforschen Phänomene“, sagt sie. Hinter dem Helleum steht die Idee einer Lernwerkstatt. Kinder sollen schon früh für Phänomene und ihre Wirkungen begeistert werden, ohne mit schwerem naturwissenschaftlichem Wissen belastet zu werden. „Im Grunde genommen leben wir doch alle in einer Blackbox“, sagt Wedekind. Als Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) kürzlich auf Stippvisite im Helleum war, führte Wedekind ihn auch in die Besuchertoilette. Dort hat er einen durchsichtigen Spülkasten einbauen lassen. Müller war beeindruckt. „Wir betätigen solche Spülkästen täglich ohne zu wissen, was da eigentlich drin steckt.“

Das Konzept der Lernwerkstatt soll eine Art Grundstein für die naturwissenschaftliche Bildung von Kindern legen. Denn bereits im Kita- und Grundschulalter entscheide sich, ob ein Kind naturwissenschaftliche Neigungen entwickeln wird.

Völlig unvoreingenommen können die Kinder im Helleum auf Erkundungstour gehen, alles anfassen und ausprobieren. Dass sie quasi nebenher mit physikalischen Effekten zu tun haben, spielt zunächst eine untergeordnete Rolle. Angeboten werden Themenpakete zu Wasser, Luft, Wind, Boden, Sonne und Müll. „Unser Ziel ist es nicht, dass die Kinder alles verstehen“, sagt Olga Theisselmann. Es genüge schon, wenn die Jungen und Mädchen ein Phänomen ergründet haben. Den Kindern scheint es zu gefallen. „Zumindest habe ich noch kein Kind erlebt, dass am Ende einer Veranstaltung über Langeweile geklagt hat“, sagt die Helleum-Geschäftsführerin. Damit alles möglichst alltagstauglich erscheint, wurden in die Mitmach- und Experimentierstationen möglichst viele Gegenstände integriert, denen die Kinder auch im richtigen Leben begegnen.

Neben den entwickelten Themenpaketen werden im Helleum weitere Projekte dazu kommen. Im Februar nahm eine Gruppe ihre Arbeit auf, die „Tüfteltruhen“ entwickeln soll. Bis Februar 2017 soll klar sein, was in die Truhen kommt. Lehrer und Erzieher sollen sich die Themenkisten dann jeweils ausleihen und vor Ort in den Kitas und Schulen experimentieren können.

Begeistert von dieser Herangehensweise an Naturwissenschaften ist auch die Grundschullehrerin Heike Stichel, die mit ihrer 1. Klasse der Lenné-Schule aus Hoppegarten nach Hellersdorf kam. „Im Rahmen des Sachkundeunterrichtes haben wir uns mit dem Wetter als Thema befasst“, sagt die Pädagogin. Im Helleum können die Kinder nun live erleben, welche Wirkung Wasser hat und wozu Wind gut sein kann.

Klar ist: Das Helleum – getragen von Bezirksamt, Alice-Salomon-Hochschule und Senatsbildungsverwaltung – ist schon zwei Jahre nach der Eröffnung ein Erfolg. Die angebotenen Themenstunden für Kitakinder und Grundschüler sind schon weit bis in den Sommer ausgebucht. Viele Anfragen müssen aktuell abgelehnt werden. Doch der Erfolg ist kein Garant für eine langfristige Planung. Erst vor Kurzem sprangen lokale Unternehmen ein, um eine zuvor geförderte Stelle von Olga Theisselmann übergangsweise zu finanzieren. Sie und ihre Projektmitarbeiter – darunter Pädagogen, Lehrer und studentische Kräfte – hangeln sich von einem Fördermittelantrag zum nächsten. Bislang wurden die benötigten finanziellen Mittel aber stets bewilligt. Ein Erfolg ist auch, dass unter den vielen Besuchern oft ausländische Delegationen sind. Die Gäste der Alice-Salomon-Hochschule werden von Prof. Dr. Hartmut Wedekind voller Stolz durchs Haus geführt. Sie kommen aus aller Welt, die weiteste Anreise hatten, Chilenen, Japaner, Südafrikaner und Chinesen.

Letztere haben vor einigen Monaten fleißig fotografiert und die Aufnahmen als Vorlage benutzt, um die Wasserstation des Helleums nachzubauen. Den kuriosen Beweis hat Wedekind auf seinem Handy in Form eines Fotos. Allerdings: Anfangs funktionierte das chinesische Duplikat nicht, weil die Asiaten beim Nachbau einige kleine Details vernachlässigt haben. So floss das Wasser zunächst nicht in die gewünschte Richtung. Wedekind nahm es mit Humor und gab den freundlichen Raubkopierern Tipps, wie sie das Problem lösen.“

veröffentlicht am 27. April 2015

Helleum: ein Hellersdorfer Exportschlager